Düsterer Thriller um Kindesentführungen

Krimi der Woche: Mit ihrem vierten Roman «So dunkel der Wald» zeigt die Österreicherin Michaela Kastel viel Potenzial.

Ihre Erzählweise erreicht über weite Strecken eine beeindruckende Intensität und kaschiert dadurch auch Mängel im Plot: Romanautorin Michaela Kastel.

Ihre Erzählweise erreicht über weite Strecken eine beeindruckende Intensität und kaschiert dadurch auch Mängel im Plot: Romanautorin Michaela Kastel. Bild: Marie Bleyer

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Der erste Satz
Wir nennen es Sonnentor – das dunkle Loch mitten im Felsen, in das Paps uns wirft, wenn wir nicht artig waren.

Das Buch
Irgendwo tief in einem Wald, weitab von der Zivilisation, lebt ein Mann mit ein paar Kindern in einem alten Haus. Das ist aber alles andere als eine Idylle. Denn die Kinder hat der Mann entführt. Zwei, Ronja und Jannik, sind inzwischen gross geworden. Ronja will fliehen. Doch Jannik hält sie davon ab. Aus Angst vor der unbekannten Welt dort draussen. Und wo sollten sie schon hin nach all den Jahren?

Nicht alle Kinder, die der «Paps» genannte Mann entführt hat, leben noch. Neben Ronja und Jannik hält der Entführer noch zwei andere im Haus gefangen, ein Mädchen und ein Junge, die beide jünger sind. «Paps» bevorzugt sie eben in dem Alter.

Die 30-jährige Wienerin Michaela Kastel entwirft in ihrem Thriller «So dunkel der Wald» auf eindrückliche Art eine bedrückende Szenerie. Den Hauptteil des Romans bestreitet Ronja als Icherzählerin. Sie schildert neben den Tagen im Wald auch ihr Leiden, ihr zerstörtes Leben, in dem «alles, was man fühlt, diese Traurigkeit ist: Die leise Ahnung, nie das zu bekommen, was man sich wünscht. Bloss weil man seine Unschuld so früh verlieren musste.»

Auf einer zweiten Ebene folgt die Geschichte einer Kriminalbeamtin. Ihr gehen die sich seit Jahren stetig wiederholenden Kindesentführungen, die nie geklärt wurden, nahe, und sie glaubt daran, dass zumindest ein Teil dieser Kinder noch irgendwo lebt. Mit der Zeit kommt sie dem Entführer auf die Spur. Doch wo bloss steckt er? Eine dritte Ebene sind Tagebuchauszüge, in denen so etwas wie eine Erklärung, warum Paps so geworden ist, anklingt.

Für die Kinder ist das Leben im Wald auf der einen Seite die Hölle, auf der anderen Seite mit der Zeit aber zu einem Alltag geworden, in dem man manches auch positiv zu sehen beginnt. Michaela Kastel schildert das einfühlsam und weitgehend nachvollziehbar. «Mit jedem Tag in Paps’ Gefangenschaft haben wir einen Teil unseres Selbst verloren und seine verdrehte Wirklichkeit angenommen», erkennt Ronja. «In dieser Wirklichkeit bedeuten Berührungen Schmutz und Schande, Zärtlichkeit schürt Angst, und Gefühle sind nur Märchen.»

Das ist Schwermut ohne Ende. Und der Plot ist nicht in allen Teilen völlig plausibel – warum entführt Paps auch Buben, und wieso liess er Ronja und Jannick erwachsen werden, fragt man sich etwa. Dass Kastels Erzählweise über weite Strecken eine beeindruckende Intensität erreicht, hilft darüber hinweg. Dabei zeigt sie auch ein gutes Gespür dafür, wo eine Andeutung genug ist, und meidet etwa bei den sexuellen Übergriffen von «Paps» explizite Schilderungen. Michaela Kastel zeigt mit «So dunkel der Wald» viel Potenzial, das für weitere Werke vielversprechend ist.

Die Wertung

Der Autor
Michaela Kastel, geboren 1987 in Wien, begann schon als Kind, Geschichten zu schreiben. Sie «studierte sich nach ihrem Schulabschluss an einer katholischen Privatschule quer durch das Angebot der Universität Wien». Zwischen 2009 und 2017 veröffentlichte sie drei Bücher; «So dunkel der Wald» ist ihr vierter Roman. Michaela Kastel lebt in Wien und arbeitet neben dem Schreiben in einer Buchhandlung.

Michaela Kastel: «So dunkel der Wald». Emons, Köln 2018. 303 S., ca. 27 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 10:14 Uhr

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