Ein Actionthriller wird zum Lehrstück über Gewalt

Krimi der Woche: Der amerikanische Rechtsanwalt Douglas E. Winter setzt mit seinem beinharten Roman «Run» Massstäbe für Noir-Thriller.

«Run» ist der einzige Roman von Douglas E. Winter, einem renommierter Rechtsanwalt in  Washington D.C., der auch schon über die Terrorbekämpfungsmassnahmen des FBI geschrieben hat. Bild: zVg

«Run» ist der einzige Roman von Douglas E. Winter, einem renommierter Rechtsanwalt in Washington D.C., der auch schon über die Terrorbekämpfungsmassnahmen des FBI geschrieben hat. Bild: zVg

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Der erste Satz
Wir knöpfen uns also diesen Dickie-Mullen-Typen vor, und dieser Kerl ist der typische Eigentümer eines Waffenladens in der Vorstadt, quatscht ununterbrochen über die Verteidigung von Haus und Hof und die Jagdsaison, hat überall Ausgaben von «Guns & Ammo» und «Soldier of Fortune» herumliegen, verkauft beschissene .38er an besorgte Ehemänner und Hausfrauen, und hält die ganze Zeit über Reden, als wäre er Rot, Weiss und Blau herausgeputzt, in der gottverdammten Flagge.

Das Buch
Dieser Roman wäre unbeachtet an mir vorbeigerauscht ohne den Hinweis von Martin Compart, der «Run» von Douglas E. Winter in seinem Blog als «Noir-Thriller der Extraklasse» und «frühen Genreklassiker des 21. Jahrhunderts» preist. Eine Beurteilung mit Gewicht: Compart verantwortete in den 1980ern und 1990ern die besten deutschsprachigen Krimiprogramme (gelbe Ullstein-Krimis, Schwarze Serie bei Bastei-Lübbe, Dumont Noir).

«Run», im Original schon im Jahr 2000 erschienen, ist der einzige Roman von Douglas E. Winter, einem renommierten Rechtsanwalt, der für eine grosse Kanzlei in Washington D.C. – «Dirty City» in der Sprache seines Protagonisten – tätig ist. In der Literatur kennt man Winter vor allem als Kritiker, Herausgeber und Biograf im Horror-Genre. Er war zudem beteiligt an der Untersuchung und war Chefredaktor des Berichts der Untersuchungskommission über Terrorbekämpfungsmassnahmen des FBI im Zusammenhang mit dem Amoklauf in der US-Army-Basis Fort Hood im Jahr 2009 (13 Tote, 42 Verletzte).

Um Waffenhandel und brutale Gewalt geht es in seinem Roman «Run». Burdon Lane arbeitet für einen grossen Waffenhändler, der legal und illegal geschäftet. Als Icherzähler zieht er einen mit einem leicht schnoddrigen, oft sarkastischen Ton in seine Welt: «Nun, wie wir alle wissen, bieten die Vereinigten Staaten von Amerika keine Rüstungsgüter feil, nicht unsere Regierung, auf keinen Fall, genauso wie wir alle wissen, dass es keinen Krebs gibt.»

Lane wird von seinen Chefs für einen umfangreichen und etwas komplizierten Deal mit einer schwarzen New Yorker Gang aufgeboten. Bald merkt er, dass da etwas ganz anderes läuft, als ihm erzählt wurde. Tatsächlich dient der angebliche Deal dazu, der Gang ein perfides Attentat in die Schuhe zu schieben. Und plötzlich steht auch Lane auf der Abschussliste, da er, statt einfach ein guter Soldat zu sein, selbst zu denken beginnt und ein Gewissen entwickelt.

Lane gehört zwar, wie er gleich zu Beginn freimütig bekennt, nicht zu den Guten, doch der Autor schafft es scheinbar mühelos, dass wir mit ihm fühlen. Der virtuos aufgebaute Plot, in dem kaum jemand das ist, was er zu sein vorgibt, erstreckt sich über 24 Stunden, und Winter treibt die Geschichte mit atemberaubendem Tempo voran. Dabei ist «Run» aber weit mehr als einfach ein spannender Actionthriller. Ohne auch nur entfernt zu moralisieren oder zu belehren, zeigt Winter fast beiläufig, wie Waffenhandel und Gewalt zusammenhängen, wie sich die Spirale der Gewalt dreht und dreht und dreht. Unaufhaltsam treibt die Geschichte einem blutigen Finale entgegen. «Run» ist beinhart und gnadenlos. Es sei «einer der besten Romane über Gewalt», die er je gelesen habe, schrieb der englische Krimiautor Mark Timlin. Dem ist nichts beizufügen. Ausser, dass man gerne mehr von Douglas E. Winter lesen würde.

Die Wertung

Der Autor
Douglas E. Winter, geboren 1950 in St. Louis, Missouri, schloss 1975 die Harvard Law School ab. Er ist für eine renommierte Kanzlei in Washington D.C. tätig, und mehrere Ratings zählen ihn zu den besten Rechtsanwälten der USA. Als Prozessanwalt befasst er sich insbesondere mit komplexen Fällen, wobei die Schwerpunkte auf Informationstechnologie, Luftfahrt, Produkthaftung und Sammelklagen liegen. Sein literarisches Interesse liegt vor allem beim Horror-Genre. Er ist in diesem Bereich als Kritiker tätig, ist Herausgeber verschiedener Anthologien und Autor von Biografien über Stephen King («Stephen King: The Art of Darkness», 1984) und Clive Barker («Clive Barker: The Dark Fantastic», 2002). Er ist Mitglied des National Book Critics Circle. «Run» (2000) ist sein einziger Roman.

Douglas E. Winter: «Run». (Original: «Run», Knopf, New York, 2000). Aus dem Englischen von Peter Mehler. Luzifer-Verlag, Drensteinfurt, 2018. 435 S., ca. 21 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 14:11 Uhr

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