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Ein Aufstieg, ums Verrecken

Die Neapel-Saga geht weiter, nun durch die Sechzigerjahre: In diesen Tagen kommt «Die Geschichte eines neuen Namens» von Elena Ferrante in die Buchläden.

Sehnsucht nach dem Ausbruch: Strassenszene aus Neapel. Foto: Benoît Decout (REA, Laif)
Sehnsucht nach dem Ausbruch: Strassenszene aus Neapel. Foto: Benoît Decout (REA, Laif)

Der erste Band endete mit einem klassischen Cliffhanger: Wir sahen Elena, die Erzählerin, auf der Hochzeit ihrer Freundin Lila. Schreckliches würde geschehen. Denn Stefano, Lilas eben Angetrauter, der gut betuchte Lebensmittelhändler, der sie aus dem Elend des neapolitanischen Rione herausholen sollte, hatte ihre selbst gemachten Schuhe, ihr Teuerstes, einem der Solara-Brüder geschenkt, finsteren Gestalten mit Mafia-Verbindungen, die das ganze Viertel unter ihrer Fuchtel haben.

«Was bisher geschah» in dreizehn Zeilen – das geht natürlich nicht. Aber wer nun «Die Geschichte eines neuen Namens» aufschlägt, tut das, weil er von «Meine geniale Freundin» begeistert war, dem ersten Band der vierbändigen Neapel-Saga von Elena Ferrante. (Mehr als 400'000 Exemplare hat Suhrkamp davon bereits drucken lassen.) Er wird in der Regel auch wissen, dass es sich bei Ferrante um ein Pseudonym handelt, das ein Journalist zwar gelüftet, der italienische Verlag aber dementiert hat. Wir bleiben deshalb dabei: Elena Ferrante, wer immer sich dahinter verbirgt, ist die Autorin auch des zweiten, wiederum grossartigen Romans um eine Frauenfreundschaft in Neapel.

Acht weitere Jahre

Er umfasst die Jahre 1960 bis 1967. Elena, die Erzählerin, die fleissige, angepasste, eher zaghafte Pförtnertochter, ist am Schluss 23; sie hat Abitur gemacht, in Pisa studiert, einen Roman geschrieben, sich aus dem «Dreckloch» ihrer Kindheit herausgearbeitet und sich zugleich, so ergeht das Sozialaufsteigern, von ihrer Familie und den Jugendfreunden entfremdet. Nicht allerdings von Lila; auch wenn das Band ihrer Freundschaft oft zu zerreissen droht, auch wenn lange Funkstille herrscht, von räumlicher Trennung ganz zu schweigen: Von Lila kommt Elena nicht los. Und wir Leser auch nicht.

Das Verhältnis der beiden ist derart intensiv und ambivalent, dass es kein Bild, keine Metapher gibt, die es adäquat wiedergeben könnte – nicht mal das von zwei Magneten, die sich gleichzeitig anziehen und abstossen. Die Autorin wird wissen, warum sie vier Bände braucht, wir Leser ahnen es nach inzwischen rund 1000 Seiten.

Wobei die Sache dadurch komplizierter wird, dass wir das Verhältnis aus der Perspektive Elenas sehen, die aber über Notizen Lilas verfügt, aus denen sie uns Fakten, aber keine Einschätzungen zur Verfügung stellt. Kurz: Wir wissen, was Elena über Lila denkt, aber nicht umgekehrt. Wir sind also auf die Wahrnehmung der äusserlich erfolgreicheren, innerlich aber von Minderwertigkeits­gefühlen zerfressenen, die Naturgewalt Lila beneidenden, liebenden und hassenden Elena reduziert.

Diese Konstellation ist psychologisch ungemein ertragreich – und literarisch raffiniert umgesetzt. Eine Szene nur: Elena wird von einer Lehrerin zu einer Hausparty eingeladen; Lila will mitgehen und stürzt die Freundin in einen Sturm widerstrebender Gefühle, die Ferrante in die Form einer Folge anaphorisch gereihter Sätze bringt, die alle mit «Ich fürchtete, dass ...» beginnen. Doppelter Kern der Furcht: Lila, die proletarische Provokateurin, könnte sie blamieren. Lila, die strahlende Schönheit, könnte sie ausstechen.

In den kommenden Jahren erntet Elena immer mehr Anerkennung, erfährt dabei aber auch, trotz guter Noten und Diplome, was der Soziologe Pierre Bourdieu die «kleinen Unterschiede» genannt hat, die subtilen Abgrenzungen von «oben» nach «unten». Dabei führt sie alle Erfolge auf Lilas Inspiration zurück; selbst ihr Roman, glaubt sie, sei ein Wiedergänger einer kleinen Geschichte, die die Freundin mit zehn Jahren geschrieben habe. Immer wieder empfindet sie sich als blasse Kopie eines genialen Originals, ja als erbärmlicher Teil eines Doppel-Ichs, von dem sie sich dann heftig loszureissen versucht.

Elena ist ein interessanter, vielschichtiger Charakter; aber Lila bleibt der Glutkern der Saga. Wir kommen ihr etwas näher, spüren ihre tiefe Verzweiflung über die soziale Zwangsjacke, in der sie gefangen ist. Den Mann, der sie wenigstens aus dem materiellen Elend herausziehen sollte, hasst sie, weil er sich mit dem Geld der Mafiosi des Viertels hat korrumpieren lassen; schon die Hochzeitsnacht gleicht einer Vergewaltigung. Im Gegensatz zur zaghaft-strategischen Elena schlägt Lila wild um sich, destruktiv und selbstzerstörerisch.

Starke, glühende Gefühle

Weil sie die Ehe als Form der Entfremdung erlebt, die sie zu vernichten droht – den drohenden Ichverlust kennen wir schon aus dem ersten Band –, sucht Lila ihr Heil in einer Amour fou, deren Ansprüchen der Geliebte aber nicht standhält. Am Ende ist sie ganz unten, als Arbeiterin in einer Wurstfabrik, die, wie ein Kollege sagt, «hier jedem auf den Sack geht». Im äussersten Elend liegt der Keim zum neuen Aufschwung; ob er kommt und wohin er führt, erfahren Leser im deutschsprachigen Raum ab dem 3. Mai, wenn Band drei erscheint.

Bis dahin haben sie erst einmal 600 fesselnde, von starken Gefühlen geradezu glühende, dramatische, manchmal drastische, unglaubliche, aber nie unglaubhafte Seiten vor sich. Auch an Zeitgeschichte Interessierte kommen auf ihre Kosten. Im Rione geht es drunter und drüber; Mord und Selbstmord, Schulden, Betrügereien und Pleiten, geschlagene Frauen, zerbrechende Ehen, ausgehaltene Geliebte: Die Korsette aus Ehre und Tradition zerbrechen unter dem Gewicht der Realität.

«Die, die unten sind, wollen nach oben, die, die oben sind, wollen oben bleiben, und so oder so endet es immer damit, dass man sich ins Gesicht spuckt oder tritt.» So erscheint Lila die Welt, aber ums Verrecken will sie sich nicht damit abfinden. Und auch nicht damit, Elena an ihrer Stelle aufsteigen zu sehen. Wir bleiben dran.

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, Berlin 2017. 624 S., ca. 30 Fr.

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