Ein Bad Cop mischt den Hamburger Kiez auf

Krimi der Woche: Deutsche Krimipolizisten sind oft bieder, bestenfalls originell. Im furiosen Thriller «Sarajevo Disco» von David Gray ist ein Bad Cop der Held.

In David Grays «Sarajevo Disco» bahnt sich ein Bandenkrieg auf dem Hamburger Kiez an. Kommissar Lewis Boyle, ein «Bad Cop», ermittelt weit jenseits der Legalität.

In David Grays «Sarajevo Disco» bahnt sich ein Bandenkrieg auf dem Hamburger Kiez an. Kommissar Lewis Boyle, ein «Bad Cop», ermittelt weit jenseits der Legalität. Bild: Samira Schmäh

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz:
Boyle stand vor dem Spiegel in seinem Bad.

Das Buch:
Deutsche Krimi-Kommissare sind meistens ziemlich bieder. Natürlich will jeder Autor seinen Helden ein bisschen besonders machen, und so wird viel gegrantelt, es wird ein wenig gemotzt und getrotzt, die Kommissare haben seltsame Hobbys oder Vorlieben. Aber am Ende sind sie, auch wenn sie Sonderlinge sind, doch liebenswert, und sie bringen ihre Fälle am Ende auf die Reihe. Das Muster ist durchschaubar, und darum so langweilig. Bad Cops kennen wir in erster Linie aus der angelsächsischen Literatur. Von der amerikanischen Noir-Legende Jim Thompson etwa, unvergessen ist die «Bastard»-Trilogie des Briten G. F. Newman aus den 1970ern, in neuerer Zeit leuchtet die Reihe um Inspector Brant des irischen Autors Ken Bruen mit einem intriganten Lügner als Hauptfigur.

Der deutsche Autor David Gray lässt in seinem furiosen Thriller «Sarajevo Disco» zum zweiten Mal (nach «Kanakenblues», 2015) Kommissar Lewis Boyle von der Leine. Boyle ist schwarz, und er ist Chef der Mordkommission bei der Hamburger Kripo. Einst klebte er als Multikulti-Poster-Boy der Polizei an den Litfasssäulen der Stadt. Aber seine Karriere verdankt er auch seiner Unzimperlichkeit, um es nett zu sagen: «Seine Karriere bei der Polizei hatte mit einem Verbrechen begonnen, kam später durch eine Lüge erst so richtig in Fahrt und wäre an einem entscheidenden Punkt beinah daran gescheitert, dass er vor drei Jahren zwei weitere Straftaten beging, um seine Haut zu retten und einige mächtige Männer dieser Stadt zu einem Kompromiss zu zwingen, der im Grunde so faul und wackelig war, dass jede Erschütterung der fragilen Machtbalance auf dem Kiez, im Präsidium und im Rathaus ihn vernichten könnte.»

In «Sarajevo Disco» bahnt sich ein Bandenkrieg auf dem Hamburger Kiez an, ein «Turfwar», nachdem hochrangige Gangster aus zwei Gangs brutal ermordet wurden von einer Gruppe, die nur mit Helmut-Kohl-Masken auftritt. Und diese neue Kohl-Gang bringt gratis Drogen unter das Partyvolk, an denen die Konsumenten reihenweise krepieren. Mit Kommissarin Jale Arslan an der Seite, einer Soziopathin, deren Blutdruck nicht einmal steigt, wenn sie einen untergetauchten RAF-Veteranen erschiesst («Ihr Empathielevel, das war Jale klar, entsprach so ungefähr der Rückenhöhe eines Plattfischs.»), bemüht sich Boyle, die verfahrene Situation in den Griff zu bekommen. Dass einer der involvierten Bandenchefs seit der Jugend Boyles bester Freund ist, sorgt für zusätzlichen Zoff. Der Bad Cop operiert weit jenseits der Legalität, spielt die Kontrahenten gegeneinander aus, trickst, dribbelt seine Vorgesetzten aus und benutzt auch Kollegin Arslan hemmungslos für seine Zwecke. Seine Devise: «Meine Gang ist immer noch die grösste in der Stadt und wenn wir was auch wirklich wollen, kriegen wir es auch.»

David Gray – ein Pseudonym des Leipzigers Ulf Torreck – bringt einen ganz neuen Ton in die deutsche Kriminalliteratur. Der ist zwar manchmal etwas arg forciert, vor allem was Strassen- und Bullenjargon angeht, aber immer rasant und unterhaltsam, erfrischend direkt und voll hintergründigem Humor: «Die dritte Generation der RAF ging ihm so völlig am Arsch vorbei wie zwei jodelnde Volksmusikanten auf Speed. Das waren Spinner, deren Verfolgung bei BKA am besten aufgehoben war, während richtige Polizisten sich um richtige Fälle kümmerten.»

Die Wertung:

Der Autor:
David Gray ist das Pseudonym von Ulf Torreck, geboren 1973 in Leipzig. Nach einem abgebrochenen Jurastudium hat er eine Ausbildung als Drehbuchautor absolviert und war als Script Doctor und Filmkritiker tätig. Seit 2011 veröffentlichte er über die Self-Publishing-Plattform von Amazon mehrere Romane als E-Books; «Wolfswechsel», ein historischer Roman, verkaufte sich über 30'000-mal. 2013 veröffentlichte er den Krimi «Glashaus», in dem der schwarze Hamburger Kommissar Lewis Boyle, der Held des neuen Romans, erstmals auftrat. Die überarbeitete Version von «Glashaus» erschien 2015 gedruckt als «Kanakenblues» bei Pendragon. «Sarajevo Disco» ist der zweite Band der Boyle-Reihe. Ulf Torreck lebt in Leipzig.

David Gray: «Sarajevo Disco». Pendragon, Bielefeld, 494 S., ca. 20 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2017, 15:09 Uhr

Artikel zum Thema

Die Rache einer Sprayerin

Krimi der Woche: Um Freundschaft und Verrat in der Sprayerszene dreht sich der dramatische Thriller «Rot für Rache» des Finnen Jari Järvelä. Mehr...

Überlebenskampf in einer neuen Welt

Krimi der Woche: «Fever» ist anders als die gewohnten Krimis des südafrikanischen Bestsellerautors Deon Meyer. Die Mischung aus Entwicklungsroman und Ökothriller spielt in der Zukunft. Mehr...

Grausamkeit im Namen der Ehre

Krimi der Woche: Brisant und gleichzeitig bedrückend – im neuen Kriminalroman «Love Like Blood» des britischen Bestsellerautors Mark Billingham geht es um Ehrenmorde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Never Mind the Markets Das Drehbuch von Chinas Erfolg

Geldblog Bankkonkurs: Wie man abgesichert ist

Politik ist ein schmutziges Geschäft

Krimi der Woche: «Der Mordida-Mann» von Ross Thomas ist aus dem Jahr 1981. Derartige ebenso intelligente wie witzige Politthriller gibt es heute leider kaum noch. Mehr...

Zwischen Politthriller und Südstaatenroman

Krimi der Woche: Das Frühwerk «Zeit der Ernte» von 1971 des Amerikaners James Lee Burke wirkt überraschend aktuell. Mehr...

Geächtete Ermittler und mörderische Krokodile

Krimi der Woche: Die Australierin Candice Fox hat sich für «Crimson Lake» ein Ermittlerduo mit Knast-Erfahrung ausgedacht. Mehr...