Ein bizarrer Mord und politische Verwicklungen

Krimi der Woche: Die Nordirland-Thriller von Adrian McKinty – jetzt neu: «Dirty Cops» – sind hart und gnadenlos realistisch, aber auch witzig.

Adrian McKinty kennt das Terrain seiner Figuren: Der Autor ist im nordirischen Carrickfergu aufgewachsen, wo auch sein Polizist arbeitet. Bild: James Braund / Suhrkamp Verlag

Adrian McKinty kennt das Terrain seiner Figuren: Der Autor ist im nordirischen Carrickfergu aufgewachsen, wo auch sein Polizist arbeitet. Bild: James Braund / Suhrkamp Verlag

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Der erste Satz
Blaudunkel, rotdunkel, gelbdunkel.

Das Buch
Ein Drogenhändler wurde vor seinem Haus erschossen. Mit einer Armbrust. Der bizarre Mord ist für Inspector Sean Duffy ein willkommener Anlass, den auf mehrere Tage angelegten Besuch bei seinen Eltern sofort abzubrechen und in den Dienst zurückzukehren.

Der Fall erweist sich als schwierig. Er passt in kein Schema. Und als sich dann heikle Verwicklungen abzeichnen, wird es gefährlich. Nicht nur, dass offenbar ein hoher Vorgesetzter Duffys irgendwie damit zu tun hat, es ergeben sich auch sonderbare politische Bezüge. Und solche sind nicht nur brisant, sondern im wahren Sinn des Wortes explosiv. Denn wir befinden uns im Nordirland der 1980er-Jahre. Seit 20 Jahren wird das Land von Gewalt beherrscht. Es wird gebombt und gemordet. Auf Anschläge folgen Vergeltungsaktionen. Die Spirale der Gewalt dreht sich ohne Ende.

«Dirty Cops» ist der sechste Thriller von Adrian McKinty, der vor diesem Hintergrund spielt. «Der katholische Bulle» hiess der erste Roman der Reihe auf Deutsch, für die der längst ausgewanderte nordirische Autor sich einen spannenden Helden ausgedacht hat: Der katholische Duffy in der von Protestanten beherrschten Polizei ist für die Katholiken ein Verräter, für die Protestanten ein dubioser Eindringling und für viele Polizisten ein Kollege, dem man nicht trauen kann.

McKinty versteht es meisterhaft, aus dieser Situation ebenso raffinierte wie spannende Thriller zu bauen, in denen er die jüngere Geschichte Nordirlands und das Leben in einem Guerillabürgerkrieg direkt und brutal darstellt. Symbolisch für die alltägliche Bedrohung ist das ständig wiederkehrende Ritual, bevor Duffy in seinen BMW steigt: Er geht auf die Knie, um nachzusehen, ob unter dem Auto eine Bombe angebracht wurde. Aber man muss auch das Gute daran sehen: «Wenn man schon auf sich schiessen lassen muss, dann ist Belfast der beste Ort dafür. Nach zwanzig Jahren Troubles und nach Tausenden von Attentatsversuchen und Bestrafungsaktionen hat Belfast viele der weltweit bestausgebildeten Schusstraumaspezialisten der Welt vorzuweisen.»

Die 1980er gehen dem Ende zu, und schon viele der Para-Truppen auf beiden Seiten sind auf Drogenhandel umgestiegen. Duffy, der aufrechte Kriminalist, hat langsam genug. Er hat eine junge Freundin, die das Land verlassen möchte, und eine kleine Tochter. «Ich war es nach all den Jahren müde, Polizist zu sein. Polizist in der Truppe mit der höchsten Todesrate auf der Welt.»

Trotz Gewalt, Brutalität und einem immer etwas melancholischen Unterton sind McKintys brillante Romane immer auch humorvoll. Ein immer wiederkehrendes Thema ist dabei die Musik, die unterwegs aus dem Autoradio dudelt: «Meine schlimmsten musikalischen Befürchtungen trafen ein, als sie im Radio hintereinander drei Stücke von Phil Collins spielten. Ich machte mir eine Notiz im Geiste, Collins’ Schlagzeugsoli aufzunehmen und damit die Befragungszimmer zu beschallen, wenn schwierige Kandidaten sich zierten.»

Die Wertung

Der Autor
Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, ist im nordirischen Carrickfergus aufgewachsen, wo sein katholischer Polizist Sean Duffy tätig ist. Nach einem Philosophie-Studium an der Oxford University zog McKinty nach New York, wo er unter anderem als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer, Buchhändler, Postbote und Journalist arbeitete. 2000 zog der nach Denver. 2003 debütierte er mit dem ersten Band der starken «Dead»-Trilogie um den jungen Iren Michael Forsythe, der in die irische Gangsterszene in den USA eintaucht. 2013 erschien der erste Band der Sean-Duffy-Reihe auf Deutsch: «Der katholische Bulle» (Original: «The Cold Cold Ground», 2012). Inzwischen umfasst die Reihe sechs Titel, drei weitere sollen folgen, kündigte der Autor unlängst an: «Dann ist Schluss!» McKinty zog 2008 nach Australien, wo er mit seiner Familie in St Kilda, einem Stadtviertel von Melbourne, lebt.

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Adrian McKinty: «Dirty Cops» (Original: «Police at the Station and They Don’t Look Friendly», Serpent’s Tail, London, 2017). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Suhrkamp, Berlin, 2018. 392 S., ca. 22 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2018, 09:58 Uhr

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