«Ein Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität»

Der Schweizer Staatsschutz überwachte Max Frisch. Er zerschnipselte seine Fiche und wehrte sich mit sarkastischen Kommentaren.

Während mehr als 40 Jahren sammelte der Staat Informationen über den Schweizer Schriftsteller.

Während mehr als 40 Jahren sammelte der Staat Informationen über den Schweizer Schriftsteller. Bild: AP, Str/Keystone

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«Dorftrottel», «einfach läppisch», «ein Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität»: Max Frischs Worte waren harsch, als er am 1. August 1990 seine Staatsschutzakte erhielt, die im Zuge der Fichenaffäre zugänglich geworden war. Frischs Verdikt war nur zu verständlich. Denn zu lesen bekam er eine Sammlung von unvollständigen, zum Teil falschen und oftmals banalen Informationen, die der Staat während etwas mehr als vier Jahrzehnten über ihn gesammelt hatte.

Der Auszug aus Max Frischs Fiche. Klicken für eine grössere Ansicht. Foto: Suhrkamp-Verlag.

Frischs Reaktion: «Ich bekenne, dass ich dieser Regierung kein Vertrauen mehr schenke.» So steht es am Ende der Collage, die nun als Buchedition erschienen ist. Sie zeigt, wie der Autor sich mit Schere und Leim über seine Akte hermachte, wie er einzelne Einträge aus seiner Fiche ausschnitt, sie auf ein neues Blatt klebte, mit der Schreibmaschine kommentierte – und so nachverfolgte, was ihn in den Augen der Behörden zum potenziellen Staatsfeind gemacht hatte. Dafür reichte nach Frischs Ansicht eine abweichende Meinung von der NZZ oder der FDP: «Das genügt für den Verdacht: Staatsfeind, Landesverräter etc.» In seinem Fall gab die Teilnahme am «Weltkongress der Intellektuellen für die Sache des Friedens» im Jahre 1948 in Wroclaw den Ausschlag, von nun an Objekt der Überwachung zu werden. Selbst der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den man ihm 1976 verlieh, erregte Argwohn: «Friede, allein diese Vokabel genügt, um dich verdächtig zu machen», kommentierte Frisch.

Überboten wurde die Willkür der Einträge nur noch von der trüben Qualität der Quellen, auf die der Staatsschutz vertraute. Dazu gehörten sogar die Silva-Hefte, die von Lebensmittelproduzenten wie der Toni-Molkerei gratis an alle Haushalte verteilt wurden (und in denen eine Glosse über den Autor stand). Konsequent ignorierte die Behörde hingegen Frischs literarische Werke, so auch seine publizierten Tagebücher, in denen der Autor über den Kongress in Wroclaw berichtete.

Diese Ignoranz bot Frisch Anlass zur Häme – sie traf ihn aber offensichtlich auch in seiner Eitelkeit: Im Anhang zu seiner Collage listete Frisch alles auf, «was in meiner Fiche nicht vermerkt ist». Dazu gehörte «meine enge Beziehung zu Bert Brecht» sowie ein Abend, den er während der Schleyer-Entführung im Kanzler-Bungalow verbracht hatte, wo Helmut Schmidt von ihm wissen wollte, wo er «die Ursachen des Terrorismus» sehe.

Frischs Wut, Frischs Spass

Wie die Herausgeber zu Recht bemerken, setzte die Fiche beim 79-Jährigen nochmals beträchtliche Energien frei. Und bei aller Wut machte es Frisch offensichtlich auch Spass, die Aufzeichnungen der Behörden zu korrigieren und zu zerfetzen. So etwa, wenn er oberlehrerhaft jede Falschangabe korrigiert. Oder wenn er unter geschwärzte Stellen ein «Das stimmt!» setzt – als hämischen Kommentar zur «Abdeckerei», mit der die Bundesanwaltschaft auch Jahrzehnte später verhindern wollte, dass Frisch erfuhr, was man im Jahr 1968 über ihn an Informationen gesammelt hatte.

Das Ziel von Frischs Arbeit war klar: Mit ihr wollte er auf die Folgen für alle Opfer der Sammelwut der Schweizer Behörden hinweisen, die mit einer Million Karteikarten ein monströses Ausmass angenommen hatte. «Einigen Tausend Landsleuten wird, wenn sie ihre Fichen gesehen haben, ein Licht aufgehen: warum du trotz bester Fachzeugnisse nie weitergekommen bist; warum es für eure Familie einfach keine städtische Wohnung gibt seit Jahrzehnten.» Von «Repression» und «negativer Auslese» schreibt Frisch.

Ein mahnendes Beispiel, wie er es wollte, konnte Frisch mit seiner bearbeiteten Akte nicht mehr liefern: Im April 1991 starb der Fichierte am Darmkrebs, der bereits zwei Jahre zuvor bei ihm diagnostiziert worden war. Erst ein Vierteljahrhundert nach dem Fichenskandal ist Frischs kommentierte Akte nun in einer sorgfältigen Edition erschienen – und wirft angesichts der Möglichkeiten des elektronischen Nachrichtendienstes erneut die Frage auf, wer uns heute vor Übergriffen des Überwachungsstaates schützen kann.

Max Frisch: Ignoranz als Staatsschutz? Hrsg. von David Gugerli und Hannes Mangold. Suhrkamp, Berlin 2015. 127 S., ca. 28 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2015, 18:28 Uhr

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