Ein Kenner der echten Stadtindianer

Aufregendes Debüt aus den USA: «Dort Dort» von Tommy Orange kommt der Community der urbanisierten Urbevölkerung Amerikas so nah wie wenige Romane vor ihm.

Der Autor, ein 37-jähriger Native aus Oakland, ist geschichtsbewusst: Tommy Orange in Santa Fe. <br />Foto: Christopher D. Thompson (laif)

Der Autor, ein 37-jähriger Native aus Oakland, ist geschichtsbewusst: Tommy Orange in Santa Fe.
Foto: Christopher D. Thompson (laif)

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Nur ein toxischer Indianer ist ein guter Indianer. Tony weiss das, und so einiges mehr. Wer zuerst schlägt, steht am längsten, zum Beispiel. Oder warum ihn fremde Leute so anglotzen: «Meine Augenlider hängen herunter, als wäre ich fertig, als wäre ich high, und mein Mund steht die ganze Zeit offen. Augen, Nase und Mund stehen so weit auseinander, als hätte sie ein Säufer beim Griff nach dem nächsten Schluck da hingeklatscht.»

Fetales Alkoholsyndrom, sagen die Ärzte. Tony nennt es «Das Drom». Alkoholvergiftung im Bauch der Mutter, die inzwischen hinter Gittern sitzt. Sein Vater hat keine Ahnung, dass er einen Sohn hat. Tony ist Cheyenne. Trinkt nicht. Dealt seit acht Jahren, also seit er 13 ist. Gibt das Geld brav der Grossmutter, bei der er lebt und der er Gutenachtgeschichten vorliest, obwohl ihm die Buchstaben wie Käfer kreuz und quer übers Blatt kriechen.

Tonys Nachname ist Loneman – dabei hat er Freunde, vielleicht die falschen. Typen wie Octavio. Der fragt dich, was ein Powwow ist (ein Indianertreffen) und ob du «so Indianerscheiss zum Anziehen» hast, Federn, eine Tracht. Hast du. Schon steckst du drin in diesem Höllenplan: das grosse Powwow von Oakland überfallen, wegen der Preisgelder.

Cheyenne und verstädtert

Tony Loneman ist nur der Erste von einem guten Dutzend Native Americans – der Autor selbst benützt auch die umstrittene Bezeichnung «Indians», also Indianer. Tommy Orange widmet sich ihnen in seinem straff durchkonstruierten Debütroman «Dort Dort». Ihre Wege haben sich, zum Teil unwissentlich, gekreuzt. Und sie werden sich wieder kreuzen, am grossen Powwow. Sie alle sind irgendwie Cheyenne, sie alle sind gründlich verstädtert, was absolut nicht dasselbe bedeutet wie entwurzelt. Sie alle haben Suchtkarrieren hinter sich, manche stecken mittendrin.

Ihnen gemeinsam ist ein inneres Gefühl der Zerrissenheit. Es äussert sich in Familienstrukturen, tiefer zerklüftet als die Canyons der alten Reservate. Ihnen gemeinsam ist auch ein tiefer Trotz, eine Kraft, eine Abhärtung, die sich aus überstandenen Katastrophen speisen.

Dene Oxendene hat seine Kamera und alles, was er vom Filmen weiss, von seinem Onkel geerbt. Der Onkel versiecht vor Denes Augen mit dem Flachmann in der Faust. Dene verfolgt dessen Idee weiter. Er will die Geschichten der urbanen Indianer dokumentieren.

Tommy Orange kolportiert keinen Indianerkitsch. Edle Wilde sucht man vergebens.

Oder Opal. Sie lernt von Kind an, dass rasch wechselnde Behausungen entweder mit den blutig aufgeplatzten Lippen ihrer Mutter zu tun haben oder mit dem Räumungsbefehl an der Haustür. Und sie lernt, dass die rasch wechselnden Mitschüler nicht mal einen Reim brauchen, um sie mit ihrem Namen zu hänseln. «Sie sprachen ihn einfach in voller Länge aus.» Opal Viola Victoria Bear Shield. Das scheint lächerlich genug.

Tommy Orange, ein 37-jähriger Native aus Oakland, Angehöriger der Cheyenne und Arapaho Tribes, kolportiert mit Sicherheit keinen Indianerkitsch. Wer edle Wilde sucht, wird in diesem Buch keine finden. Weisse Rassisten treten leibhaftig nicht auf. Es gibt sie allerdings – als historische Struktur. Denn geschichtsbewusst ist Tommy Orange. So sehr, dass dieser Roman gar nicht wie ein Roman beginnt, sondern mit einem essayistischen Prolog. Im Streitschriftmodus ruft Orange die Unterwerfung der Natives ab, von den kolonialen Massakern bis zur Usurpation des Indianerkopfs als TV-Testbild.

Sein scharfer Ton verrät den engagierten Autor: «Uns in Städte zu bringen, sollte der letzte Schritt unserer Assimilierung sein, unserer Absorption, Auslöschung, die Vollendung einer fünfhundertjährigen Völkermordkampagne. Aber die Stadt erschuf uns neu, wir machten sie uns zu eigen.»

Singen in finsteren Zeiten

Ein Zitat von Bert Brecht stellt Orange dem zehnseitigen Prolog voran. Darin geht es um das Singen in finsteren Zeiten, und das wiederum dürfte sehr viel mit dem Selbstverständnis zu tun haben, das für Tommy Orange, sobald er die Erzählerrolle einnimmt, entscheidend ist. Ein Selbstverständnis, das ihm in den USA, wo das Buch 2018 erschien, hohe Aufmerksamkeit und den Sprung bis ins Pulitzer-Preis-Finale verschafft hat. Es gelingt ihm aber auch so glänzend, das Erzählen. Sehr direkt, mithin derb, aus variabler Perspektive, aber immer mit kühlem Blick für die Schlüsselszene, wirft Orange den Leser mitten hinein ins Leben seiner Figuren.

«There is no there there.»Gertrude Stein über Oakland

Über weite Strecken spielt «Dort Dort» in Oakland, California, im nicht so glamourösen Teil der San Francisco Bay. Man spürt beim Lesen, wie vertraut Orange mit den Milieus der Stadt ist – mit den Native Communities, mit der Gentrifizierung ihrer Stammquartiere. Und man spürt, wie fremd, wie abweisend eine vertraute Stadt dadurch werden kann. Darauf spielt der Romantitel an, der nicht nur einen Radiohead-Song zitiert, sondern auch ein geflügeltes Wort von Gertrude Stein. Sie sagte über Oakland, nachdem die Stadt einen Bauboom erlebt hatte, dass das Dort ihrer Kindheit verschollen sei: «There is no there there.»

Nun gibt es im Roman Leute, die im Non-Profit-Sumpf rund um die Indian Center und in ihrem prekären Lebensstil stecken bleiben. Und es gibt Leute, die aus Oakland fliehen. Um dann doch zurückzukehren. Jacquie Red Feather etwa, Opals Halbschwester. Sie reist als Drogenberaterin zu Kongressen, kämpft selbst aber jeden Tag aufs Neue gegen den Griff in die Minibar. Am härtesten an dem Tag, als ihr der Mann wiederbegegnet, der ihr als Teenie gegen ihren Willen ein Kind machte. Auf Alcatraz war das, 1970, als aktivistische Natives aus San Francisco die frühere Knastinsel besetzten und den Hippietraum vom Auferstehen der «Roten Nation» auslebten. Es war, nach allem, was die Halbschwestern Opal und Jacquie erlebten, eher ein Albtraum.

Googeln, was ein «echter Indianer» ist

Das (Un-)Wesen von Alcatraz hat wenig mit dem hart an der Folklore entlangschrammenden Wesen des grossen Powwows von Oakland zu schaffen. Selbst der 14-jährige Cheyenne Orvil, der googeln muss, was ein «echter Indianer» ist, fühlt sich seltsam hin- und hergerissen. Einerseits fasziniert ihn traditioneller Tanz. Andererseits fühlt er sich mit Zopfspangen und knöchernem Brustpanzer «verkleidet».

In den Minuten, als Octavios Banditen mit ihren Waffen auf dem Powwow herumfuchteln, werden solche Überlegungen nachrangig. Plötzlich besteht die Gefahr, dass die schattenhaften Erinnerungen, von denen Orange im Vorwort spricht, die «unerwartet in uns aufflackern und uns durchtränken wie Blut eine Decke, Blut aus einer Wunde von einer Kugel, die uns ein Mann in den Rücken geschossen hat» –, dass diese Erinnerungen sich als Patrone rematerialisieren. Und zwar abgefeuert von den eigenen Leuten. Da ist dann nur noch ein getarnter Indianer ein guter Indianer.

Tommy Orange: Dort Dort. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser Berlin, 2019. 288 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 25.09.2019, 15:44 Uhr

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