Ein literarisches Mahnmal aus dem Baskenland

Fernando Aramburu hat ein grossartiges Buch über den baskischen Bürgerkrieg (1968–1979) geschrieben. Die katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen erinnern an damals.

Trainingscamp der ETA, 19. Dezember 1978, irgendwo im Baskenland. Foto: Etienne Montes (Gamma-Rapho, Getty Images)

Trainingscamp der ETA, 19. Dezember 1978, irgendwo im Baskenland. Foto: Etienne Montes (Gamma-Rapho, Getty Images)

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Bis vor kurzem hatten ihn nur die Literaturkritiker auf dem Radar. Die breite Leserschaft kannte Fernando Aramburu kaum. Der baskische Schriftsteller hatte zwar nach dem Übergang zur Demokratie in Spanien das surrealistische Künstlerkollektiv Cloc im Baskenland mitgegründet. Aber in den bleiernen Jahren des Terrors der ETA und der nicht minder gewalttätigen Reaktion des spanischen Staates emigrierte er aus San Sebastián nach Deutschland, wo er bis heute lebt; lange hielt er sich mit Sprachunterricht über Wasser.

In seiner Heimatregion gab es damals nur die Wahl zwischen Solidarität mit der ETA und Verrat. Erst recht, als die gewalttätigen Separatisten in die Defensive gerieten und bei ihren Bomben­anschlägen auch Zufallsopfer in Kauf nahmen, wurde jeder zum Feind, der sie nicht unterstützte. Drei Jahre nach Aramburus Emigration ging in der Parkgarage von Barcelonas Einkaufscenter Hipercor eine Bombe hoch, die unter der eingestürzten Garagendecke 21 Menschen begrub.

Freunde werden Feinde

Aramburu beschreibt den Prozess von Radikalisierung, Verblendung und Verrat anhand zweier benachbarter Familien in einem baskischen Dorf nahe von San Sebastián, Baskisch Donostia. Die Mütter waren Freundinnen, die Väter fuhren am Wochenende gemeinsam mit dem Rennrad aus, die Jugendlichen kannten sich seit ihrer Kindheit. Dabei spielte es lange keine Rolle, dass der eine Vater Fabrikarbeiter war, der andere Kleinunternehmer. Erst als sich der älteste Sohn des Fabrikarbeiters radikalisiert und zum ETA-Militanten wird und der Kleinunternehmer sich weigert, der ETA die «Kriegssteuer» zu entrichten, schliessen die beiden Familien ihre Reihen – gegeneinander. Der Kleinunternehmer wird erst angefeindet, dann bedroht und zum Terrorziel der ETA.

Das Dorf solidarisiert sich unter dem Eindruck des höheren Ziels der nationalen Unabhängigkeit mit der Täterfamilie. Die andere zieht ins anonymere San Sebastián. Jahrzehnte später, als die ETA die Waffen niedergelegt hat, begibt sich die Witwe des Opfers ins Dorf zurück und kämpft um Reue der Täter und Versöhnung mit den ehemaligen Nachbarn.

Fernando Aramburu erweist sich als grossartiger Erzähler in der Tradition eines Gabriel García Márquez. Die Witwe erleidet nicht hundert Jahre Einsamkeit, aber zwanzig sicher. Ihr Sohn, inzwischen Arzt, hat längst resigniert, ihre Tochter die Opferrolle von Anfang an verweigert. Und das Dorf will endlich die Vergangenheit hinter sich lassen. Aber wie diese Frau kämpft um ihre Lebensgeschichte, von niemandem unterstützt als von ihrer Katze, und ihren Mann am Grab laufend über die Ereignisse orientiert – das ist grosses Kino.

Eigenwillige literarische Techniken

Kino ist auch, wie sich Aramburu mit virtuoser Schnitttechnik über die Chronologie der Ereignisse hinwegsetzt. Da springt er in kurzen Kapiteln in der Zeitgeschichte nach vorne und hinten und hält den Leser thematisch am Stoff. Einen roten Faden spinnt er um die Frage, wie sich die Eigendynamik von Unrecht zu Fanatismus brechen lässt.

Literarisch wartet Aramburu mit eigenwilligen Techniken auf: etwa einem Vokabular des Zweifels, ausgedrückt mit dem Slash/Schrägstrich, wo ein Wort allein den Sachverhalt nicht trifft. Sätze, deren Ende klar ist, macht er gar nicht fertig: «Zuerst müssten/sollten wir.» Spielerisch wechselt er das Subjekt, oft schon im Folgesatz. Und spricht seine Figur bisweilen selbst mit Du an, oft in Frageform. So kommt es zu Dialogen wie diesem: «Hatten sie sich verabredet? Nein, aber ja.»

So bleibt der Autor in diesem Roman auf zurückhaltende Weise dauerpräsent. Und erklärt sich in einem Schlüsselka­pitel an einer Opfertagung durch einen Kollegen/oder sich selber so: «Ich war ja ein baskischer Junge wie so viele andere, die der Propaganda des Terrorismus ausgesetzt worden waren. Aber ich habe viel darüber nachgedacht, und ich glaube, eine Antwort gefunden zu haben. Und so begann ich, gegen das Leiden anzuschreiben, das Menschen von anderen Menschen zugefügt wird. Ausserdem schrieb ich gegen Verbrechen, die eine Rechtfertigung suchen im Namen eines Vaterlandes . . .»

Aktuelle Parallelen

Da sind wir beim titelgebenden Begriff «Patria» und, wenn man will, auch bei der aktuellen katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Aramburu und mit ihm der aufgeklärte Teil der katalanischen und spanischen Öffentlichkeit fürchtet, dort könnte, wenn sich beide Seiten verhärten, wenn lange Haftstrafen oder gar die ersten Toten zu beklagen sind, eine ähnliche Dynamik entstehen wie seinerzeit im Baskenland.

Der Zentralstaat in Madrid hat keinen Zweifel darüber gelassen, dass er gegen das Unabhängigkeitsstreben einer Region mit aller Härte reagieren wird. Nicht zuletzt wegen dieser Aktualität wurde Aramburus Roman nach seinem Erscheinen im Herbst 2016 in Spanien so stark beachtet, 2017 zum Buch des Jahres gewählt, erhielt es den Kritikerpreis und den nationalen Buchpreis und hat es inzwischen auf 27 Auflagen gebracht.

Nun liegt «Patria» auf Deutsch vor. Das ist gut so, denn Aramburus mahnende Geschichte aus einem baskischen Dorf ist letztlich zeit- und ortlos. Oder wie es sein Schriftsteller an der Opfertagung formuliert: «Ohne Hass schrieb ich gegen die Sprache des Hasses und gegen das von jenen organisierte Vergessen, die eine allein ihren totalitären Überzeugungen dienende Geschichte erfinden.»

Fernando Aramburu: Patria. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt, Hamburg 2018. 768 S., ca. 38 Fr.

Der Autor tritt am 18. April, 20 Uhr, im Kaufleuten in Zürich auf. Moderation Res Strehle.

Erstellt: 26.01.2018, 18:17 Uhr

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