Ein Loser hält die Lauscher mega offen

Die Schweizer Autorin Isolde Schaad erzählt in ihrem neuen Buch von der Kunstszene und von problematischem militärischem Schuhwerk.

Literarisch-politisches Engagement seit den 1968er-Jahren: Isolde Schaad. Foto: Ayse Yavas

Literarisch-politisches Engagement seit den 1968er-Jahren: Isolde Schaad. Foto: Ayse Yavas

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Der Maler und Bildhauer Alberto Giacometti ging nach einem Unfall eine Zeitlang auf Krücken. Isolde Schaad setzt das Hinken ins Präsens in der Titelgeschichte ihres neuen Erzählbandes «Giacometti hinkt». Ein junger Student der Kunstgeschichte will eine Seminararbeit über den Künstler schreiben, Luis Krattiger heisst er, «ein Loser von Geburt an». Aber Verlierer sind ja literarisch dankbare Figuren, und die Autorin nähert sich ihm an bis zur sprachlichen Imitation dessen, was sie für Jugendslang hält (welche Jugend welcher Zeit, ist hier allerdings die Frage).

Krattiger, der Kunstgeschichte nur seiner alleinerziehenden Mutter wegen studiert, hört ein Gespräch zweier Experten mit, des Kunsthausdirektors und eines schwerreichen Sammlers. Aber ach, «ausgerechnet über das Werk von jenem Typen, den die beiden Lackmeier besprachen, bekam er leider wenig mit, obschon er seine Lauscher mega offen hielt».

Luis tut sich schwer damit, einen neuen Zugang zum durchanalysierten und auserklärten Künstler zu finden, sein Professor lehnt seinen Ansatz ab, trotz der selbstbewussten Präsentation desselben: «Ich finde ihn mit Verlaub dufte oder schnieke, geil oder ghetto, ganz wie Sie wollen.» Trost und Ermutigung findet er bei einem Kumpel, «mit dem er seinen Frust begiessen kann und chillen, wenn der ihm ein paar Mäuse leiht».

Auf dem Frauendampfer

Hilfe naht aber vor allem von der Autorin, die ihn nicht nur mit diesem durch alle Register schlingernden Slang ausstattet, sondern auch auf eine fantastische Reise schickt, auf der er Giacometti-Doppelgängern und Giacometti-Avataren begegnet sowie Annette Arm, der Geliebten des Künstlers (oder vielmehr ihrer gleichnamigen Grossnichte). Mit der würde Luis gern was anfangen, fürchtet aber, sie «zirkuliere auf dem Frauendampfer».

Da ist viel Traum, Wunsch und Verwirrung in der Geschichte sowie viel Gewese um künstlerische Wahrheit, Echtheit und Authentizität im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, des Fake und einer Zukunft, in der Kunstwerke aus dem 3-D-Drucker kommen. Alle Giacomettis im Zürcher Kunsthaus, so die These der schliesslich verfassten Arbeit, seien Fälschungen.

Das Interesse an Füssen

Die Beschäftigung mit der Kunst(szene) ist eine Konstante im Werk der Malertochter Isolde Schaad. Eine Konstante des neuen Erzählbandes ist das Interesse an Füssen, Schuhen und dem aufrechten Gang. Einer der drei kurzen «Zwischenhalte», die mit den fünf längeren Geschichten abwechseln, reiht sarkastische Beobachtungen in einer Fussgängerpassage aneinander: vom gesunden Gehen, ja überhaupt von Haltung keine Spur mehr.

Die erste Erzählung «Losgeworden. Los geworden» schraubt sich von einem Militärstiefelpaar ihres deutschen Lebensgefährten Uwe, die die grüne Nationalrätin Helen aus ihrem Haushalt entfernen will, zu den ganz grossen Themen Krieg, Nichtvergehen der Vergangenheit, eingeschlafener Sex in langjährigen Beziehungen und sinnvolles Engagement in der Flüchtlingsfrage hoch.

Ein bisschen geschraubt ist das leider alles. Isolde Schaad kann viel, sie will aber noch viel mehr, und ihre Suche (oder Sucht) nach Pointen und Stilmanierismen kommt ihr immer wieder in die Quere. Das macht die Lektüre, bei aller Zustimmung zu vielen Beobachtungen und Befunden, doch recht mühsam.

Isolde Schaad: Giacometti hinkt. Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte. Erzählungen. Limmat, Zürich 2019. 276 S., ca. 35 Fr.

Erstellt: 30.07.2019, 08:16 Uhr

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