Ein Psychopath, gefangen in einer Abwärtsspirale

Krimi der Woche: In Dave Zeltsermans «Small Crimes» wird ein Ex-Polizist aus dem Gefängnis entlassen. Und dann geht es steil bergab mit ihm.

Dave Zeltsermans «Small Crimes» ist ein nihilistischer Roman, hart und brutal. Foto: PD

Dave Zeltsermans «Small Crimes» ist ein nihilistischer Roman, hart und brutal. Foto: PD

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Der erste Satz:
«Es sollte meine letzte Partie Dame sein.»

Das Buch:
Dave Zeltserman zählt zu den herausragenden amerikanischen Krimiautoren der letzten zwei Jahrzehnte. Doch «Small Crimes» ist erst der vierte Roman von ihm, der auf Deutsch erscheint. Es ist der erste einer Reihe von drei Romanen, die als «Badass out of Prison»-Trilogie bezeichnet wird, vom Autor aber nicht als Serie geplant war; die beiden anderen, «Paria» und «Killer», gehören zu den bereits auf Deutsch erschienenen Titeln. In jedem der drei Romane kommt ein Mann aus dem Knast und muss sehen, wie er jetzt zurechtkommt. Und da Zeltserman den Noir-Klassiker Jim Thompson (1906–1977), über den er auch schon publiziert hat, verehrt, wundert es nicht, dass das mit dem neuen Leben nicht so gut herauskommt. Wobei man dazu anmerken muss, dass Zeltserman seither auch lustigere Bücher geschrieben hat.

In «Small Crimes» wird Joe Denton aus dem Knast entlassen. Der Ex-Cop in einer neuenglischen Kleinstadt war eingefahren, weil er gerade daran war, das Büro von Bezirksstaatsanwalt Phil Coakley, der nicht nur wegen Korruption, sondern auch wegen Mord gegen Denton ermittelte, abzufackeln, dabei von Coakley überrascht wurde und mit einem Brieföffner auf ihn einstach, als Feuerwehr und Polizei anrückten. Die Strafe fiel mild aus, und nach sieben Jahren im lokalen Gefängnis wird Denton vorzeitig entlassen. Auf dem Parkplatz vor dem Knast wird er von Coakley erwartet, dessen Gesicht von den 13 Stichen Dentons entstellt ist. Der Bezirksstaatsanwalt erklärt ihm, dass er immer noch an ihm dran ist und dass er mit einem baldigen Geständnis des im Sterben liegenden lokalen Mafiabosses rechne, das Denton belasten würde. Denton nimmt die Drohung gelassen auf. Doch dann bestätigt ihm der Sheriff, mit dem er früher viele krumme Dinger gedreht hat, dass der im Sterben liegende Mafioso es plötzlich mit der Bibel habe. Und der Sheriff, noch korrupter und krimineller als Denton, verlangt von ihm, den Mafioso noch in dieser Woche aus dem Verkehr zu ziehen. Sonst werde er, der Sheriff, Denton töten.

«Small Crimes» ist eines der frühen Werke von Zeltserman und noch stark geprägt vom grossen Vorbild Thompson, dessen über Leichen gehende Provinz-Sheriffs Legende sind. Wie Thompson es oft tat, lässt Zeltserman seinen Protagonisten als Ich-Erzähler allerlei durchblicken, vor allem aber sein Tun ständig rechtfertigen. Schon im zweiten Absatz des Buches, in dem Denton die letzte Partie Dame mit dem Gefängnisleiter spielt, deutet sich an, wie er tickt: «Ich mochte Morris – zumindest so, wie ich jeden mochte, den ich mochte.» Man wundert sich nicht, dass sich Denton schnell als schwerer Psychopath erweist. Seine Ex, die mit den beiden Töchtern weggezogen ist und den Namen geändert hat, findet er rasch. Und zwischendurch wirkt es immer mal wieder, als ob sich Denton doch noch für einen ehrlichen Weg entscheiden könnte – den Mädchen zuliebe. Doch sein altes Leben holt ihn immer wieder ein. Denton ist gefangen in einer Abwärtsspirale, aus der er nicht mehr herauskommt.

Es ist ein ziemlich nihilistischer Roman, hart und brutal, wobei Zeltserman die Härte immer wieder mit rabenschwarzem Humor abfedert. Wie bei seinen anderen Romanen fällt auf, wie raffiniert er seine Geschichte aufzubauen versteht. «Small Crimes» zeigt zwar noch nicht ganz die Virtuosität des brillanten Nachfolgers «Paria» – den ich zu den besten Kriminalromanen der letzten zehn Jahre zähle –, aber sie zeichnet sich bereits deutlich ab.

Die Wertung:

Der Autor:
Dave Zeltserman, geboren 1959 in Boston, Massachusetts, arbeitete als Software-Entwickler, bevor er zu schreiben begann. Seinen ersten Roman «Fast Lane» schrieb er 1992, fand aber keinen Verleger, bis er ihn nach elf Jahren einem italienischen Verlag verkaufen konnte. Auf Englisch erschien er dann 2004. Für «Small Crimes», geschrieben 2003, bekam Zeltserman von amerikanischen Verlagen nur Absagen; erst 2008 wurde der Roman von einem Verlag in London veröffentlicht (eine neue Verfilmung von «Small Crimes» ist jetzt bei Netflix zu sehen). Inzwischen hat Dave Zeltserman über 15 Bücher veröffentlicht. Auf Deutsch sind neben «Small Crimes» die beiden anderen Romane der «Badass out of Prison»-Trilogie, «Paria» (2013) und «Killer» (2015; beide bei Pulp Master) sowie «28 Minuten» (2011 bei Suhrkamp; Originaltitel: «Outsourced») erschienen. In den USA wurden in diesem Jahr die ersten beiden Romane einer neuen Privatdetektivreihe von Zeltserman unter dem Pseudonym Jacob Stone veröffentlicht; ein dritter Band folgt im Frühjahr 2018. Zeltserman lebt in Newton, Massachusetts, und widmet, so sein deutscher Verleger, «jede freie Minuten den Martial Arts».

Dave Zeltserman: «Small Crimes» (Original: «Small Crimes», Serpent’s Tail, London, 2008). Aus dem Amerikanischen von Michael Grimm und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin, 2017. 337 S., ca. 21 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2017, 11:41 Uhr

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