Ein Schweizer ruft die Schriftsteller ans Schwarze Meer

Hans Ruprecht stellt in der ukrainischen Millionenstadt Odessa ein Literaturfestival auf die Beine: ein Projekt mit Symbolcharakter.

Eine Stadt mit Geschichte: Die berühmte Potemkinsche Treppe in Odessa. Foto: Julian Nitzsche (Wikimedia)

Eine Stadt mit Geschichte: Die berühmte Potemkinsche Treppe in Odessa. Foto: Julian Nitzsche (Wikimedia)

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In Odessa verbrachte Alexander Puschkin 1823/24 ein unfreiwilliges, aber gutes Jahr. Der Zar hatte ihn dorthin verbannt, und hier schrieb er zwei Kapitel des ­Romans «Eugen Onegin», wo er die Freiheit und Weltoffenheit Odessas rühmte. In einem ehemaligen Hotel ist heute das Puschkin-Museum untergebracht.

Der Berner Literaturveranstalter Hans Ruprecht – er leitet das Literaturfestival Leukerbad – erinnert auch an Isaak Babel, der in Odessa geboren wurde und der dem einst reichen jüdischen Leben der Stadt in den autobiografischen Erzählungen «Geschichten aus Odessa» ein Denkmal setzte. Seit 2010 beherbergt die wichtigste Hafenstadt der Ukraine mit gut 1 Million Einwohnern ein Filmfestival. Jetzt kommt ein Literaturfestival dazu: Vom 1. bis 4. Oktober werden, wie bereits gemeldet, Schriftsteller aus Russland und der Ukraine, aus Indien und der Türkei, aus Mexiko, Norwegen und Kanada lesen und diskutieren.

Aus der Schweiz reisen Lukas Bärfuss, Ilma Rakusa und der seit langem in der Schweiz lebende russische Schriftsteller Michael Schischkin an. «Odessa ist eine der grossen europäischen Städte der Literatur», sagt der international hervorragend vernetzte Ruprecht. Die Lage dort sei ruhig, aber auch angespannt. Es habe in der jüngeren Vergangenheit etliche Übergriffe vom Territorium des nahen, von Russland kontrollierten moldauischen Teilstaats Transnistrien aus gegeben.

Die Idee zum Festival stammt vom ukrainischen Schriftsteller Andrei Kurkow. Ruprecht selbst hat die Ukraine bereits mehrmals bereist und auf Tourneen Schweizer Autoren wie Pedro Lenz und Raphael Urweider dem ukrainischen Publikum vorgestellt. «So ein ­engagiertes, debattierfreudiges Publikum, das genau zuhört, wünsche ich mir manchmal auch für die Schweiz», sagt Ruprecht. Nach den Maidan-Protesten wurde das Festivalprojekt vorübergehend aufs Eis gelegt, jetzt aber sei der Zeitpunkt günstig, glaubt Ruprecht.

Nobelpreisträger angekündigt

Allerdings haben sich zwei Oligarchen zurückgezogen, die das Literaturfestival zu Beginn grosszügig unterstützen wollten. Finanziert wird es jetzt ausschliesslich mit Geldern des Auswärtigen Amts in Berlin und von Schweizer Stiftungen. «In der Ukraine ist im Moment bei staatlichen Stellen kein Geld vorhanden für kulturelle Veranstaltungen», sagt Ruprecht. «Wir haben kein grosses Budget und zahlen minimale Honorare.»

Dennoch scheint Odessa als Sehnsuchtsort einen Exotenbonus unter Autoren zu geniessen. Der US-Essayist Eliot Weinberger etwa wollte unbedingt die Stadt seiner Vorfahren kennen lernen. Für nächstes Jahr kündigt Ruprecht Schwergewichte wie Daniel Kehlmann oder die Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa und Wole Soyinka an.

Ilma Rakusa freut sich darauf, in Odessa ihr Buch «Mehr Meer» in einer ukrainischen und einer russischen Übersetzung vorzustellen. «Hier hat Sergei Eisenstein Teile seines Films ‹Panzerkreuzer Potemkin› gedreht; die legendäre Treppe begleitet mich oft bis in die Träume», sagt die Romancière. Das im Gagarin-Palast untergebrachte Literaturmuseum wird einer der Hauptorte für Lesungen sein – ein umgebauter Dachstock auf einem ehemaligen Industriegelände, das Terminal 42, ist ein neuer Ort für eine eher jüngere Szene. Das Hotel Londonskaja schliesslich soll zum Festivalzentrum werden und alle Autoren beherbergen.

Befürchtet Hans Ruprecht eine Instrumentalisierung des Literaturfestivals für politische Auseinandersetzungen? «Nein», entgegnet er dezidiert, «wir sind in der Programmierung völlig frei.» Der Putin-kritische Autor Michail Schischkin sieht indes durchaus eine politische Aufgabe in der Auseinandersetzung der Ukraine mit Separatisten und dem russischen Nachbarn: «Das Literaturfestival in Odessa ist ein wichtiges Symbol unserer Unterstützung für die Leute, die dort für ihre freie demokratische Zukunft kämpfen.» Und wenn diese zustande komme, sei dies auch ein Beispiel für die russische Bevölkerung.

Übersetzung auf Russisch

In Odessa wird aus historischen Gründen überwiegend Russisch gesprochen, Ukrainisch ist seit der Unabhängigkeit 1991 Amts- und Schulsprache. Die Lesungen ausländischer Autoren werden auf dem Festival sowohl ins Ukrainische als auch ins Russische übersetzt. Von einem Literaturfestival in Krisenzeiten könnten keine Wunder erwartet werden, sagt Ilma Rakusa. «Hier ergeben sich aber Verständigungsmöglichkeiten jenseits politischer Diskurse, Fronten und Vorurteile. Literatur denkt nicht in Schwarzweisskategorien oder Freund-Feind-Bildern, zumindest dann nicht, wenn es sich um gute Literatur handelt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2015, 18:34 Uhr

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