Ein Spassmacher im Krieg

Daniel Kehlmanns neuer Roman «Tyll» verpflanzt den Schelm Eulenspiegel in den Dreissigjährigen Krieg. Eine souveräne historische Gaukelei, die viel mit unserer Zeit zu tun hat.

Der Beginn des verheerenden Dreissigjährigen Krieges jährt sich 2018 zum 400. Mal – trotzdem ist «Tyll» nicht als «Roman zum Jubiläum» zu werten. Foto: Lebrecht Library, Alamy

Der Beginn des verheerenden Dreissigjährigen Krieges jährt sich 2018 zum 400. Mal – trotzdem ist «Tyll» nicht als «Roman zum Jubiläum» zu werten. Foto: Lebrecht Library, Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Kommt, Geister» hatte Daniel Kehlmann seine Frankfurter Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2014 betitelt. Eine davon handelt von Grimmelshausens «Abenteuerlichem Simplicissimus», einem Schelmenroman, der seinen Helden in verschiedenen Rollen und Existenzen durch den Dreissigjährigen Krieg stolpern lässt.

Kehlmanns neuer Roman «Tyll» spielt in ebendieser Periode, die mit dem Prager Fenstersturz 1618, vor 400 Jahren, begann und Deutschland in einer Weise verheerte, wie es später nie wieder geschehen ist, auch im Zweiten Weltkrieg nicht. Ganz ohne Panzer und Bomben, nur durch die Gewalt von Soldaten, Marodeuren und Räubern, durch Hunger und Seuchen kamen 40, in manchen Gegenden bis zu 70 Prozent der Bevölkerung ums Leben. Eine Erfahrung, die sich ins kollektive deutsche Unterbewusstsein gesenkt hat und an die schon in diesem Herbst in zahlreichen Sachbüchern erinnert wird.

Kehlmann hat nun nicht den «Roman zum Jubiläum» geschrieben. Die Zeit beschäftigt ihn schon länger. Ebenso die Frage, wie man sich literarisch mit dem Bösen und dem Schrecklichen auseinandersetzt (seine letzte Veröffentlichung war eine Spuknovelle). In «Tyll» beschwört er die nicht enden wollende Kriegszeit auf macht- und kunstvolle Art herauf. Auf seine sehr eigene, kehlmannsche Art. Nicht barock und nicht enzyklopädisch.

Es ist tatsächlich eine Geisterbeschwörung. Das erste Kapitel führt ein «Wir» als Erzählerinstanz ein, ein namenloses Dorf, das der Vorstellung eines fahrenden Gauklers beiwohnt, seine Seiltänzerkunst bestaunt und sich mit einem üblen Scherz verspotten lässt. Der Gaukler fährt, der Krieg kommt ins Dorf und brennt es nieder.

Was kann jetzt noch kommen?

Die kleine Martha, die kurz ins Licht der Aufmerksamkeit geraten war, stirbt in den Flammen und mit ihr, wie der Autor ausführt, «die Kinder, die sie nicht grossziehen, und die Enkel, denen sie niemals von einem berühmten Spassmacher an einem Vormittag im Frühling erzählen würde, und die Kinder dieser Enkel, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte. So schnell geht das, dachte sie, als wäre sie hinter ein grosses Geheimnis gekommen.»

Der Krieg vernichtet mit der Gegenwart die Zukunft. Aber auch die Vergangenheit. Denn alle die, die mit dem «Wir» gemeint und die jetzt tot sind, werden vergessen. Sie leben als Geister weiter, in den Bachkieseln, in den Bäumen. «Wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein», heisst es am Ende dieses grandiosen Auftaktkapitels, das seine Erzähler erfunden und gleich wieder ausradiert hat, sodass sich der Leser schaudernd fragt: Was kann jetzt noch kommen?

Schriftsteller Daniel Kehlmann. Foto: Robert Jäger (Keystone)

Eine ganze Menge. Da ist ja noch der Spassmacher. Kehlmann nennt ihn Tyll Ulenspiegel. Es ist jener legendäre Schelm, der um das 14. Jahrhundert gelebt haben soll und dessen Streiche durch ein Volksbuch und vielfältige Überlieferung noch heute jedem geläufig sind. Warum soll eine derart «unsterbliche» Figur nicht auch im 17. Jahrhundert auftauchen? Kehlmann jedenfalls lässt seinen Tyll durch den grossen Krieg, durch das grosse Sterben hindurchgehen, als könne nichts ihm etwas anhaben. Aber knapp ist es schon. Als Kind entgeht er gerade noch einem Hexenprozess, dem sein Vater, ein spintisierender Müller, zum Opfer fällt. Dann tun Marodeure ihm etwas an, was verhindert, dass er der mit ihm flüchtenden Bäckerstochter mehr als ein Bruder sein kann; er verhungert fast, wird in der letzten Schlacht des Krieges fast erschossen, und wie er bei der Belagerung von Brünn aus dem verschütteten Schacht wieder herauskommt, will nicht mal der Autor uns erklären.

Tyll ist Kehlmanns Simplicissimus. Aber ein aktiverer, ein raffinierterer Held als dieser. Er hält den Menschen den Spiegel vor, zeigt ihnen, wie sie sind, oder kitzelt es aus ihnen heraus: den glimmenden Hass der Dörfler aufeinander, schon im ersten Kapitel, als sie ihre Schuhe suchen, und der in einer wüsten Prügelei auflodert. Aber auch den Grossen der Welt sagt er die Wahrheit ins Gesicht – wozu ist man schliesslich Narr?

Es treten auf; Gustav Adolf von Schweden, der den Protestantismus in Deutschland vor dem Untergang rettet. Friedrich von der Pfalz, der «Winterkönig», der die böhmische Königskrone angenommen und damit das ganze Unheil ausgelöst hat. An ihm vollzieht sich die barocke Vanitas-Lehre auf drastische Weise – «das süsse Jubilieren / das hohe Triumphieren / wird oft in Hohn und Schmach verkehrt», dichtet Gryphius. Nach verlorener Schlacht geächtet, verkümmert er im Exil und stirbt, nach einer gescheiterten Mission, am Wegesrand im Schnee, begleitet nur noch von seinem Hofnarren, eben Tyll.

Spektakuläres schlägt Wahres

Des Weiteren; seine Frau Elisabeth, die Tochter des englischen Königs, die in ihrer Jugend noch Shakespeares Truppe hat spielen sehen und sich die Welt als Bühne denkt. Athanasius Kircher, der grösste Gelehrte seiner Zeit, dessen Methode eine Mischung aus pergamentener Büchergelehrsamkeit, gewagten Analogieschlüssen, modernem Experiment und purem Schwachsinn darstellt.

An ihm kühlt Kehlmann sein Mütchen auf vielen, manchmal äusserst komischen Seiten. Unwiderstehlich, wie Kircher begründet, dass es in Holstein Drachen geben müsse. Warum? Man hat hier noch nie welche gesehen. Denn «die wichtigste Dracheneigenschaft ist es, sich unauffindbar zu machen». (Kehlmann erlaubt sich seinerseits einen Spass und schildert das letzte Stündlein des unauffindbaren Drachen.) Kircher weiss auch genau, wann die Welt untergeht: in 76 Jahren.

Die dunkle Seite des Gelehrten: Kircher hat jenen Hexenprozess ausgelöst, der ein ganzes Dorf zur Verzweiflung treibt, mit jener grausamen Logik, nach der die Folter ein Instrument der Aufklärung ist – «Ohne Folter würde doch nie jemand gestehen!» Und schliesslich, die letzte der historischen Figuren; Paul Fleming, der sich in deutschen Versen versucht, weil er an die Zukunft der deutschen Sprache glaubt. Tatsächlich überleben ihn seine Gedichte, ein Diplomat zitiert sie bei den Friedensverhandlungen in Osnabrück. Auch hier ist Tyll – inzwischen im Dienst des Kaisers – zugegen und jongliert mit Klingen.

Die Kunst, in welcher Schwundform auch immer, balanciert den Schrecken aus: Umherziehende Gaukler erzeugen vor den unterhaltungstechnisch nicht verwöhnten Dörfern die kurze Illusion, dass «das Leben nicht schwer und hart» ist. Politische Ereignisse wie Hinrichtungen (auch die von Tylls Vater) werden in Moritaten verbreitet.

Der «dicke Graf», Martin von Wolkenstein, schreibt fünfzig Jahre später seine Memoiren; wo er sich nur dunkel erinnert, erfindet er einfach, und gerade diese Passagen werden berühmt. Die Schlacht von Zusmarshausen, die seine Fähigkeit als Erzähler überschreitet (wie auch die Fassungskraft als Mensch), klaut er sich von Grimmelshausen, der sie selbst wiederum von einer englischen Übersetzung abgeschrieben hat. Spektakuläres schlägt Wahres, Überrumpelung die Genauigkeit.

Gaukler der Historie

Kehlmann selbst befleissigt sich an bestimmten Stellen selbst einer Ästhetik der Verwirrung: Hat Elisabeth ihren Friedrich überredet, jene fatale Krone anzunehmen, oder war es umgekehrt? Hat Gustav Adolf Elisabeth verschmäht oder sie ihn? Viele Kapitel sind zeitlich präzis zu lokalisieren, andere nur vage oder unmöglich: So behauptet Paul Fleming, ein Opus Kirchers gelesen zu haben, das erst lang nach seinem Tod erschienen ist.

So reflektiert der Autor mit leichter, souveräner Hand, ein Seiltänzer der Schrift, ein Jongleur der Worte, ein Gaukler der Historie, die Bodenlosigkeit seiner Kunst. Und stellt sie doch ganz in den Dienst der Beschwörung der Geister und des Geistes einer Zeit, die, wie das tote «Wir» das anfangs sagt, «gar nicht so lang her» ist und deren Analogien man nicht weit suchen muss. Ein Haufen Kinderleichen ruft die Befreiung der KZ herauf. Die Logik des Hexenprozesses die Schautribunale Stalins. Der mörderische Glaubensfanatismus der Jesuiten den IS. Die sich abwechselnden Wellen plündernder und brandschatzender Söldner die syrischen und libyschen Bürgerkriege.

Selbst das ständische Denken jener Zeit ist so fremd nicht, wie es scheint. «So war die Welt eingerichtet. Es gab ein paar wirkliche Menschen, und es gab den Rest: eine schattenhafte Armee, das Heer von Gestalten im Hintergrund, ein Volk von Ameisen, die über die Erde wimmelten. Die Menschen, auf die es ankam, waren wenige.»

So denkt die abgesetzte Königin Elisabeth. Aber klingt es nicht exakt wie die Selbsteinschätzung jener neuen internationalen Klasse von Finanzjongleuren, Investmentbankern, Spitzenmanagern, von Typen wie Thomas Middelhoff? Auf ihn träfe ja sogar die barocke Vanitas-Poesie zu. So schaut Tyll, der Schalk, auf seine Zeit und wendet seinen Eulenspiegel der unsrigen zu.

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt, Hamburg 2017. 474 S., ca. 28 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 17:43 Uhr

Der Dreissigjährige Krieg

Konflikt der Mächte 1618–1648

Am 23. Mai 1618 warfen böhmische Adlige die Vertreter des Kaisers aus dem Fenster der Prager Burg. Sie überlebten, aber der symbolische Angriff auf den Kaiser löste eine Folge von Kämpfen aus, die sich über Jahrzehnte auf dem Gebiet des heutigen Deutschland austobten und das Land in vielen Gegenden in eine Wüstenei verwandelten. In dem Krieg, der schon bald als der Dreissigjährige bezeichnet wurde, verband sich ein Religionskonflikt (der Kaiser hatte den protestantischen Böhmen die Ausübung ihrer Religion verboten) mit der Rivalität der grossen Mächte Habsburg/Spanien, Frankreich, Dänemark und Schweden.

Der Krieg endete mit dem Westfälischen Frieden 1648. Aus Anlass des 400. Jahrestags des Kriegsausbruchs sind schon in diesem Herbst gross angelegte Darstellungen erschienen, darunter von Herfried Münkler («Der Dreissigjährige Krieg», C. H. Beck) und von Peter H. Wilson («Der Dreissigjährige Krieg», Theiss-Verlag), jeweils 1000 Seiten. (ebl)

Artikel zum Thema

Der Romancier hat verloren

Lukas Bärfuss' neues Buch kommt manchmal daher wie ein Leitartikel. Mehr...

Ein Schweizer ruft die Schriftsteller ans Schwarze Meer

Hans Ruprecht stellt in der ukrainischen Millionenstadt Odessa ein Literaturfestival auf die Beine: ein Projekt mit Symbolcharakter. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Blogs

Michèle & Wäis Wie man sich ab 40 (nicht) kleidet

Beruf + Berufung Wie Banker Martino zu innerem Reichtum fand

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...