Ein Stift ist ein Phallus – und bleibt doch ein Stift

Lothar Müller geht in seinem Buch «Freuds Dinge» den Weg vom Sexualsymbol zum konkreten Objekt zurück – und liefert ein Stück Zeitgeschichte.

Umgeben von Büchern und Objekten: Sigmund Freud in seinem Arbeitszimmer in Wien, um 1935. Bild: Getty Images

Umgeben von Büchern und Objekten: Sigmund Freud in seinem Arbeitszimmer in Wien, um 1935. Bild: Getty Images

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Sigmund Freuds Psychoanalyse verdankt ihren Erfolg nicht zuletzt den überragenden literarischen Fähigkeiten ihres Entdeckers – beziehungsweise Erfinders. Es ist ihm gelungen, eine ganze neue, eine dazu ungeheuer provozierende wissenschaftliche Lehre so einzuführen, dass sie jeder, na ja: jeder Gebildete verstehen konnte. Sein wichtigstes didaktisches Instrument sind Bilder, Vergleiche, Metaphern.

Diese Bilder betrachtet Lothar Müller, Literaturkritiker der «Süddeutschen Zeitung», aus einer neuen Perspektive. Er liefert eine «horizontale» Lektüre, im Unterschied zum «vertikalen» Vorgehen Freuds, der von den manifesten Erscheinungen, den Neurosen, in die Tiefe vorstiess, um deren Ursachen zu finden und sie dann durch die «Redekur» zu therapieren.

Zu den zentralen Metaphern gehört folglich die Archäologie. Der Analytiker gräbt in der Vergangenheit des Patienten und findet etwa eine Störung der kindlichen Sexualentwicklung. Lothar Müller kennt sich in der Psychoanalyse glänzend aus – wobei man nie ganz sicher ist, ob er sie als Wissenschaft ernst nimmt oder nicht vielmehr für einen grandiosen modernen Mythos hält. Ihn interessiert hier, woher die Bilder kommen, nämlich aus der Lebenswelt eines Bildungsbürgers im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, und wie sie funktionieren.

Freuds Sammlung umfasste 2000 Objekte

So wird der Stift, natürlich ein Phallussymbol, wieder zum Stift, nämlich zum Füllbleistift der Firma Penkala, und wir erfahren, dass der Markenname «Penkala» für eine Weile so mit dem Ding selbst verschmolz wie heute die «Tempo»-Taschentücher.

Freuds Leidenschaft für die Archäologie schlug sich in einer intensiven Sammlungstätigkeit nieder. Müller studiert diese Sammlung, sie umfasste schliesslich 2000 Objekte, genau, erzählt, wo und wann er was gekauft hat, rekonstruiert anhand von Fotografien ihren Platz im Behandlungszimmer, in Vitrinen und auf dem Schreibtisch, und analysiert einzelne Stücke auf ihre Bedeutung für einzelne Fälle hin.

Einmal kickte Freud eine Marmorstatuette der Venus so schwungvoll mit seinem Pantoffel von ihrer Konsole, so dass sie zerbrach. In der «Psychopathologie des Alltags» deutet er selbst die Tat als Dankopfer: Seine schwer erkrankte Tochter Mathilde war über den Berg. Müller beugt sich nun nicht, wie die psychoanalytische Literatur, über die besondere affektive Bindung Freuds an diese Tochter, sondern beschreibt den schwungvollen Handel mit Repliken, die Rolle des Kaminsimses als heimisches Ausstellungsgelände – und die frühe Erscheinung der uns sattsam bekannten Devotionalien- und Souvenirgeschäftigkeit.

Die Antike gehörte in Freuds Kreisen zu dem Bildungshintergrund, den man einfach voraussetzen konnte.

Die Antike gehörte in Freuds Kreisen, anders als heute, zu dem Bildungshintergrund, den man einfach voraussetzen konnte. Der Zugriff auf solcherart Bekanntes diente auch dazu, Widerstände gegen die neue Lehre abzubauen, oder, wie Müller formuliert: «Das Bündnis der Psychoanalyse mit den antiken Mythen schlägt eine Bresche in die Abwehr des Publikums gegenüber den Zumutungen, die mit der Entdeckung der infantilen Sexualität, der Todeswünsche des Kindes gegen den Vater und der libidinösen Besetzung der Mutter verbunden waren.» Auch die Präsenz der Statuetten diente dazu, Vertrautheit zu schaffen.

Antike Statuetten nutzte Freud bei der Therapie – und zur Vertrauensbildung. Foto: János Kalmár (AKG)

Müllers «horizontale Lektüre», die Einbettung der Freudschen Symbole in die Lebenswelt, erweist sich als originell und ungemein fruchtbar. Der berühmte Satz, das «Ich sei nicht mehr Herr im Hause», überhaupt die Hausmetaphorik mit dem anrüchigen «Untergeschoss», führt Lothar Müller zu den seinerzeit höchst populären Ankerbaukästen, von denen auch einer im Hause Freud angeschafft wurde. Und wenn er die «Traumarbeit» illustrieren will, die das eigentlich Gemeinte verdichtet und verschiebt, die auch mehrere reale Personen zu einer verschmilzt, bezieht sich Freud auf die «Galtonsche Mischfotografie».

Die Familie Wittgenstein – vier Gesichter, ein Bild

Das war eine seinerzeit aufkommende Methode, mehrere Gesichter zu einem Foto zu verschmelzen. Was heute digital durch «Morphing» möglich ist, war damals eine technisch aufwendige Angelegenheit. Müller, der zu «Freuds Dingen» stets die entsprechende Abbildung gefunden hat – was nicht wenig zur Attraktivität des schön gestalteten Bandes beiträgt –, liefert hier ein spektakuläres Beispiel: ein Galtonsches Mischfoto der Geschwister Wittgenstein, nämlich Ludwig und die drei Schwestern Hermine, Helene und Margarethe.

Weit zurück in die Anfänge der Freudschen Lehre führen die Maschinen, denen sich Müller im ersten Teil seines Buches widmet. Freud hatte ja als Naturwissenschaftler begonnen und versuchte anfangs, seine Entdeckungen hirnphysiologisch zu fundieren. Dazu sollte etwa das Mikrotom der Firma C. Reichert dienen, ein Apparat, der feinste Schnitte ins Gehirn erlaubte. Ein solches Mikrotom besass Freud auch.

Freuds Arbeit verliess bald das Labor und wanderte ins bürgerliche Interieur.

Weit führte ihn das Schneiden und Einfärben allerdings nicht; von den heutigen bildgebenden Verfahren war noch nichts zu ahnen. Bald spielten die Apparate keine Rolle mehr bei der Ausbildung des Freudschen Denkens; seine Arbeit verliess das Labor und wanderte ins bürgerliche Interieur. Was blieb, war der Apparat als Metapher für die Psyche.

Lothar Müllers Gang durch die Dingwelt Sigmund Freuds ist chronologisch, eine glückliche Entscheidung, weil sich auch aus dieser ungewohnten Perspektive die Entwicklung der Psychoanalyse nachzeichnen lässt, von der Hysterie-Therapie über die Traumdeutung bis hin zur Konstatierung des Todestriebs und der Kulturtheorie des Alters.

Eine anspruchsvolle Lektüre

Es ist eine anspruchsvolle Lektüre, weil sie Philologie der Bilder, Interpretation der Texte und historische Rekonstruktion des Alltags verbindet. Aber wer konzentriert liest, bekommt nicht nur ein Zeitbild eines bürgerlichen Wiener Haushaltes, sondern auch auf überaus faszinierende Weise die sich in Etappen, Sprüngen und Wendungen vollziehende Entwicklung des Freudschen Denkens dargeboten.

Müller stellt dabei die wichtigsten «Fälle» vor, mit aller gebotenen Deutungssorgfalt, was nicht verhindert, dass man über manchen Freudschen Kurzschluss den Kopf schüttelt – wenn das Holzspulenspiel eines Anderthalbjährigen mit «Einübung in den Triebverzicht» erklärt wird.

Die Entwicklung der Lehre führt dazu, dass Freud manches, was schon kanonisiert wirkte, wieder über den Haufen warf – etwa, dass jeder Traum einen verdeckten Wunsch formuliert.

Schliesslich frisst die permanente Denk-Revolution ihre Kinder, sprich die Bilder und Metaphern selbst: «Das Psychische», hat er schon früh in einem Brief geschrieben, «ist etwas so einzig Besonderes, dass kein vereinzelter Vergleich seine Natur wiedergeben kann.» Er hat dann viele Vergleiche gesucht und gefunden. Und mit diesen Bildern, so Lothar Müller am Schluss, «hinterliess er eine Dauerspur, die sich aus der modernen Kultur nicht mehr löschen lässt». Der Mythendeuter hat unsere Kultur mit neuen Mythen bereichert.


Lothar Müller: Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen und die Seele im technischen Zeitalter. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 420 S., ca. 60 Fr.

Erstellt: 25.07.2019, 20:35 Uhr

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