Ein Stuntman inszenierte seinen Tod

Krimi der Woche: «Der Fall in Singapur» ist ein turbulenter Mafia-Roman des für seine Politthriller legendären US-Autors Ross Thomas.

Ross Thomas begann erst mit 40 Jahren, Politkrimis zu schreiben. Bis heute werden seine Bücher neu ins Deutsche übersetzt.

Ross Thomas begann erst mit 40 Jahren, Politkrimis zu schreiben. Bis heute werden seine Bücher neu ins Deutsche übersetzt. Bild: Patricia Williams

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Der erste Satz
Er war wahrscheinlich der einzige Mann, der an diesem Tag in Los Angeles Gamaschen trug.

Das Buch
Ed Cauthorne war Stuntman, nun führt er in Los Angeles ein Geschäft mit originalgetreu restaurierten Oldtimer-Autos. Denn nachdem vor zwei Jahren ein Stunt-Kollege bei den Dreharbeiten zu einem Piratenfilm durch seine Schuld umgekommen ist, wird Ed von Panikattacken geplagt und ist beim Film nicht mehr zu gebrauchen. Der Tote war der Patensohn eines Mafiabosses. Und Mafiosi fordern Ed nun auf, den Ex-Kollegen zu suchen. Der sei nämlich gar nicht tot, sondern habe seinen Tod nur inszeniert, um unterzutauchen, und erpresse jetzt seinen Paten. Ed will sich nicht einspannen lassen, doch die «Argumente» der Mafiaschergen sind so schlagend, dass er schliesslich nach Singapur reist, um den Untergetauchten zu suchen – und so vielleicht auch seine Panikattacken loszuwerden.

Das ist der Auftakt zum turbulenten Mafia-Roman «Der Fall in Singapur» von Ross Thomas aus dem Jahr 1969, der jetzt erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt. Der 1995 verstorbene Autor ist vor allem bekannt für seine Politthriller, in denen er in spannenden Geschichten, in welchen einem immer einiges bekannt vorkommt, politische Vorgänge so sezierte, dass sie als dreckige Geschäfte erkennbar werden. Und er tat dies immer mit trockenem Humor, reichlich Ironie und gnadenlosem Sarkasmus.

Es ist darum immer wieder ein besonderes Vergnügen, wenn ein weiterer Band von Ross Thomas in der 2005 gestarteten Werkausgabe im Berliner Alexander-Verlag erscheint. 20 von insgesamt 25 Titeln sind es bis jetzt. Die früher auf Deutsch teils nur in gekürzten Versionen erschienenen Romane werden für diese Edition neu übersetzt oder überarbeitet und ergänzt. Und die Lektüre dieser unglaublich gut erzählten Geschichten macht noch heute nicht nur Spass, sondern ist auch erhellend. Denn die Plots drehen sich um zeitlose Themen wie Macht, Korruption, Betrug und Verrat. Dies nicht nur, aber auch in der Politik. Um Politik geht es nebenbei auch in «Der Fall in Singapur». Dass der Roman schon vor 50 Jahren geschrieben wurde, fällt einem vor allem bei den Preisen auf. So gilt hier ein Preis von 6500 Dollar für einen aufwendig restaurierten 1932er Cadillac V-16 Roadster fast als unverschämt.

«Der Fall in Singapur» mag nicht Ross Thomas’ bester Roman sein. Aber auch dann ist er immer noch besser als so vieles, was heutzutage in den Krimiregalen der Buchhandlungen steht. Wenn Sie dort einen Titel aus der Werkausgabe dieses grossartigen Autors – sie zeigen alle einen Dollar-Noten-Ausschnitt in unterschiedlichen Farben als Titelillustration –, welchen auch immer, sehen: Kaufen und lesen! Es lohnt sich.

Die Wertung

Der Autor
Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma City, gestorben 1995 in Santa Monica, Kalifornien, war im Zweiten Weltkrieg als Soldat auf den Philippinen. Er arbeitete unter anderem als Journalist in den USA, in Deutschland und in Nigeria. In den 1950ern baute er in Bonn das Büro des amerikanischen Radiosenders AFN auf, und er war PR- und Wahlkampfberater für Politiker wie Lyndon B. Johnson sowie Gewerkschaftssprecher. Erst mit 40 begann er mit dem Schreiben von Politthrillern. Für seinen ersten Roman «The Cold War Swap» («Kälter als der Kalte Krieg») wurde er 1967 mit dem Edgar Allan Poe Award für den besten Erstling ausgezeichnet; einen weiteren Edgar erhielt er 1985 für «Briarpatch» («Dornbusch»). Von 1966 bis 1994 schrieb Thomas 25 Romane, darunter fünf – eine Serie mit dem professionellen Verbindungsmann («Go-Between») Philip St. Ives – unter dem Pseudonym Oliver Bleeck. Alle Romane von Ross Thomas, die ursprünglich auf Deutsch teils stark gekürzt herausgegeben wurden, erscheinen seit 2005 im Berliner Alexander-Verlag in einer originalgetreuen deutschen Werkausgabe, die bisher 20 Bände umfasst. Ross Thomas starb zwei Monate vor seinem 70. Geburtstag an Lungenkrebs.

Ross Thomas: «Der Fall in Singapur» (Original: «The Singapur Wink», William Morrow, New York 1969). Aus dem Englischen von Wilm W. Elwenspoek, Jana Frey, Gisbert Haefs. Alexander-Verlag, Berlin 2019. 319 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 21.08.2019, 15:06 Uhr

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