In den USA war es das Buch des Jahres

Colson Whiteheads Roman «Underground Railroad» erzählt von einem Netzwerk, das Sklaven zur Flucht verhalf.

Die Flucht vor der Unterdrückung führte 1850 manche Schwarze von Maryland nach Delaware. Foto: Universal History Archive/UIG (Getty)

Die Flucht vor der Unterdrückung führte 1850 manche Schwarze von Maryland nach Delaware. Foto: Universal History Archive/UIG (Getty)

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Die «Underground Railroad» war keine Eisenbahn, und unterirdisch verlief sie auch nicht. «Underground Railroad» ist vielmehr eine Metapher, ein Bild für ein Netzwerk von Helfern, Zuträgern, geheimen Verstecken und verschlüsselten Nachrichten, das im 19. Jahrhundert dazu diente, entlaufende Sklaven in sichere Staaten der USA zu schleusen.

Das Vokabular des Eisenbahnwesens diente als Code, man sprach von «Bahnhöfen», «Stationsvorstehern», «Passagieren». Reisedokumente mussten beschafft werden, neue Identitätspapiere für Flüchtlinge, die laut Gesetz immer noch ihren Peinigern gehörten; Anwälte mussten bezahlt, die bis in den Norden aktiven Sklavenjäger abgelenkt werden.

Seinerzeit ein gut gehütetes Geheimnis, gehört die «Underground Railroad» heute zu den nationalen Mythen, auch weil sie sich gut eignet, aus einer Schande ein Heldenlied zu destillieren. Denn die «Eisenbahn» wurde von Schwarzen (Ex-Sklaven oder Freigeborenen) wie Weissen (Gegner der Sklaverei aus christlichen oder humanistischen Motiven) am Laufen gehalten, war also ein Beispiel für das «gute», das nicht rassistische Amerika. Zugleich eine perfekte Story: Gut gegen Böse, David gegen Goliath.

Obamas Ferienlektüre

«Underground Railroad» ist auch der ­Titel des jüngsten Romans eines der profiliertesten Autoren der USA. Colson Whitehead, selbst der schwarzen Mittelschicht entstammend und Harvard-­Absolvent, erhielt dafür den National Book Award und den Pulitzerpreis, eine äusserst seltene Kombination der beiden wichtigsten Literaturauszeichnungen der USA. Barack Obama nahm es in seinem letzten Präsidentensommer mit als Ferienlektüre. Und natürlich kam es in Oprah Winfreys TV-Buchsendung. Es war das Buch des Jahres. In 40 Sprachen wird es derzeit übersetzt, heute erscheint es auf Deutsch.

Dass die Rassenfrage gerade in der Regierungszeit des ersten schwarzen Präsidenten wieder hochkochte (Polizeigewalt und «Black lives matter»-Bewegung) und dass ein Rassistenversteher seit Januar im Weissen Haus sitzt: All das kam dem Buch zugute. Aber es ist auch literarisch ein grosser Wurf.Besonders die ersten beiden Kapitel sind von grosser Härte. Im ersten erzählt er, nüchtern und lakonisch, wie Ajarry, eine junge schwarze Frau, in Afrika entführt und über die «Middle Passage» in die USA kommt. Dort ist sie eine Ware, ihr Preis konjunkturabhängig. Vielfach verkauft und wiederverkauft, landet sie auf der Randall-Farm in Georgia, wo sie sich auf den Baumwollfeldern zu Tode schuftet. Ihrer Tochter Mabel gelingt die Flucht, allerdings lässt sie dabei die eigene Tochter Cora zurück.

Cora ist die Heldin des Romans, sie wird der «Passagier» der «Underground Railroad»; wir verfolgen ihre Reise durch verschiedene Bundesstaaten mit unterschiedlichen Unterdrückungssystemen bis zu einem Treck in die Freiheit, vielleicht.

Entstammt selbst der schwarzen Mittelschicht: Der Autor Colson Whitehead Foto: Carlo Allegri/ Reuters

Zuvor führt uns der Autor aber ausführlich und mit allen kaum erträglichen Details den Alltag auf der Baumwoll­plantage vor. Das Prinzip der Terrorcamps des 20. Jahrhunderts, Vernichtung durch Arbeit, findet sich hier bereits ausgeprägt, verschärft noch durch Willkür und Sadismus. Einer der Herren, der bösartige Terrance, «lebte jede flüchtige und jede tiefsitzende Fantasie an allen aus, über die er Gewalt hatte. Wie es sein gutes Recht war.» Einmal wird ein eingefangener Flüchtling drei Tage lang zu Tode gefoltert, zur Abschreckung der anderen «Neger» – Whitehead benutzt diese nicht politisch, aber historisch korrekte Bezeichnung – und zur Unterhaltung einer eigens angereisten weissen Gesellschaft, inklusive eines Korrespondenten aus London.

Die «Underground Railroad» ist bei Whitehead tatsächlich eine Eisenbahn, die durch endlose Tunnel führt, das Herrschaftssystem der Weissen tatsächlich unterläuft. Er nimmt die Metapher wörtlich, kehrt also den poetischen Mechanismus um, ein Kunstgriff, der dem Roman eine Drehung ins Fantastische verleiht. Sklaverei, dieser unglaubliche Vorgang, Menschen zu Waren zu machen, war eine Selbstverständlichkeit. Das existierende Netzwerk wiederum steigert Whitehead mit seinem Tunnelsystem zum fantastischen Realismus.

Ausgestellt wie ein Affe im Zoo

Diesen «Spin» wendet er auch in den folgenden Kapiteln an, in denen Cora neue Welten betritt, ihr fremd wie Liliput und Brobdingnag für Gulliver. Im aufgeklärten South Carolina bekommen die Entkommenen neue Namen und Papiere (gelten demnach aber als «Eigentum der Vereinigten Staaten»), gehen zur Schule, bekommen Arbeit. Es gibt sogar ein Museum der Sklaverei, in dem Cora sich selbst spielen darf – ausgestellt wie ein Affe im Zoo. Hinter der vermeintlichen Philanthropie verbirgt sich viel Heuchelei und ein perfider «eugenischer» Plan: Frauen werden zur Sterilisation gedrängt, Männer heimlichen medizinischen Experimenten mit Syphilis ausgesetzt. Dahinter steckt die Angst vor einer demografischen schwarzen Übermacht.

In North Carolina, der nächsten Station, ist die Angst vor der «Rache der schwarzen Hand» in Paranoia umgeschlagen. Man schafft dort die Sklaverei ab, indem man die «Neger» abschafft. Auf den Plantagen schuften jetzt weisse Kontraktarbeiter, Schwarzen ist der Aufenthalt im Land verboten. Wird doch einer ertappt, hängt man ihn in gespenstischen Freitagabend-Spektakel vor johlendem Publikum auf. Von der Stadt aus verläuft die «Strasse der Freiheit», an jedem Baum hängt eine Leiche. Cora, von ihren Beschützern auf einem Spitzboden versteckt, sitzt in der Falle; die Lynchmorde finden unmittelbar unter ihrem Guckloch statt. Dieses Kapitel ist historisch inspiriert von den Erinnerungen der Sklavin Harriet Ann Jacobs, die sich sieben Jahre auf einem Dachboden versteckte, aber auch vom Schicksal der Anne Frank.

Man begreift Whiteheads Methode: keine akribisch rekonstruierte Nacherzählung der historischen Unterdrückungsformen, sondern deren Verschiebung ins Fantastische und zugleich ihre Transzendierung ins Universale. Das weissgemordete North Carolina überführt das Phantasma von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern und anderer Rassisten, die heute wieder Oberwasser bekommen, in die Realität und entspricht analog der NS-Vision einer «judenfreien» Welt.

Wir verfolgen Coras Reise durch verschiedene Unterdrückungssysteme und US-Staaten bis in die Freiheit, vielleicht.

Zu den historischen Analogien treten literarische. Die Strasse der Gehängten erinnert an die entlang der römischen Via Appia aufgestellten Kreuze, an die die Teilnehmer des Spartakus-Aufstandes geschlagen wurden (Arthur Koestler hat diese grauenhafte Szene in seinem Roman «Die Gladiatoren» ausgemalt). Und Coras Gegenspieler, der Sklaven­jäger Ridgeway, hat einen literarischen Vorgänger im gnadenlosen Inspektor Javert in Victor Hugos «Les misérables».

So ist «Underground Railroad» eine Art Enzyklopädie der Unmenschlichkeit: der Unterdrückung von Schwarzen durch Weisse – von Menschen durch Menschen. Jede Station stellt eine Verhöhnung der Unabhängigkeitserklärung dar, auf deren Menschenrechtsartikel die Schwarzen vergeblich ihre Hoffnung setzen. Sie gilt ebenso wenig für sie, wie die Indianer auf die Verträge bauen konnten, die die Weissen mit ihnen schlossen.

Diese beiden Urverbrechen, auf denen die USA gründen, Land- und Menschenraub, wirken bis heute nach. Und auch die Gegenideologie zu den Menschenrechtsversprechen ist aktuell, die Whitehead dem Sklavenjäger Ridgeway in den Mund legt: der «amerikanische Imperativ». Der besteht im Recht, sich alles anzueignen, was man will, ohne Rücksicht auf andere. Und in einer Ideologisierung des Faktischen: Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass «Neger» Sklaven sind, dann wären sie es nicht.

Nur wenige Schwächen

Colson Whiteheads Roman hat nur wenig Schwächen. Ein paar Seiten, auf denen Cora allzu deutlich das artikuliert, was der Autor denkt, ein gewisses Absinken an Spannung und Dichte gegen Ende. Aber die Stärken überwiegen bei weitem. Sie liegen in Whiteheads Formulierungskunst, die Ungeheuerliches immer wieder in einzelnen Sätzen verdichtet. In der Lakonie, die das Schreckliche verdichtet, in der Üppigkeit, die das Schöne ausmalt – Letzteres meist nur in der Vorstellung, im Traum. Sie liegen in der Struktur des Romans, der Porträt- mit Staatenkapitel wechselt, der Road Novel mit Verfolgungsjagd und Stationendrama kombiniert.

Enzyklopädie der Unmenschlichkeit: Der Roman Underground Railroad.

Sie liegen schliesslich in der Perspektive. Whitehead erzählt aus Coras Sicht, beansprucht aber nicht, die Gefühlswelt einer als Sklavin geborenen Frau um 1850 nachbilden zu können. Er betrachtet sie vielmehr als das Wunder, das sie ist: jemand, der Chancen nutzt, die er gar nicht hat. Und wer den Roman gelesen hat, wird die «Underground Railroad» nicht als Beweis dafür nehmen, wie herrlich weit es die «Nation der Freien» gebracht hat. Die Gegenwart ist noch nicht der Endbahnhof der Gleichberechtigung.

Zwei Pole bestimmen das Kraftfeld des Romans. Der erste ist die Aussichtslosigkeit der Flucht: Es gibt nirgends Sicherheit, jede Zuflucht ist prekär. Auch die Musterfarm in Indiana, auf der Freie und Geflohene Ackerbau und Handwerk betreiben, geht in Flammen auf. Die Geschichte der Diskriminierung ist nicht zu Ende, bis heute nicht.

Der Gegenpol ist ein unzerstörbares Gefühl für den eigenen Wert und das eigene Recht als Mensch – wider alle Erfahrungen und Aussichten. In einer Schlüsselszene, noch auf der Plantage, sieht Cora, wie ein Junge wegen eines Missgeschicks schwer geprügelt wird, «und ehe die Sklavin in ihr den Menschen in ihr einholte», wie Whitehead grandios formuliert, wirft sie sich schützend über ihn, mit schlimmen Folgen. Später erschlägt sie einen Verfolger und leistet sogar dem brutalen Sklavenjäger Widerstand, bis hin zu einer tödlichen Umarmung. Die inneren Ketten hat Cora schon früh gesprengt.

Colson Whitehead: Underground Railroad. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser, München 2017. 350 S., ca. 35 Fr.

Erstellt: 21.08.2017, 15:54 Uhr

«Underground Railroad»

Die historische Vorlage

Die historische «Underground Railroad» bestand vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1865, als nach dem amerikanischen Bürgerkrieg die Sklaverei verboten wurde. Sie war kein zentral geplantes Netzwerk, sondern bestand aus einer Vielzahl lokal organisierter Helfer und Schutzräume. Mit ihrer Hilfe gelangten zwischen 30'000 und 100'000 Sklaven in die Freiheit.

Die «Railroad» ist gut dokumentiert und ein sorgfältig gepflegter Teil der US-Geschichte. Die Ikone des Netzwerks, Harriet Tubman, selbst entlaufene Sklavin, die Dutzenden Leidensgefährten in den Norden half, soll demnächst auf den 20-Dollar-Schein kommen (als Ersatz für den Sklaven haltenden Präsidenten Andrew Jackson). Tubman ist ein Denkmal in Harlem gewidmet, das sie in Form einer stilisierten Lokomotive zeigt. In Cincinnati gibt es ein «Railroad Museum», alljährlich widmet sich eine Tagung dem Forschungsthema. Und eine TV-Serie gibt es auch. (ebl)

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