Ein Vorschlaghammer aus Zorn

Krimi der Woche: Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen in Los Angeles bilden den Hintergrund des Romans «Stille Feinde» von Joe Ide.

Der Stadtteil East Long Beach von Los Angeles ist der Hauptschauplatz der harten, spannenden Geschichte von Joe Ide.

Der Stadtteil East Long Beach von Los Angeles ist der Hauptschauplatz der harten, spannenden Geschichte von Joe Ide. Bild: Craig Takahasi

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Der erste Satz
Isaiah war siebzehn Jahre alt, als sein grosser Bruder Marcus bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

Das Buch
Isaiah Quintabe wird nicht nur wegen seines Namens I. Q. genannt, sondern auch, weil er ziemlich schlau ist. Seinen ersten Auftritt hatte dieser frische, zeitgemässe Privatdetektiv aus den schwarzen Hoods von Los Angeles 2016 in «I. Q.». Das Krimidebüt des damals bereits 58-jährigen Joe Ide machte Furore bei Kritikern und Autoren. Witzig und spannend war der im Gangsta-Rapper-Milieu spielende Roman. Jetzt gibt Ide im Nachfolger «Stille Feinde» seinem jungen Helden mehr Tiefe. Dazu lässt er zwei Handlungsstränge, die zeitlich eigentlich aufeinanderfolgen, parallel laufen. Im einen will sich Isaiah am Mörder seines Bruders rächen, im anderen legt er sich für die damalige Freundin seines Bruders mit chinesischen Gangstern an.

Isaiah ist nicht über den Tod seines Bruders, der für ihn ein Vorbild war, hinweggekommen. Vor acht Jahren war er überfahren worden. Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, hiess es. Doch Isaiah weiss inzwischen, dass es kein Unfall, sondern ein geplanter Mord war. Er will den Mörder finden und ihn büssen lassen. Der zweite Handlungsstrang beginnt mit dem überraschenden Anruf der damaligen Freundin seines Bruders, in die er schon damals verschossen war. Deren spielsüchtige Halbschwester hat sich in Las Vegas bei Kredithaien schwer verschuldet, und ihr Freund will eine chinesische Triade erpressen, um zu Geld zu kommen. Was keine gute Idee ist. Isaiah setzt alles daran, dieses Problem zu lösen und damit das Herz seiner Angebeteten zu erobern.

Wie schon in «I. Q.» ist der Stadtteil East Long Beach von Los Angeles der Hauptschauplatz der harten, spannenden Geschichte. Ein Viertel, in dem verschiedene ethnische Gruppen sich bekämpfen. Isaiah steht als hilfsbereiter Aussenseiter zwischen allen Fronten. Es ist eine Konstellation, die dem Autor vertraut ist. Als Kind japanischer Einwanderer im afroamerikanisch dominierten South Central Los Angeles aufgewachsen, war Joe Ide selbst Aussenseiter und erlebte als Beobachter die Kämpfe zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Der Held seiner Romane ist Afroamerikaner, daneben gehen die Wogen des Hasses zwischen Latinos, Chinesen und Westafrikanern hoch.

Eigentlich weiss Isaiah, dass Hass «wie ein Geschwür, ein eiternder stinkender Tumor» ist. Doch manchmal fühlte er sich gut an: «Hass vertrieb Ängste und schmiedete aus jeder Enttäuschung, jedem Rückschlag, jedem Verlust, jeder Demütigung und jedem Versagen, das man je hatte hinnehmen müssen, einen riesigen stählernen Vorschlaghammer aus Zorn, und man war bereit, damit auszuholen und sich für einen kurzen, reinigenden Moment Erleichterung zu verschaffen.»

Die Wertung

Der Autor
Joe Ide, geboren 1958, wuchs in South Central Los Angeles als einziges japanisches Kind in einem afroamerikanischen Viertel auf. Er studierte Pädagogik und arbeitete als Lehrer, unterrichtete an einer Universität, war in der Personalabteilung einer Unternehmensberatungsfirma tätig und leitete eine NGO. Als Drehbuchautor arbeitete er für verschiedene grosse Hollywoodstudios, doch keines seiner Drehbücher wurde realisiert. Mit 58 Jahren veröffentlichte er 2016 seinen ersten Roman «I. Q.», ein Jahr darauf die Fortsetzung «Righteous» («Stille Feinde»); im Oktober 2018 erscheint in den USA sein dritter Krimi um Isaiah Quintabe, «Wrecked». Zur Kriminalliteratur kam er durch die klassischen Sherlock-Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle, die er schon als Schüler begeistert gelesen hatte. Als wichtige Vorbilder nennt er unter anderen auch Michael Connelly, Elmore Leonard und Walter Mosley. Joe Ide lebt mit seiner Frau und dem Golden Retriever Gusto in Santa Monica, Kalifornien.

Joe Ide: «Stille Feinde» (Original: «Righteous», Mullholland Books, New York 2017). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, Berlin 2018. 399 S., ca. 23 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2018, 14:18 Uhr

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