Die perfekte Sommerlektüre

Krimi der Woche: In «Kommando Abstellgleis» lässt «Cosmopolitan»-Autorin Sophie Hénaff eine Chaostruppe ermitteln.

Die Pariser Journalistin Sophie Hénaff serviert ihre Geschichte mit Witz und Charme.

Die Pariser Journalistin Sophie Hénaff serviert ihre Geschichte mit Witz und Charme. Bild: Jean-Luc Bertini/Random House

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Der erste Satz:
Anne Capestan stand vor ihrem Küchenfenster und wartete darauf, dass der Tag anbrach.

Das Buch:
Commissaire Capestan ist suspendiert. Es geht um eine Schussabgabe, für die sie vom Disziplinarausschuss verwarnt wurde. Jetzt hat sie der Chef an den Quai des Orfèvres 36 bestellt. Was wird passieren? Entlassung? Versetzung in die Provinz? Nein, es kommt ganz anders: Ihr wird die Leitung einer neuen Brigade übertragen. Wo ist der Haken, fragt sich Anne Capestan. Die Brigade umfasse «nur die unorthodoxesten Beamten», erklärt der Chef. Was bedeutet: «Wir säubern die Behörde, um die Statistik aufzupolieren. Wir stecken alle Alkoholiker, Schläger, Depressiven, Faulpelze und so weiter, alle, die unsere Abteilungen behindern, aber nicht gefeuert werden können, zusammen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und zwar unter Ihrem Kommando.» Auf Capestans Frage, warum gerade sie dafür ausgesucht worden sei, antwortet der Chef trocken: «Sie haben als Einzige den Dienstgrad eines Commissaire. Im Normalfall kündigen sich die Pathologien schon vor dem Auswahlverfahren an.»

Rund 40 Beamte wurden der neuen Brigade zugeteilt. Aber nur wenige davon schauen vorbei in dem neuen Revier, das in einem Pariser Quartier weitab vom Schuss im 5. Stock eines Wohnhauses liegt. Ein paar bleiben aber und helfen dabei, die Akten von alten, ungelösten Fällen auf neue Ansatzpunkte durchzugehen. Einer gilt als Unglücksbringer, weil seine früheren Partner bei der Polizei ums Leben kamen; heute will keiner mehr mit ihm arbeiten. Ein anderer hat am Morgen schon eine Rotweinfahne. Eine Kollegin schreibt nebenher erfolgreich Drehbücher für TV-Krimis und hat die Arbeit eigentlich nicht nötig, aber sie ist gerne unter Kollegen und sucht immer Krimithemen. Eine Chaostruppe. Doch Anne Capestan wird vom Ehrgeiz gepackt und kann die Leute motivieren. Und dabei kann sie erst noch den Chefs im Präsidium auf die Zehen treten.

Die Pariser Journalistin Sophie Hénaff serviert in ihrem ersten Roman «Kommando Abstellgleis» keine schwere Kost. Doch sie erzählt die Geschichte von Anne Capestans Aussenseiterbrigade mit Witz und Charme. In den grossen Fall, auf den sich die Truppe einschiesst sind hohe Polizeibeamte verwickelt. Der Plot wirkt streckenweise etwas verworren, was die Autorin mit Humor wettmacht. So funktioniert Hénaffs Debüt durchaus als leichte Sommerlektüre – am besten im TGV nach Paris. Im Original heisst der Roman übrigens «Poulets grillés». Poulet, also Hähnchen, ist in Frankreich auch eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen Polizisten, vergleichbar dem deutschen Bulle. Dem deutschen Verlag ist dafür nur der Deppentitel «Kommando Abstellgleis» eingefallen. Und die auf Oktober angekündigte Fortsetzung heisst plump «Das Revier der schrägen Vögel».

Die Wertung:

Die Autorin:
Sophie Hénaff, geboren 1972, ist Journalistin bei der französischen Ausgabe des Frauenmagazins «Cosmopolitan», wo sie insbesondere für ihre witzige Kolumne «La Cosmoliste» bekannt ist. «Poulets grillés» («Kommando Abstellgleis») ist ihr erster Roman. Im Oktober erscheint die Fortsetzung «Rester groupés» unter dem Titel «Das Revier der schrägen Vögel» auf Deutsch.

Sophie Hénaff: «Kommando Abstellgleis» (Original: «Poulets grillés», 2015, Editions Albin Michel, Paris). Aus dem Französischen von Katrin Segerer. 2017, Carl’s Books/Random House, München, 349 Seiten, 22.90 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2017, 15:57 Uhr

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