«Eine echte Feministin hat keine Kinder»

Verena Brunschweiger lebt und denkt radikal. Es geht ihr ums Klima – aber nicht nur.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihr Buch hat in Deutschland eine heftige Debatte ausgelöst. Warum eigentlich? Wir leben in liberalen Gesellschaften, zu deren Vorzügen eine grosse private Entscheidungsfreiheit gehört.
Na ja. In den USA und in England ist man längst weiter, da gäbe es nie einen solchen Aufstand. Mein Ansatz wurde im angelsächsischen Raum schon vor Jahren debattiert. Im deutschsprachigen Raum ist das anders, deshalb habe ich das Buch geschrieben. Viele Familien dümpeln bei uns dahin, als lebten wir in den 1950ern. Glauben, sie hätten die definitive Lebensform gefunden. So, als würde damit nicht unsere Lebensgrundlage vernichtet, als wäre unsere Zukunft nicht akut gefährdet. Die wollte ich aufrütteln. Dass die Reaktionen nun derart heftig ausfallen, habe ich allerdings nicht erwartet. Ich muss leider feststellen: Wir Deutschen sind nur pseudotolerant.

Aber Ihr Ansatz ist ja auch nicht tolerant, sondern imperativ: Ihr müsst euer Leben ändern, und zwar dalli!
So sage ich das ja nicht. Es wäre halt schön, wenn es nicht nur «Birth Strike England» gäbe, sondern auch «Birth Strike Germany» ... In den sogenannten Entwicklungsländern ist Wassermangel aufgrund der klimatischen Veränderungen ja schon jetzt ein Problem, aber offenbar kümmert das viele Leute hier gar nicht.

Sie erwarten eine Öko-Apokalypse, in die Sie keine Kinder hineinstellen wollen.
Der «Guardian» stellte kürzlich fest, dass im Jahr 2040 die natürlichen Ressourcen derart knapp werden, dass es in Europa zu Verteilungskriegen kommen dürfte. Da wäre mein Kind 20. Entschuldigen Sie, aber da hätte ich ein schlechtes Gewissen. So eine Zukunft möchte ich keinem Kind antun. Und nochmals: Kinderverzicht ist der beste Umweltschutz, der grösste individuelle Beitrag, den man für den Klimaschutz leisten kann.

Kinderverzicht, und alles wird gut?
Selbstverständlich kann man noch mehr tun. Ich zum Beispiel fliege nicht und esse auch kein Fleisch. Ich bin da schon vorbildlich unterwegs, muss ich feststellen. (lacht) Aber ich allein kanns halt auch nicht richten.

Lebten wir im Jahr 1970, hätten Sie wahrscheinlich Kinder?
Dann wäre es wahrscheinlicher. Weil die Welt damals eine heilere war.

Sie hinterfragen das Kinderkriegen nicht nur aus ökologischen Gründen. Im Buch zählen Sie minutiös Folgen und Gefahren der Schwangerschaft auf und stellen schliesslich fest, die Natur sei frauenfeindlich. Ist es so simpel? Die ganzen Glücksgefühle, von denen viele Schwangere und Mütter reden – alles Quatsch?
Solche Frauen kenne ich schon auch. Aber ich höre eben auch unglaublich oft, wie schrecklich so eine Schwangerschaft sein kann. Eine Freundin von mir ist beim Gebären fast gestorben. Kinderkriegen ist immer noch eine sehr gefährliche Sache, aber das wird heute gern verschwiegen. Man tut so, als hätte die Medizin alles im Griff. Stimmt leider nicht: Selbst in Deutschland sterben jedes Jahr Mütter bei der Entbindung. Gebären ist und bleibt lebensgefährlich.

Sie bezeichnen begeisterte Mütter als «Mombies».
(lacht) Das ist ein Begriff aus der angelsächsischen Debatte und neckisch gemeint. Aber es ist nun mal so: Eine schwangere Frau verliert ihre Autonomie. Sie unterstellt sich dem Patriarchat.

Sind nur kinderfreie Feministinnen glaubwürdige Feministinnen?
Eine echte Feministin hat keine Kinder. Das sehe ich so, ja. Ich weiss schon, dass es auch andere Feministinnen gibt: liberale, queere und so weiter. Für sie sind Mutterschaft und Feminismus kein Widerspruch, und das ist ja auch okay. Sollen die das so leben. Für mich passt es nicht zusammen mit einer konsequenten feministischen Haltung.

Erweisen Sie sich mit Ihrer heftigen Kritik am Kinderkriegen und an der Kleinfamilie letztlich nicht als Opfer der neoliberalen Vereinzelung, sehen deshalb in der Familie keinen Wert mehr?
Ach nein. Ich habe sehr enge Freundinnen und Freunde. Die sind quasi meine Familie, und die sind mir selbstverständlich sehr wichtig. Für manche gehören auch die Haustiere dazu. Vom engen patriarchalen Familienverständnis habe ich mich schon lange verabschiedet.

Sie sagen, Kinder würden heute in eine miese Welt hineingeboren. Dabei geht es der Welt doch in vielen Bereichen immer besser: Die Kindersterblichkeit geht zurück, extremer Hunger auch und so weiter.
Hat nicht schon Leibniz gesagt, wie lebten in der besten aller möglichen Welten? (lacht) Na ja, ich finde die Gegenwart halt trotzdem nicht so berauschend. Und die Perspektiven sind gruselig, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Wenn nun irgendwo auf der Welt die Kindersterblichkeit ein wenig zurückgeht – was bringts? Dieses Kind hat dann eh keine saubere Luft und kein sauberes Trinkwasser mehr. Und von den Tieren, denen wir die Lebensgrundlage entziehen oder bereits entzogen haben, haben wir ja noch gar nicht geredet. Für mich ist ein Mensch nicht mehr wert als ein Nashorn oder ein anderer Grosssäuger. Auch für das Überleben des Nashorns sollten wir auf Kinder verzichten.

Sie zitieren Nietzsche: «Ein neues Kind: Oh, wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt!» Aber so sind wir nun mal, unperfekte Schmutzproduzenten. Lehnen Sie letztlich nicht den Menschen an sich ab?
Aber nein. Doch wir sind heute einfach zu viele. In Deutschland haben wir heute doppelt so viele Menschen, wie für die Umwelt ideal wären. Umbringen können wir ja niemanden, deshalb müssen wir die Produktion jetzt zurückfahren. Und nicht vergessen: Ein deutsches Kind verbraucht so viele Ressourcen wie 30 Kinder auf dem afrikanischen Kontinent. Wir können also nicht sagen, das zu viel an Kindern sei nicht unser Problem.

Wenn der Homo sapiens ausstirbt, wäre das auch okay für Sie?
(lacht) Wir sterben schon nicht aus, keine Sorge. Vielleicht kommt rascher, als wir heute glauben, die «Global One Child»-Policy. Ein Kind, das würde nämlich so knapp drinliegen. Dann könnten wir den Kollaps noch etwas hinauszögern.

Erstellt: 28.03.2019, 14:28 Uhr

Verena Brunschweiger ist Gymnasiallehrerin und promovierte Germanistin.

Diesen Frühling veröffentlichte sie das Buch «Kinderfrei statt kinderlos: Ein Manifest», das in Deutschland eine intensive Feuilleton-Debatte auslöste. (Bild: Juliane Zitzlsperger)

Verena Brunschweiger: Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest. 150 Seiten, zirka 26 Franken. Marburg, Büchner-Verlag.

Artikel zum Thema

Grounding für alle

Fliegen zum Spass liegt nicht mehr drin. Sorry. Mehr...

Das falsche Misstrauen

Analyse Kommt eine gewaltige Mehrheit in der aufgeklärten Wissenschaft zu einem Befund, ist es nur vernünftig, ihr zu glauben. Mehr...

Zu Ende gedacht, bleibt nur Suizid

Kommentar Kinder zu bekommen, belastet die Umwelt extrem, behauptet ein neues Buch. Handelt also unmoralisch, wer Kinder bekommt? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...