Eine Karte, die nicht sticht

Kristine Bilkau hat einen so raffinierten wie berührenden Roman über eine Liebe vorgelegt, die ein Leben lang dauert, obwohl sie sich nie erfüllt hat. Oder gerade deswegen.

Kristine Bilkau erfüllt die Erwartungen, die ihr Erstling geweckt hatte. Foto: AKG Images

Kristine Bilkau erfüllt die Erwartungen, die ihr Erstling geweckt hatte. Foto: AKG Images

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«Und wenn ich dich lieb habe, was geht’s dich an?» Mit diesem Satz, einem der berühmtesten der deutschen Literatur, antwortet Philine auf Wilhelm Meisters Verlangen, ihn in Ruhe zu lassen. Liebe, die ihre Erfüllung in sich selbst findet, die gewissermassen nur im Pfeil lebt, ohne ihr Ziel je zu erreichen: Das ist ein revolutionäres Konzept. Meist allerdings ein unfreiwillig ertragenes, weil der oder die Geliebte sich den Gefühlen und Forderungen des Liebenden schlicht verweigert. Im Normalfall begreift man das irgendwann, geht selbst auf Distanz zum unerwiderten Gefühl und wendet sich aussichtsreicheren Objekten zu.

Das versucht auch Antonia, die Heldin von Kristine Bilkaus zweitem Roman «Eine Liebe, in Gedanken». Das Komma im Titel ist genauso traumwandlerisch sicher gesetzt – als Zäsur, die beide Satzteile im Gleichgewicht hält – wie alles in diesem Buch. Es bestätigt die hohen Erwartungen, die der Erstling der Hamburger Autorin geweckt hatte: «Die Glücklichen» (2015) schilderte ein Mittelklassepaar auf dem abschüssigen Weg ins Prekariat und zeigte, was beim Verlust des gewohnten Lebensstandards auch noch ins Rutschen gerät.

«Geld ist ein Kulturgut», sagt jetzt auch Edgar, der Mann, den Antonia liebt, und er meint damit: Ohne Geld ist alles nichts. Und er hat kein Geld, jedenfalls nicht genug, um eine Frau und eine Familie zu ernähren – wir befinden uns in den 1960er-Jahren. Edgar lässt sich von seiner Firma nach Hongkong schicken, um sich eine Existenz aufzubauen, und verspricht Antonia, sie bald nachzuholen. Die kündigt ihre Stelle, löst ihren Hausstand auf, zieht zu Bekannten und wartet. Und wartet.

«Wurde ich geliebt? Wurde ich nicht genug geliebt?» Von dieser Frage hat sich Antonia «am Ende allein, ganz allein befreit».

Von Edgar kommen Briefe, bündelweise, durchnummerierte Briefe, aber nicht der ersehnte Flugschein. Und so endet diese Liebe – jedenfalls nach bürgerlichen Massstäben. Antonia kündigt die Verlobung, ignoriert das zeittypische Etikett «gescheiterte Frau», nimmt eine neue Arbeit auf, heiratet zwei-, beinahe dreimal, verlässt ihre Männer wieder und zieht ihre Tochter allein auf: die Icherzählerin des Romans.

In die Mutter hineinversetzt

Die entsorgt nach dem Tod der Mutter deren Hinterlassenschaft und denkt sich parallel dazu immer mehr in deren Leben, deren Liebe hinein. Den faszinierenden Prozess geglückter Literatur, nämlich die Leser in eine vorgestellte Welt hineinzuziehen, so wirklich wie unser Alltag, nur viel farbiger und intensiver – diesen Prozess inszeniert Kristine Bilkau mit ihrer Erzählerin. Die betrachtet das Fenster einer Dachwohnung, in der die Mutter einst die ersten Schritte in die Selbstständigkeit gemacht hatte, und plötzlich ist sie drin, in deren Leben und Erleben, Jahrzehnte vorher, aber in einem Präsens, das unmittelbar packt und festhält, während die Existenz der Tochter im nüchternen Imperfekt verbleibt.

Um die zögernde, ja zaghafte Annäherung Edgars und Antonias zu begreifen, muss man den Vorhang 1968 beiseiteziehen. Die Liebesgeschichte spielt kurz davor: Es gibt eine Zimmerwirtin, der man den «Männerbesuch» verheimlichen muss – notwendig, umständlich, aber auch kichernd und verschwörerisch. Es gibt eine demütigende Szene beim Frauenarzt, der der 23-Jährigen die Pille verweigert; es gibt unendlich mühsame, sprachlose, vom Amt bald getrennte Ferngespräche.

Und natürlich gibt es Rollen, denen man nicht gerecht wird (Edgar) oder aus denen man ausbrechen will (Antonia will nicht «ausgehalten» werden müssen). Dazu Prägungen, denen man noch weniger entkommt. Antonias eigene Mutter war von ihrem Mann verlassen worden und strahlt Misstrauen, Kleingeistigkeit und Lebensunlust aus; Antonia selbst setzt nach der grossen Enttäuschung die Selbstbestimmung an die oberste Stelle und beschert dadurch ihrer Tochter, der Erzählerin, eine höchst instabile Kindheit – der gerade neu «gelernte» Stiefvater wird alsbald wieder verstossen.

Steif und fade

In der Konsequenz baut die Erzählerin ihr eigenes Leben auf den Fels «Stabilität» auf und provoziert wiederum bei ihrer eigenen Tochter einen unbändigen Unabhängigkeitsdrang: Die Uni, auf die diese Hanna gehen will, muss mindestens 500 Kilometer von den Eltern entfernt liegen.

Zu dieser Dialektik der Generationenfolge kommt ein wachsendes Bewusstsein der Erzählerin dafür, was ihr in ihrem Lebensmodell fehlt – und was die Mutter im Übermass gewählt und erlitten hat: Intensität, in Gestalt der Sehnsucht. Ein gemeinsames Leben in Hongkong, ein Traum, der zum Ziel wird, das schwebt Antonia vor, und dafür ist Edgar der falsche Partner. Er ist lebensängstlich und verantwortungsscheu, ein bisschen steif und ein bisschen fade. Antonia hat alles auf eine Karte gesetzt, aber die sticht nicht.

Als Leser merkt man viel schneller als die Heldin, an von der Autorin klug eingestreuten Indizien, was für eine taube Nuss dieser Edgar letztlich ist. Wenn Antonia also einen «Unwürdigen» geliebt hat, dann ist diese Liebe selbst noch lange nicht unwürdig. Sie bezieht ihre Würde aus sich selbst. Es ist eine Liebe, die Antonia sich bis zum Schluss von niemandem abwerten lässt, «ihre angeblich so unheilbare, zwecklose, vergebliche und verschwendete Liebe». Das grosse Gefühl, das ihre Jugend erfüllt hat, will sie aufbewahren, bis zum Tod.

Und so gewinnt die Mutter, nach konventioneller Lesart eine Verliererin, in den Augen der Tochter (und der Leser) immer mehr an Format. Fast macht sie die Tochter postum ein bisschen klein, aber das ist auch nur ein subtiler Trick einer Autorin, deren feine Beobachtungsgabe nur noch von der Gabe übertroffen wird, diese Beobachtungen in genau dosierte Formulierungen umzusetzen. Wie sich die Erzählerin schmerzlich klarmacht, dass die Tochter Hanna ihr nie geben kann, was sie an Zuwendung braucht; wie sie sich eine Masturbationsszene der Mutter vorstellt – und delicatissime schildert: Das sind literarische Wagnisse, die krachend scheitern könnten und glänzend gelingen.

Kunstgriff mit Kunstwerken

In einem besonderen Kunstgriff lässt Kristine Bilkau ihre beiden Frauenfiguren schliesslich jeweils über ein Kunstwerk begreifen, wofür ihnen die Worte fehlen: Die Mutter fand in einem Roman von Marcelle Sauvageot den Ausdruck für ihren Verlust, und der Tochter hilft eine Ausstellung der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die ihr eigenes Verschwinden malerisch gestaltete, die Einsamkeit und triumphale Autonomie der alternden Muter zu verstehen.

«Wurde ich geliebt? Wurde ich nicht genug geliebt?» Von dieser «drängendsten aller Fragen», auf die Antonia im Leben keine Antwort bekommen konnte, hat sie sich «am Ende allein, ganz allein befreit».

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken. Roman. Luchterhand, München 2018. 254 S., ca. 28 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 17:59 Uhr

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