Eine Mischung aus Südstaatenroman und Politthriller

Krimi der Woche: Das Frühwerk «Zeit der Ernte» von 1971 des inzwischen längst zum Meister gewachsenen Amerikaners James Lee Burke wirkt überraschend aktuell.

«Zeit der Ernte» von James Lee Burke war 1971 bei seiner Veröffentlichung ein Flop: Zu progressiv für die konservative Leserschaft, zu konventionell für fortschrittliche Leser.

«Zeit der Ernte» von James Lee Burke war 1971 bei seiner Veröffentlichung ein Flop: Zu progressiv für die konservative Leserschaft, zu konventionell für fortschrittliche Leser. Bild: Frank Veronsky/Random House

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Der erste Satz:
Vor fast neunzig Jahren, während der Sutton-Taylor-Fehde, versenkte John Wesley Hardin ein halbes Dutzend .44er-Kugeln in einem Verandapfosten des Hauses, das ich heute bewohne.

Das Buch:
Als grantigen alten Sheriff in einem staubigen Kaff im Süden von Texas, nahe der Grenze zu Mexiko, haben wir Hackberry Holland in den letzten Jahren in zwei gewaltigen Wälzern von James Lee Burke kennen gelernt. Jetzt liegt auch der erste Hackberry-Roman erstmals auf Deutsch auf – der inzwischen 80-jährige Meisterautor hat ihn schon vor rund 50 Jahren geschrieben. Glück hat ihm das Werk nicht gebracht: Nachdem seine ersten Bücher gut angekommen waren, wurde «Lay Down My Sword and Shield», so der Originaltitel von «Zeit der Ernte», 1971 ein Flop. Und für sein nächstes Buch bekam Burke dann über hundert Absagen, und es dauerte 13 Jahre, bis er wieder ein Buch veröffentlichen konnte. Mit seiner Serie um Dave Robicheaux, einen Polizeibeamten in Louisiana, ist er seit Ende der 1980er-Jahre zu einem der bedeutendsten lebenden Krimiautoren geworden.

Warum dieser Roman damals ein derartiges Fiasko war, lässt sich heute schwer nachvollziehen. Mag sein, dass er in der damaligen Hippie-Zeit zwischen Stuhl und Bank fiel: zu progressiv für eine konservative Leserschaft, zu konventionell für fortschrittliche Leser, die nach aufregendem avantgardistischem und experimentellem Stoff gierten. Es ist eine packende Geschichte, und Burke deutete schon die packenden Erzählkraft an, die ihn später berühmt machte.

Der Roman spielt 1967 in der texanischen Provinz. Hackberry Holland, Mitte 30, aus einer alteingesessenen Familie stammend, Veteran des Koreakriegs, ist ein erfolgreicher Anwalt in Texas und wird gerade von einflussreichen Freunden für eine politische Karriere aufgebaut. Doch Holland, der die Albträume von seiner Kriegsgefangenschaft mit Jack Daniels, den er sich kistenweise direkt von der Destillerie in Tennessee liefern lässt, zu vertreiben sucht, will sich nicht als Kriegsheld feiern lassen und legt sich auch sonst immer wieder quer. Als er sich für einen alten Armeekameraden, der bei Landarbeiterprotesten festgenommen wurde, einsetzt, lernt er Gewerkschaftsaktivisten kennen und schlägt sich auf ihre Seite. Nicht zuletzt auch, weil er sich in eine junge Aktivistin verliebt. Seine politischen Mentoren sind entsetzt, seine Gattin ebenso.

Der Roman ist eine Art Mischung aus Politthriller und Südstaatenroman mit einer Prise Western – mit Themen, die allgemeingültig und immer aktuell sind: Einwanderung, legale und illegale, Ausbeutung von Landarbeitern, demagogische Politiker, Stimmungsmache gegen Ausländer und Arme. In einem eigens für die deutsche Ausgabe geschriebenen Nachwort fasst James Lee Burke Hollands Erkenntnis zusammen, wie Politiker mit dunklen Absichten ihre Wählerschaft rekrutieren: «Zuerst erschafft er dazu einen Feind, den die Wählenden für ihre Unzufriedenheit verantwortlich machen können; anschliessend schärft er ihnen ein, dass sie weder der Regierung noch den Medien trauen dürfen; und zum Schluss schürt er ihre Ängste und billigt den Angriff auf die Schwächsten in ihrer Mitte.» Kommt uns doch bekannt vor.

Die Wertung:

Der Autor:
James Lee Burke, geboren 1936 in Houston, Texas, wuchs im Grenzgebiet von Texas und Louisiana an der Golfküste auf. Er studierte Literatur an der University of Louisiana in Lafayette und an der University of Missouri in Columbia. Er veröffentlichte in den 1960er-Jahren seine ersten Bücher, die von der Kritik gelobt wurden. Nachdem sein jetzt auf Deutsch vorliegender erster Roman mit Hackberry Holland 1971 floppte, bekam er für sein viertes Buch, «The Lost Get-Back Boogie» über 100 Absagen (nachdem es 1986 doch noch erschien, wurde es für den Pulitzer-Preis nominiert), und es dauerte 13 Jahre, bis er sein nächstes Buch veröffentlichen konnte. Burke arbeitete derweil in verschiedenen Jobs, unter anderem als Lastwagenfahrer und als Reporter, als Sozialarbeiter in Los Angeles und in einem Arbeitsprogramm für arbeitslose Jugendliche in Kentucky. In den 1980ern lehrte er kreatives Schreiben an der Wichita State University in Kansas. 1987 startete er mit «Neon Rain» die Serie um Dave Robicheaux, einen Ermittler in Louisiana, die inzwischen 20 Romane umfasst, von denen 14 auf Deutsch erschienen sind; die ganze Reihe wird derzeit neu aufgelegt (Pendragon-Verlag). Mit Robicheaux hatte Burke erstmals grossen Erfolg, und er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nach drei Romanen mit Hackberry Holland, die Burke seit 2009 geschrieben hat, ist «Zeit der Ernte» nun der erste Hackberry-Roman, den Burke Ende der 1960er geschrieben hat. James Lee Burke lebt in Lolo in der Nähe von Missoula in Montana und, wie sein Held Dave Robicheaux, in New Iberia in Louisiana.

James Lee Burke: «Zeit der Ernte» (Original: «Lay Down My Sword & Shield», The Countryman Press, Woodstock, 1971). Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller. Heyne Hardcore/Heyne-Verlag, München, 2017. 384 S., ca. 25 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 13:48 Uhr

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