Eine Professorin reanimiert den Privatdetektivroman

Krimi der Woche: Lisa Sandlin erzählt in «Ein Job für Delpha» von einem tödlichen Komplott in Texas.

Bei ihr wird die Sekretärin zur Protagonistin: Schriftstellerin Lisa Sandlin haucht dem Privatdetektivroman neues Leben ein.

Bei ihr wird die Sekretärin zur Protagonistin: Schriftstellerin Lisa Sandlin haucht dem Privatdetektivroman neues Leben ein. Bild: lisasandlin.wordpress.com

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Das Buch:
Am Krimi «Ein Job für Delpha» der Amerikanerin Lisa Sandlin sind ein paar Sachen ungewöhnlich. Erstens war die Texanerin schon 64-jährig, als ihr erster Roman vor zwei Jahren im Original erschien. Zweitens ist er aber keineswegs ein netter Alte-Damen-«Whodunit», wie man auch des deutschen Titels wegen vermuten könnte. Drittens haucht der Roman einem bedeutenden, in den letzten Jahrzehnten aber fast verschwundenen Subgenre der Kriminalliteratur neues Leben ein: dem Privatdetektivroman. Und, viertens, dabei ist nicht der Detektiv die Hauptfigur, sondern dessen Sekretärin. Die darf noch so heissen und muss nicht Assistentin genannt werden. Denn der Roman spielt anno 1973. Schauplatz ist Beaumont, wo die Autorin aufgewachsen ist, eine Ölstadt mit etwas mehr als hunderttausend Einwohnern im Südosten von Texas, an der Grenze zu Louisiana; in der Populärkultur ist die Stadt vor allem bekannt als Heimat der Bluesrocklegende Johnny Winter.

Die Geschichte setzt ein mit der im deutschen Titel angesprochenen Jobsuche von Delpha Wade. Sie ist gut 30-jährig und nach 14 Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden. Als Teenager hatte sie ihren Vergewaltiger, der sie töten wollte, erstochen und dessen Vater, der sie auch vergewaltig hatte, verletzt. Vor Gericht galt die Aussage des Familienvaters mehr als die des Mädchens. Im Knast hat sie sich zur Sekretärin ausgebildet. Durch Fürsprache ihres Bewährungshelfers kommt sie bei Tom Phelan unter. Der Vietnamveteran hat auf einer Ölplattform gearbeitet und da einen Finger verloren; jetzt versucht er sich als Privatdetektiv. Die erhofften grossen Aufträge von Firmen bleiben vorerst aus. Phelan, von der im Knast in vielen Lebensfragen geschulten Delpha Wade unterstützt, muss einen Jungen suchen, der nicht nach Hause gekommen ist, und eine von den Geschwistern eines Einbeinigen behändigte Beinprothese wiederbeschaffen. Interessanter wird es, als eine Frau Phelan beauftragt, ihren Mann mit seiner Geliebten zu fotografieren. Nachdem auch dieser Auftrag zur Befriedigung der Auftraggeberin erledigt ist, kommen Phelan und Wade unabhängig darauf, dass die Auftraggeberin gar nicht die Frau des Fremdgängers war. Zufällig ist sie die Mutter des jungen Mannes, mit dem Delpha sich im Bett vergnügt. Und die möchte, dass ihr Junge zurück ans College geht. Phelan will die Hintergründe des Auftrags klären und ermittelt, auch mangels anderer Arbeit, weiter. Er stösst auf ein tödliches Komplott, bei dem es natürlich um Geld geht, um viel Geld. Und irgendwann geht es auch um den überlebenden Vergewaltiger.

Lisa Sandlin, die als Professorin Schreiben lehrt, baut ein Puzzle aus vielerlei Elementen auf, die sich dann auf mehr oder weniger überraschende Art mehr und mehr zusammenfügen. Vielleicht fügt sich etwas viel etwas gar glatt zusammen, und nicht alles lässt sich logisch komplett nachvollziehen. Aber das ist nicht entscheidend, war es auch bei Raymond Chandler nicht, einem der grossen Klassiker des Genres. An Autoren wie Chandler und Dashiell Hammett erinnert Sandlins Roman durchaus. Nicht nur wegen der schlagfertigen Dialoge, der witzigen Beobachtungen und der eingestreuten trockenen Lebensweisheiten, sondern vor allem auch wegen des sozialkritischen Blicks auf die Gesellschaft. Lisa Sandlin ergeht sich nicht in romantischer Nostalgie, sie erzählt hart und genau. Und auch die Politik wird nicht ausgeblendet. Es ist die Zeit der Watergate-Affäre, die Menschen verfolgen die Befragungen von Präsident Richard Nixon, der sich auf «Amtsimmunität» beruft und die Aussage verweigert: «Soweit Phelan verstand, bedeutete das so viel wie: Leckt mich, ich bin der Präsident und ihr nicht.»

Dieses Debüt macht Lust auf mehr von Delpha Wade und Tom Phelan. Lisa Sandlin arbeitet daran.

Die Wertung:

Der Autor:
Lisa Sandlin, geboren 1951 in Beaumont, Texas, unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Nebraska in Omaha. Seit den 1990er-Jahren hat sie mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Shortstory «Phelan’s First Case» wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und 2013 in die renommierte Anthologie «USA Noir: Best of the Akashic Noir Series» aufgenommen. Ihr erster Roman «The Do-Right» («Ein Job für Delpha»), der 2015 erschien, nimmt die Figuren aus dieser Story auf. Der Roman wurde mit zwei wichtigen amerikanischen Krimipreisen, dem Hammett Prize und dem Shamus Award, ausgezeichnet. Die Texanerin lebt in Omaha, Nebraska und, im Sommer, in Santa Fe, New Mexico.

Lisa Sandlin: «Ein Job für Delpha» (Original: «The Do-Right», 2015, Cinco Puntos Press, El Paso). Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. 2017, Suhrkamp, Berlin, 351 Seiten, 14.90 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 14:40 Uhr

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