Eine tote Katze – und schuld ist der «Raserbulle»

Krimi der Woche: In seinem Debüt «Schneisen» lässt Dominik Osswald eine grausige Dorfgeschichte wieder aufleben.

Kurze Zeit arbeitete er als Geologe. Doch dann wollte sich Dominik Osswald wieder dem Geschehen an der «Oberfläche» widmen. Foto: Severin Karrer

Kurze Zeit arbeitete er als Geologe. Doch dann wollte sich Dominik Osswald wieder dem Geschehen an der «Oberfläche» widmen. Foto: Severin Karrer

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Der erste Satz
In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 1986 kam es in der Nähe des kleinen Dorfs Regenbolz zu einer seltsamen Begegnung: Zwei Jugendliche liefen einem Finanzschwindler in die Arme beziehungsweise ins Auto.

Das Buch
Das Unwetter war kurz, aber heftig, schnell zeigte sich die Sonne wieder. Doch sollte sich das Dorf Regenbolz irgendwo in der Schweizer Provinz nicht so rasch davon erholen. Nicht dass grössere Schäden geblieben wären. Aber der schnelle Gewittersturm setzt eine Art Kettenreaktion in Gang, die auch längst begraben geglaubte Geschichten wieder an die Oberfläche spült.

Der fiktive Ort Regenbolz ist der Schauplatz von «Schneisen», dem ersten Roman des 30-jährigen Basler Autors Dominik Osswald. So richtig los geht die Geschichte nach dem Gewitter mit einem Alarm in der örtlichen Bank. Polizist Kurt Karrer rast mit Vollgas zum Ort des vermuteten Verbrechens. Unterwegs kreuzt eine Katze seinen Weg, und das überlebt sie nicht.

Schnell zeigt sich, dass es ein Fehlalarm war. Die erzürnte Katzenbesitzerin ruft beim Boulevardblatt «Guck!» an, und anderntags macht der «Raserbulle» von Regenbolz, der für nichts das Leben einer unschuldigen Katze auslöschte, Schlagzeilen. Deswegen vom Dienst freigestellt, kommt Karrer dazu, sich auf die Suche nach dem aus seinem Garten ausgebrochenen Rasenmähroboter zu machen. Und dabei verschwindet er spurlos.

Trotz vielen witzigen Einfällen ist «Schneisen» kein sauglatter Provinzklamauk. Es ist eine geschickt gestrickte Geschichte, die bei aller Situationskomik auch ihre düsteren Seiten hat. Die Vorgänge im Dorf wecken die Erinnerungen an ein schreckliches Verbrechen, das gut drei Jahrzehnte zurückliegt: einen vierfachen Mord in einem Bauernhaus, der nie aufgeklärt wurde. Und in Regenbolz hängt alles mit allem irgendwie zusammen, wie sich zeigt, und nicht alles ist so, wie es scheint. Als ein junges Journalistenduo zu recherchieren beginnt, kommen Sachen an den Tag, die man im Dorf lieber unter dem Deckel behalten möchte.

«Schneisen» ist ein vielschichtiger Kriminalroman mit vielen guten und originellen Ideen. Auch wenn die Logik vielleicht nicht in jedem Detail ganz überzeugt, funktioniert der Plot. Vor allem aber zeichnet Osswald mit wachem Blick für Details und trockenem Humor fast beiläufig ein Zeitbild und seziert das Zusammenspiel in einer dörflichen Gemeinschaft, in der nicht alle die gleichen Interessen verfolgen. Was zuweilen ganz lustige Auswirkungen haben kann.

Nebenbei führt der Autor, der selber als Journalist tätig ist, die Mechanismen der Boulevardpresse vor. Positiv fällt die unaufgeregte Sprache auf, die erfreulicherweise richtig schweizerisch ist, ohne dabei plump oder anbiedernd zu wirken: Hier wird noch telefoniert und nicht angerufen, und man isst Znüni. Ein vielversprechendes Debüt, dessen Lektüre richtig Spass macht.

Die Wertung

Der Autor
Dominik Osswald, geboren 1989 in Basel, studierte an der Universität Basel Erdwissenschaften. Er arbeitete kurze Zeit als Geologe. «Dann erhob ich mich aus dem Erdreich wieder an die Oberfläche», schreibt er selber, «da mich das dortige Geschehen mehr faszinierte und mir die Gegenwart schon immer wichtiger war als die Vergangenheit.»

Seither arbeitet er zu ganz unterschiedlichen Themen als freier Journalist und Autor unter anderem für «Tages-Anzeiger», «Republik» und SRF; neben Texten erstellt er auch Videos. Mit dem Projekt «In eisigen Tiefen – Expedition in einen Gletscher», das in dieser Zeitung erschien, gewann er mit einem Team den Deutschen Reporterpreis 2017 in der Kategorie Multimedia und den Nannen-Preis 2018 für das beste Web-Projekt.

«Schneisen» ist Osswalds erster Roman. Zurzeit bildet er sich zum Bergführer aus. Er lebt in einer kleinen Gemeinde in der Region Basel.


Dominik Osswald: «Schneisen». Zytglogge, Basel 2019. 260 S., ca. 32 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 11.12.2019, 13:49 Uhr

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