Eine Gebrauchsanweisung fürs Leben

Georges Perecs magisches Hauptwerk «La vie mode d’emploi» macht den Leser zum Archäologen.

Höhepunkt der Avantgarde: Georges Perec (1936–1982) in einer Aufnahme von 1978. Foto: René Saint Paul (Rue des Archives, Keystone)

Höhepunkt der Avantgarde: Georges Perec (1936–1982) in einer Aufnahme von 1978. Foto: René Saint Paul (Rue des Archives, Keystone)

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«Mir träumte, Georges Perec sei drei Jahre alt und komme mich besuchen. Ich umarmte ihn, ich küsste ihn, und während er mit der Achterbahn von Astroland fuhr, sprach ich zu mir selbst: Ich bin zwar ein Taugenichts, aber um auf dich aufzupassen, dazu reicht es noch, niemand wird dir etwas antun, niemand wird versuchen, dich zu töten. Dann begann es zu regnen, und wir gingen still nach Hause. Aber wo war unser Zuhause?»

Roberto Bolaño brachte diesen Traum zu Papier während der Arbeit an «2666», seinem letzten Roman, der so etwas wie das letzte Aufbäumen einer Avantgarde darstellt, die 1978 in Georges Perecs Roman «La vie mode d’emploi» gegipfelt hatte.

Sprachspielmacht des Übersetzers

Ein Roman – genauer heisst es: «Romane» über ein Pariser Haus. Dieses Haus ragte als Grab- und Mahnmal einer radikalen Literatur ins Unbehauste jenes Himmels, vor dem man den kleinen Georges Perec, dieses von seiner Mutter verlassene Kind, hätte beschützen wollen: Weht nicht aus Perecs gigantischen literarischen Experimentalbauten eine kalte Wehmut herüber, die all sein Sprachwitz nicht überspielen kann?

In der Literatur gibt es immer wieder solche Aufstiege ins Absolute, von Homers Irrfahrten durch die Fremde ins Eigene über Dantes Höllensturz, der aus den Kerkern des Marquis de Sade ins aktuelle #MeToo wetterleuchtet, von Rimbauds Schweigen bis hin zu diesem Roman, der auf dem komplexesten mathematischen Regelwerk gründet, das je für ein literarisches Werk geschaffen wurde.

Die prestigiöse französische Reihe «Edition de la Pléiade» reiht gerade mit dem reich bebilderten «Album Perec» und einer zweibändigen textkritischen Ausgabe den Autor unter die Klassiker ein. In Deutschland hat der Verlag Diaphanes Perec in elf Editionen wieder ins Bewusstsein gehoben. Dies dank der ausserordentlichen Sprachspielmacht seines Übersetzers Eugen Helmlé, der Perecs Wagnisse über den Rhein trug.

In Perecs Nachlass fand man das Regelwerk seines Meisterstücks: Skizzen mit jeweils zehn Farben, Gesten, Möbeln oder Zitaten aus der Weltliteratur, auf algorithmische Art kombiniert.

Ein letztes Mal sah Georges Perec als kleines Kind seine Mutter am Gare de Lyon, bevor sie nach Deutschland transportiert und in Auschwitz vergast wurde, wie er in seinem Roman «W oder die Kindheitserinnerung» berichtet. Die Sehnsucht nach der verschwundenen Mutter hat kein Autor je mit so verzweifelter Verspieltheit in Worte gefasst wie er. Als sein Kriminalroman «La disparition» (deutsch: «Anton Voyls Fortgang») erschien, fand so mancher Kritiker, der Plot sei unverständlich: ohne zu merken, dass im ganzen Buch nicht nur der Protagonist Anton Voyl, sondern mit ihm auch ein Vokal, eine «voyelle», verschwunden war: das «e». Mit unvorstellbarer Virtuosität hatte Perec einen Krimi geschrieben, in dem die Leiche ein Buchstabe ist. Eben das «e».

Diesem Sprachvirtuosen haben nach seinem Tod 1982 immer mehr Leser und Autoren nachgetrauert, von Paul Auster bis Marcel Beyer. Roberto Bolaño meinte, nun sei nur noch eine «Aprèsgarde» möglich. Diese habe die Errungenschaften der Avantgarde gegen den allgegenwärtigen Plattsinn des Plots unter amerikanischer Hegemonie zu verteidigen.

Video: Perec erklärt sein Buch

Mithilfe von Skizzen und Grundrissen erklärt Geogres Perec das System hinter «Das Leben Gebrauchsanweisung». Quelle: Youtube (Ina Culture)

Das Kindheitstrauma überwand Perec durch drei Psychoanalysen bei Koryphäen wie Françoise Dolto oder J. B. Pontalis. Als Autor aber fand er die Rettung gerade nicht in der freien Assoziation, wie sie Freud oder die Surrealisten gestaltet hatten, sondern auf paradoxe Weise im Regelzwang. Dieser Regelzwang macht den Schriftsteller zur Ratte, die aus dem selbst gebauten Labyrinth einen Ausweg sucht.

Nach Perecs Tod fand man in seinem Nachlass Hunderte Seiten, in denen er das Regelwerk seines Meisterstücks festlegte: «Das Leben Gebrauchsanweisung». Zunächst stösst man auf Skizzen mit jeweils zehn Farben, Gesten, Möbeln oder Zitaten aus der Weltliteratur, die auf algorithmische Weise kombiniert werden, um für jedes Kapitel 42 Schlüsselwörter festzulegen, um die sich das jeweilige Kapitel ranken muss. Diese Zwänge, dachte Perec, engen die Fantasie nicht ein, sondern entfesseln sie. So sei eine programmatische Notiz Friedrich Nietzsches zu verwirklichen: «Literatur des 20. Jahrhunderts: verrückt und mathematisch zugleich, analytisch-fantastisch: die Dinge wichtiger und im Vordergrund, nicht mehr die Wesen; mehr von der Geschichte im Kopfe erzählend als von der im Herzen.»

Wie soll man dieses Buch lesen?

Natürlich erzählt dieser nach Formeln und Regeln konstruierte Roman auch eine Geschichte. In einem Pariser Mietshaus überkreuzen sich, von Zimmer zu Zimmer, vom Keller über den Aufzug bis unters Dach, die Spuren eines Kunstprojekts, das am Ende keine Spur mehr hinterlassen sollte.

500 Aquarelle malt der exzentrische Millionär Bartlebooth in 500 Häfen, lässt sie von Gaspard Winckler, einem Meister des Puzzles, zerschneiden, um sie je und je zusammenzusetzen. Zuletzt sollten sie, ins Wasser des Vergessens getaucht, wieder ganz weiss werden und vor dem Hafen ihres Ursprungs versenkt werden. Doch Winckler, der sein Leben diesem Werk ohne Werk widmet, stirbt über dem letzten Teil des 439. Puzzles, das nicht die fehlende Form eines «x» aufweist, sondern des «w».

Und das verweist – siehe «W oder die Kindheitserinnerung» – wieder auf das Verschwinden der Mutter. Das Puzzle ist kein einsames Spiel – man spielt immer gegen den Puzzlebauer. Auch das Lesen ist kein einsames Spiel. Man spielt immer mit dem Autor. Doch soll man die Regeln, nach denen er sein Spiel angelegt hat, kennen? Sie veröffentlichen? Die Pléiade-Edition verzichtet genauso wie die neue deutsche Edition auf eine Offenlegung der Regeln. Schade.

Feinsinnige Analyse des Kunstsystems

Nur nach und nach erschliesst sich der verrätselte Plot. Man verliert sich in Binnengeschichten, die durch Jahrhunderte irrlichtern, und ahnt, dass hier wie in Raymond Roussels «Locus Solus» willkürliche Strukturprinzipien herrschen. Die Listen all der Dinge, die in den Zimmern vom Leben ihrer Mieter zeugen, führen zuweilen zu wilden Imaginationen, zuweilen in die Ödnis des Enzyklopädischen. Man fragt sich: Wie soll man das Buch lesen? Von A bis Z oder nach dem Zufallsprinzip, einfach irgendwo anfangen, um im Nirgendwo zu enden?

Beginnt man etwa im Kapitel 87, kann man eine feinsinnige Analyse des Kunstsystems von heute erkennen. Die Marvel-House-Compagnie plant, ein Netz von 24 Hotels über den Globus zu ziehen, in dem die Zimmer mit Kunstwerken verziert werden sollten. Ein Kritiker wird mit dem Auftrag betraut. Schon lässt jeder Galeriebesuch dieses Kritikers die Preise der ausgestellten Künstler in den Himmel schiessen.

Doch Bartlebooth wehrt sich, langsam erblindend, gegen den Zugriff des Marktes und versenkt seine letzten Werke nicht mehr in Hafengewässern, sondern schickt sie in eine Müllverbrennungsanlage. «Er wollte, dass das ganze Projekt sich von selbst wieder schliesst, ohne Spuren zu hinterlassen, wie ein Ölmeer, das sich über einem ertrinkenden Mann schliesst, er wollte, dass nichts, aber absolut nichts davon übrig bleibt, dass nichts anderes als die Leere daraus hervorgehe, das makellose Weiss des Nichts, die zweckfreie Vollkommenheit des Nutzlosen.»

Fetisch der Avantgarde

Georges Perec führt uns an nur einem Tag, dem 23. Juni 1975, durch alle Zimmer des Hauses. Der Leser verfolgt diese Schilderung, als wäre er ein Archäologe, der die Spuren einer vergangenen Zivilisation zusammenträgt – und sich selbst darin findet und verfehlt.

Liest er von einer Badewanne, erfährt er, wer hier schon einmal badete. Folgt er diesem Gedanken, wird er zu Reflexionen darüber verleitet, was ihn mit den anderen Bewohnern verbindet. Und je intensiver er das tut, desto mehr wird er zum Erfinder eines neuen Ich, das ein anderer ist, ein anderer, dessen Umrisse sich in ein grosses Ganzes fügen, das nie zur Ruhe kommt, in dem immer ein letztes Puzzlestück fehlt. So trägt ein jeder von uns Perecs Lücke durch das Leben.

Perecs winzige Wohnung in Paris wurde vor kurzem für 745 500 Euro zum Kauf angeboten. Wer die Möglichkeit nicht hatte, einen solchen Fetisch der Avantgarde zu erwerben, kann sich mit diesem Buch trösten.

Georges Perec: Das Leben Gebrauchsanweisung. Romane. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. Diaphanes, Berlin 2017. 848 S., ca. 28 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 13:02 Uhr

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