Enge und Schauder in der Provinz

Krimi der Woche: Im schmalen Band «Ins Schwarze» lässt der Franzose Vincent Almendros Beklemmung in Entsetzen kippen.

Ganz ohne Action, mit leisem Ton, mit genauen Beobachtungen und präzisen Schilderungen erzeugt Vincent Almendros Spannung.

Ganz ohne Action, mit leisem Ton, mit genauen Beobachtungen und präzisen Schilderungen erzeugt Vincent Almendros Spannung. Bild: Marie Vuillet

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz
Bisher war ich ein Mann ohne Geschichte gewesen.

Das Buch
Als «Sommerkrimi» bezeichnet der Berliner Wagenbach-Verlag den schmalen, in das leuchtend rote Leinen seiner «Salto»-Reihe gefassten Band «Ins Schwarze» von Vincent Almendros. Wer bei dieser Genrebezeichnung an ausgelassene Ferienstimmung in sommerlicher Hitze an einem Strand in Südfrankreich denkt, liegt ziemlich falsch. Ein heisser Sommer ist es schon, doch Laurent reist mit dem gemieteten Nissan nicht an die Côte d’Azur, sondern kehrt zurück in die trostlose Provinz seiner Kindheit und Jugend. In ein Kaff «mitten im Nichts». Es ist nicht ein Sommer mit bunten Luftmatratzen, sondern mit toten Fliegen an braunen Klebestreifen, mit schleimigem Schlick am Seeufer statt blauem Meer.

Die Hochzeit einer Cousine ist der Anlass für die Reise in die Vergangenheit. Doch fröhlich ist da niemand. Aus den nüchternen, fast filmisch wirkenden Beschreibungen (der Autor hat den Roman übrigens dem – nicht verwandten – spanischen Namensvetter Néstor Almendros gewidmet, dem 1992 verstorbenen grossen Kameramann) des Icherzählers wächst rasch ein Unbehagen, das sich zunächst schwer fassen lässt. Er reist mit seiner Studienkollegin Claire an, die er gegenüber seiner Familie als seine schwangere Verlobte Constance ausgibt. Was mit dieser passiert ist, fragt sich nicht nur der Leser, sondern auch ihr Bruder.

Die erste Begegnung Laurents mit seiner Mutter nach vielen Jahren hat etwas Unheimliches. Wie sie in der Küche ein Kaninchen häutet, lässt einen erschaudern. Ist es die Rindszunge, die sie zum Mittagessen kocht, die Claire krank macht? Und hat sie Laurent, als er ein Kind war, das Bleichmittel wirklich nur aus Versehen zum Trinken gegeben? Was ist mit den Gerüchten, Laurents Vater sei an einer Vergiftung gestorben? Laurents Mutter lebt mit dem todkranken Bruder ihres verstorbenen Mannes zusammen. Dessen Frau ist bei einem Unfall gestorben. Laurents Cousine hatte «nie daran gezweifelt, dass meine Mutter für den Unfall der ihren verantwortlich war». Was lösen die Begegnungen in dem abgelegenen Dorf in diesem Sommer aus? Was passiert mit den prekären Familienverhältnissen? Werden die Jungen mit der Zeit unweigerlich so wie ihre Eltern? Unterschwellig geht es in dieser Geschichte um solche Fragen.

Eigentlich passiert praktisch nichts in dem knapp 120 Seiten kurzen Roman. Doch die latente Ungewissheit in dieser dicht und unglaublich raffiniert gebauten Geschichte schafft eine Stimmung, die zunehmend bedrohlicher wirkt. Ganz ohne Action, mit leisem Ton, mit genauen Beobachtungen und präzisen Schilderungen erzeugt Almendros Spannung. So wird aus dem anfänglichen Unbehagen schon bald Beklemmung und schliesslich Entsetzen. Ein Büchlein fürs Handgepäck. Nicht nur für Reisen nach Frankreich.

Die Wertung

Der Autor
Vincent Almendros, geboren 1978 in Avignon, hat an der Universität Avignon Literaturwissenschaft studiert. Danach begann er Poesie und Prosa zu schreiben. Seinen ersten Roman «Ma chère Lise» sandte er zur Beurteilung dem vielfach ausgezeichneten belgischen Schriftsteller und Regisseur Jean-Philippe Toussaint («Das Badezimmer»), dessen Bücher auch auf Deutsch erscheinen. Der empfahl das Buch des jungen französischen Kollegen dem Verlag Les Editions de Minuit, wo es 2011 erschien. 2015 folgte «Un été»; der Roman wurde mit dem Prix Françoise-Sagan ausgezeichnet und auch ins Deutsche übersetzt («Ein Sommer», Wagenbach, Berlin 2017). Den nur knapp hundert Seiten starken Roman hatte Almendros aus einem 300-Seiten-Manuskript herausdestilliert. Der ebenfalls extrem verdichtete Roman «Ins Schwarze», der jetzt auf Deutsch vorliegt, erschien im Original 2018 unter dem Titel «Faire mouche». Vincent Almendros lebt als Lehrer und Schriftsteller in Paris.

Vincent Almendros: «Ins Schwarze» (Original: «Faire mouche», Le Editions de Minuit, Paris 2018). Aus dem Französischen von Till Bardoux. Wagenbach, Berlin 2019. 120 S., ca. 24 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.05.2019, 19:13 Uhr

Artikel zum Thema

Wer mordet für eine rare Jazzplatte?

Krimi der Woche: In «Murder Swing», einem charmanten Thriller aus der Welt der Schallplattensammler, hat der Vinyl-Detektiv seinen ersten Auftritt. Mehr...

Zwischen Wüsten-Hühnerfarm und LA-Slums

Krimi der Woche: Mit Witz und Empathie erzählt Ivy Pochoda in ihrem kaleidoskopischen Thriller «Wonder Valley» bizarre und bewegende Geschichten. Mehr...

Der kleine Gauner und die Dotcom-Schurkin

Krimi der Woche: In «Welt ohne Skrupel» lässt Jim Nisbet analoge Trinker und die digitale Welt aufeinanderprallen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Schweizer Gartenparadiese

Tingler Spuren des Fortschritts

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Subtiler Psychothriller um Schuld und Sühne

Krimi der Woche: Die japanische Erfolgsautorin Kanae Minato beleuchtet in «Schuldig» menschliche Abgründe. Mehr...

Scharfe Skalpelle und scharfe Worte

Krimi der Woche: In «Dein Ende» wird eine Chirurgin des Mordes an ihrem Mann beschuldigt, doch die Leiche fehlt. Mehr...

Im Berlin des «digitalen Volkszorns»

Krimi der Woche: Johannes Groschupf zeichnet in «Berlin Prepper» ein realistisches und ziemlich beunruhigendes Zeitbild. Mehr...