Er nahm der Hochkultur den Dünkel

Fünf Jahre nach seinem Tod ehrt ein grosser Bildband den einstigen Verleger Walter Keller. Der rastlose Intellektuelle gab Zürichs Kunstwelt einen Hauch von New York.

Er gründete das Fotomuseum Winterthur mit: Walter Keller (Mitte) 1997 im Gespräch mit den Gebrüdern Reinhart. Foto: Peter Maurer (Fotomuseum Winterthur)

Er gründete das Fotomuseum Winterthur mit: Walter Keller (Mitte) 1997 im Gespräch mit den Gebrüdern Reinhart. Foto: Peter Maurer (Fotomuseum Winterthur)

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Eine Katze habe sieben Leben, sagt man. Walter Keller hatte acht. Anlässlich der Trauerfeier nach seinem Tod vor exakt fünf Jahren war das Zürcher Fraumünster bis in die hintersten Reihen besetzt. Keller hatte sich für alle und alles interessiert: Fotografie, Video, Text, Alltag, Wissenschaft. Und er hatte der Hochkultur den Dünkel genommen. Jetzt zeichnet ein grosser Bildband nach, was ihm wichtig war. Mitstreiter und Weggefährtinnen beschreiben gemeinsame Erlebnisse und Wegstrecken mit dem Ethnologen, Journalisten, Verleger, Coach, Netzwerker, Kurator und Kunstexperten.

Sensation des Alltags

Walter Keller tauchte Ende der Siebzigerjahre als Volkskundler auf in der Zürcher Medien- und Kunstszene, auf den ersten Blick so unscheinbar wie sein Fach damals. Als andere an der Weltrevolution herumstudierten, um die Welt reisten oder eine Karriere in Hochglanzmagazinen anpeilten, gab er zusammen mit Kollegen in Schwamendingen ein unscheinbares A5-Heft auf mattem Papier heraus: «Der Alltag», getippt auf der Schreibmaschine. «Neu und ungewohnt», «Mehr als gewöhnlich» oder schlicht «Korrespondenzblatt» waren die Untertitel. Die Korrespondenten berichteten über Postboten im Quartier («Wie viel weiss ein Pöstler wirklich?»), Taxifahrer in der City, Gemüsehändler auf dem Engros-Markt und Sexarbeiterinnen im Niederdorf.

Beschrieben und bebildert waren die Protagonisten unspektakulär, neu war, dass sich überhaupt jemand für ihren Alltag interessierte. Spektakulär war einzig Walter Kellers Begründung in diesem «Sensationsblatt des Gewöhnlichen»: «Wer über die unwichtigen Dinge vor sich staunen will, muss sehen können. Sehen bis in die Ecken aber kann jemand nur, wenn die Wahr­nehmung nicht bereits durch ein fixes System von Begriffen versperrt ist.»

Keller war ein kreativer Kopf, der nicht nur staunen konnte, sondern auch die Sprache dadaistisch umformte.

Zuvor hatte Keller Ethnologie studiert, im Umfeld jenes Volkskundlers Arnold Niederer, der vor 1968 im Schatten anderer Geisteswissenschaften stand und nach 1980 im Schatten der Ethnologie. Niederer hatte sich schon für Schweizer Brauchtum interessiert, als Schwingfeste bloss ein paar Hundert Zuschauer anzogen. Keller war ein kreativer Kopf, der nicht nur staunen konnte, sondern auch die Sprache dadaistisch umformte. Schon in der Mittelschule sagte er statt «Bitte» «Bife» und statt «Merci» «Möfi». Und während sich andere in der Kunstszene bald Walt genannt hätten, blieb ihm dieses Möfi bei vielen Freundinnen und Freunden als Übername bis ans Lebensende.

Einige Jahre später gründete Walter Keller mit Bice Curiger und Jacqueline Burckhardt die Kunstzeitschrift «Parkett». 1991 ermöglichten ihm Freunde mit der Gründung von Scalo einen eigenen Fotobuchverlag, bei dem bald die grossen Fotografinnen und Fotografen ihre Bühne hatten. Dazu gehörten zeitweilig Galerien in Zürich und New York.

Geld war ihm dabei stets unwichtig. Nicht immer hielten folglich die Erträge Schritt mit den Ideen, und so ging dieser renommierte Scalo-Verlag ausgerechnet im selben Herbst 2006 bankrott, als Walter Keller von der Stadt Zürich die Heinrich-Wölfflin-Medaille für seine Verdienste als Kulturvermittler erhielt. Wer ihn damals fassungslos auf dem Balkon seines Verlags am Limmatquai sitzen sah, wusste, dass er schon an neuen Ideen grübelte.

Gründer des Fotomuseums

Keller wollte internationale Fototage in Zürich und Winterthur nach dem Vorbild von Arles, Perpignan oder New York organisieren. 1993 hatte er zusammen mit Urs Stahel, dem Co-Herausgeber dieses neuen Bildbandes, das Fotomuseum Winterthur begründet. Zürich war damals noch weit entfernt von einer Photo 19 und der Photobastei.

Vorübergehend leitete Walter Keller später als Chefredaktor die heimat- und orientierungslos gewordene Kulturzeitschrift «Du» für ein paar Ausgaben, aber auch dabei interessierten ihn die wirtschaftlichen Zahlen weniger als innovative Ausgaben. Und als sich dreissig Jahre nach dem «Alltag» auch das Zürcher Landesmuseum unter Direktor Andreas Spillmann der Sensation des Gewöhnlichen zuwandte, organisierte Walter Keller vier Ausstellungen zu Themen, die bis heute das nationale Unbewusste prägen: Witz, Kapital, Märchen und Film. Auch hier entzog er sich allen spektakulären Erwartungen. Legendär ist sein «Katalog» zur Ausstellung «Kapital» als reines Textbändchen.

Er mahnte die hiesigen Eventmanager an, der rote Teppich wirke in der Schweiz wie eine herausgestreckte Zunge.

Unvergessen sind auch einzelne Sätze von ihm, etwa als er die hiesigen Eventmanager anmahnte, der rote Teppich wirke in der Schweiz wie eine herausgestreckte Zunge. Und er war einer jener Gäste in der SRF-Sendung «Musik für einen Gast», bei dem die Musik zur Nebensache wurde. So hat er zeitlebens alle Hierarchien gedreht: jene zwischen Hochkultur und Alltag, Promis und unbekannten Zeitgenossen, Bild und Text.

Wer ihn persönlich kannte, wird diesen kreativen Intellektuellen vermissen – wie er stets unterwegs war, blass und ruhelos, weil er an Neuem herumgrübelte. Und wird nicht daran zweifeln, dass dieser Vermittler zwischen Höhe und Tiefe, wäre er nicht in der ersten Septembernacht 2014 gänzlich unerwartet verstorben, längst fünf neue Projekte angedacht hätte.

Als sein Lebenswerk bleiben überraschende Formate, Foto­bücher, ein Fotomuseum und Ausstellungen in seinem Geist. Möfi, Walter.

Erstellt: 31.08.2019, 13:23 Uhr

Edition Patrick Frey, Zürich 2019. 432 S., ca. 52 Fr.

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