Ist er der neue Peter von Matt?

Philipp Theisohn übernimmt im Sommer eine Professur für Neuere deutsche Literatur in Zürich. Er ist einer, der gern im Literaturbetrieb und in der Öffentlichkeit mitmischt.

Der 44-jährige Deutsche spricht auch fliessend Schweizerdeutsch: Der Germanist Philipp Theisohn. Foto: Sabina Bobst

Der 44-jährige Deutsche spricht auch fliessend Schweizerdeutsch: Der Germanist Philipp Theisohn. Foto: Sabina Bobst

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Wenn er mit seinen Studenten auftritt, könnte man ihn glatt für einen von ihnen halten: Das volle Haar, immer leicht verwuschelt, gibt ihm etwas Jungenhaftes. Aber Philipp Theisohn ist schon 44, von beeindruckender Intellektualität und Eloquenz und ab Sommer Ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Seine Berufung als Nachfolger von Barbara Naumann erfolgte ohne Ausschreibung; ein Verfahren, das kurz zu reden gab, aber legitim ist und gern gewählt wird, wenn man eine exzellente Lehrkraft halten will – der Kandidat hatte einen Ruf nach Hannover.

In Zürich ist er schon lange präsent, nach ein paar Semestern als Student war er erst Dozent an der ETH, dann Inhaber einer Förderprofessur des Nationalfonds an der Universität. Er leitet das Forschungsprojekt «Conditio extraterrestris». Schon das zeigt, dass er sich nicht auf den ausgetretenen Pfaden der Germanistik von Schiller über Kafka zu Frisch bewegt, sondern abhebt in regelrecht kosmische Weiten: Denn bei dem Projekt geht es um Weltraumfantasien in Fiktion und Theorie, um literarische Vorstellungen ausserirdischen Lebens.

Analoge und digitale Bühnen

Auch für seine bisherigen wissenschaftlichen Publikationen wählte er ungewöhnliche Themen: Die Dissertation ging über die «Poetik des Zionismus», die Habilitation über die «Geschichte des literarischen Orakels». Die interessierte Öffentlichkeit nahm ihn erstmals wahr mit dem Buch «Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte», einer fulminanten Parforcetour von den alten Römern über die mittelalten Mönche bis zu aktuellen Urheberrechtsproblemen und Betrügereien. Theisohn bemerkte aber auch, dass diesseits der Kriminalitätsgrenze das verführerisch leichte «copy and paste» zu Texten führt, denen jede persönliche Eigenart fehlt.

Theisohn ist überhaupt ein neuer Typ Prof: kein Stubengelehrter, sondern einer, der die Öffentlichkeit sucht und gern auch jenseits der Uni mitmischt. Er war zwei Jahre Juror beim Schweizer Buchpreis, berät die Pro Helvetia als Experte, rezensiert Neuerscheinungen in der NZZ (und auch mal Theater in der FAZ), moderiert und diskutiert, wo immer eine Bühne bereitsteht.

Nicht nur analoge, sondern auch digitale Bühnen bespielt er. Mit dem Kollegen Christoph Steier und vielen Studenten betreibt er einen Literaturblog im Internet: das Schweizer Buchjahr, einen «Digitalen Almanach für Schweizer Gegenwartsliteratur und Diskurskritik». Dort erscheinen Rezensionen und Interviews zu aktuellen Büchern, verfasst von Studentinnen und Studenten, die, das muss der Literaturredaktor zugeben, oft einschlägiger belesen sind als er selbst. Für ihren Prof gilt das sowieso, der von sich inaller Bescheidenheit sagt: «Wirlesen alles – na ja, übers Jahr doch 50 Schweizer Neuerscheinungen.»

Literaturstudium formt Persönlichkeit

Jeder, der mit Literatur zu tun hat, ist ihm schon mal über den Weg gelaufen – und hat einen angenehmen Eindruck zurückbehalten. Manche sehen in ihm gar einen neuen von Matt. Vor der Zürcher Germanistenlegende hat Theisohn Respekt, auch wenn er ihn «den Peter» nennt. Selbst der bei Berufungen übliche Reflex «noch ein Deutscher» blieb in seinem Fall aus. Denn der 1974 im pfälzischen Hassloch geborene Theisohn hat sich bewusst und intensiv eingeschweizert, sein Einbürgerungsverfahren läuft, er spricht Mundart, und zwar fliessend. Der schnelle Duzfuss der Schweizer liegt ihm auch; jede Autorin, die in unserem Gespräch erwähnt wird, nennt er nur beim Vornamen.

Mundart – das gelingt kaum je einem Deutschen und ist deshalb erwähnenswert. Wie hat er das geschafft? «Ich war zu Hause Dialektsprecher, es hilft, wenn man weiss, wie eine Mundart funktioniert.» Die seine seiein «bastardisiertes Schweizerdeutsch», aber die Mundarten seien ja sowieso nicht mehr so «reinrassig» wie einst. Theisohn findet, «viel mehr Deutsche sollten das versuchen – aber auch viel mehr Schweizer sollten das den Deutschen zugestehen».

Aber dann wollen wir doch von Wesentlicherem sprechen. Vom Sinn, heute Literaturwissenschaft zu lehren und zu studieren. Theisohn ist von diesem Sinn – wen wunderts – überzeugt. Ein Literaturstudium forme die Persönlichkeit, findet er, ausserdem gebe es so etwas wie einen Schlüssel in die Hand. Einen Schlüssel – um was aufzuschliessen? Zum Beispiel das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion. Ein aktuelles Thema. Sofort sind die Stichworte Trump, Fake News, Relotius zur Hand.

Die Öffentlichkeit nahm Theisohn erstmals wahr mit seinem fulminanten Buch über das Plagiat.

Lüge oder Betrug zu diagnostizieren, interessiert Philipp Theisohn wenig. Viel mehr dafür die Übergänge zwischen Faktischem und Fiktivem. Erzählstrategien, die gewählt werden. In der Literatur entsteht die Wahrheit in der Fiktion als Brechung durch den Erzähler. Und auch der Autor hat Absichten, und sei es nur, zu verführen und am Haken zu halten. «Scheherazade erzählt eine Geschichte, die so spannend ist, dass der Sultan darauf verzichtet, sie am Ende der Nacht zu töten.»

Damit sind wir beim «Storytelling», einem Zauber- und Modewort unserer Tage. Es rettet Leben – in «1001 Nacht» – und vielleicht, so glauben manche, die Medien. Es ist auch ein Instrument der Manipulation. Es kann funktionieren, ganz unabhängig vom Wahrheitsgehalt, manchmal allein durch Wiederholung. Theisohn führt Donald Trump an: «Warum wird so jemandgewählt? Weil er immer wieder die eine Geschichte erzählt: wie wundervoll Amerika sein wird, wenn man ihn machen lässt. Zugegeben: Seine Geschichte ist nicht sehr raffiniert und seine Stilmittel sind ziemlich begrenzt. Aber es gibt genug Leute, die ihm für diese Geschichte seinen völligen Realitätsverlust nachsehen. Deswegen kommt man gegen so etwas auch nicht mit Faktenchecks an.»

Bessere Geschichten

Auch hier moralisiert Theisohn weder gegen Trump noch gegen das Storytelling. Er analysiert und differenziert: «Was man dagegensetzen kann, sind bessere Geschichten.» Die Klimakatastrophe etwa lässt sich nicht durch Szenarien stoppen, die mit Angst- und Verbotserzählungen arbeiten. «Gute Geschichten erzählen von einer zukünftigen Welt, in der wir oder unsere Kinder gern leben, und dann sagen, was wir dafür tun müssen.»

Das bedingungslose Grundeinkommen sei eine solche Geschichte – auch wenn man im Moment vor allem darüber rede, warum es nicht funktionieren könne. Aber es sei eine machtvolle Idee, und sie werde sich mehr und mehr festsetzen, findet Theisohn. Dem übrigens an der Schweiz gut gefällt, dass sie sich ernsthaft und wissenschaftlich mit der Zukunft beschäftigt: «Ich kenne kein Land mit einer solch hohen Dichte an entsprechenden Thinktanks.» Auch in den Volksinitiativen sieht er eine Möglichkeit, Zukunftsentwürfe zur Entscheidung zu stellen. «Dieser permanente Prozess der Selbstverformung hält die Schweiz sehr wach, und ich bin gern Teil dieses Prozesses.»

Welche Erzählungen im engeren Sinn, welche Literatur schätzt er? Das sind Texte, die ein «Land im Umbruch» spiegeln. Die die Schweiz und ihre Tradition als Steinbruch nehmen, um die Steine neu aufeinanderzusetzen. Eine Literatur, die an die Grenze der Verstehbarkeit geht. «Swiss Noir» nennt er das, eine «Helvetische Gegenästhetik». Namen? Herrmann Burger, Michael Fehr, Martina Clavadetscher, Judith Keller. Überhaupt: «Bei den Frauen sehe ich das grösste Potenzial.»

Erstellt: 06.03.2019, 22:38 Uhr

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