Er schrieb 26 Jahre lang an seinem Monsterwerk

William Gass, der radikale Experimentator des amerikanischen Romans, ist mit 93 Jahren gestorben.

Vergrub sich jahrzehntelang in seinem «Tunnel»: William Gass. Foto: Rowohlt

Vergrub sich jahrzehntelang in seinem «Tunnel»: William Gass. Foto: Rowohlt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kann nicht behaupten, dass William Gass einem grosse Lust gemacht hätte, ihn kennen zu lernen. Für seine Schriftstellerkollegen hatte er nur Verachtung übrig. Die Hoffnung und den Glauben ans Gute hielt er für naiv und gefährlich. Gott? «Ein Krimineller.» Die Künste? «Haben noch nie jemandem genützt.» Ganz zu schweigen von den Büchern – allen voran «Der Tunnel». Gass bekniete den Verlag, es in Fraktur zu setzen. «Es sollte aussehen wie Stacheldraht.»

Dass sich auch ohne typografische Abschreckung nur wenige an dieses Ungeheuer eines Romans wagten, war dem amerikanischen Schriftsteller Gass nur recht: «Ich siebe die Furchtsamen aus. Ich habe vielen Leuten viel Zeit gespart.» Nur sich selbst nicht. 26 Jahre lang hatte er an diesem Grosswerk geschrieben, bis es 1995 endlich fertig war. (Die deutsche Übersetzung dauerte weitere 16 Jahre.)

Beklommen klingelte man also an der Tür seines Hauses in St. Louis in der sicheren Erwartung, gescholten und heruntergeputzt zu werden – hoffend, die Lawine aus Verbitterung und Hochmut, die einen jetzt träfe, spülte einen auch bald wieder auf die Strasse. Nur um dann von einem der sanftesten und liebenswürdigsten Menschen hereingebeten zu werden.

Flucht in die Bücher

William Gass war mit dem Unheil des 20. Jahrhunderts vollgesogen wie ein Schwamm. Geboren wurde der amerikanische Schriftsteller 1924 in Fargo, North Dakota, als Sohn eines gewalttätigen und rassistischen Vaters und einer trinkenden Mutter. Später zogen sie nach Ohio, doch dort war es auch nicht besser. Er sah die amerikanischen «Braunhemden» und den Ku-Klux-Klan, die Armen, die während der Great Depression um Brot anstanden – und flüchtete sich in die Bücher.

Doch kaum hatte er es gegen den Widerstand seiner Eltern an die Universität geschafft, wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, seine schlimmsten Jahre. Nach seinem Studium – unter anderem bei Ludwig Wittgenstein – wurde er 1969 Philosophieprofessor.

Doch bekannt wurde Gass in den späten Sechzigerjahren für seine literarische Arbeit: für Kurzgeschichten, für den Roman «Omensetter’s Luck» und für «Willie Masters’ Lonesome Wife», eine «Essay-Novelle». Von da an rechnete man Gass den Postmodernen zu, Autoren wie William Gaddis und Thomas Pynchon, die damals gerade den amerikanischen Roman neu erfanden. Wie diese liebte Gass selbstreferenzielle Spiele, Form- und Gattungsexperimente. Er durchsetzte seine Texte mit Grafik oder liess sie in Typografie aufgehen. «Willie Masters’ Lonesome Wife» wurde sogar auf unterschiedlichen Papiersorten gedruckt.

Ein abstossender Held

Doch während seine Kollegen ihre frühen Erfolge in solide Karrieren münden liessen, vergrub Gass sich zweieinhalb Jahrzehnte lang in seinem «Tunnel», den 700-seitigen Monolog des Historikers, Nazisympathisanten und Allround-Widerlings William Frederick Kohler, vermutlich einer der abstossendsten Romanhelden der Literaturgeschichte. Dessen fiktive Studie «Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland» ist vollendet, nur das Vorwort fehlt noch. Über der Aufgabe, diese paar Seiten zu schreiben, bohrt sich Kohler nun immer tiefer ins Herz der eigenen Dunkelheit.

«Der Tunnel» ist kein Buch über Deutschland, auch keines über Amerika, sondern eines über die universale Bosheit des Menschen, von der Gass überzeugt war und der wir, so glaubte, er, viel zu selten ins Auge sehen: «Meistens konzentrieren wir uns auf die Opfer. Die Geschichte des Schurken wird entweder gar nicht erzählt, oder sie wird romantisiert. Ich wollte aus der Sicht des Schurken schreiben, aber ohne ihn zum Opfer zu stilisieren.»

William Gass ist das erstaunlicherweise gelungen, ohne darüber selbst boshaft oder bitter zu werden. Am Mittwoch ist er im Alter von 93 Jahren in St. Louis gestorben.

Erstellt: 08.12.2017, 18:08 Uhr

Artikel zum Thema

Von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Krimi der Woche: Die Kanadierin Sheena Kamal schuf für ihr Debüt «Untiefen» eine originelle Ermittlerin. Mehr...

Ein Buch, um Spielschulden zu begleichen

Krimi der Woche: «Der Sonnenschirm des Terroristen» des Japaners Iori Fujiwara von 1995 zählt zu den besten Krimis, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind. Mehr...

Politik ist ein schmutziges Geschäft

Krimi der Woche: «Der Mordida-Mann» von Ross Thomas ist aus dem Jahr 1981. Derartige ebenso intelligente wie witzige Politthriller gibt es heute leider kaum noch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Wo bekommen wir eine gute Vorsorgeberatung?

Die Welt in Bildern

Essen auf Rädern: Eine Frau kauft sich ihr Abendessen bei einem Strassenhändler in Bangkok. (19. August 2019)
(Bild: Mladen Antonov) Mehr...