Er stiehlt Naziraubkunst zurück

Krimi der Woche: In «Hitze» schickt Garry Disher seinen faszinierenden Profigangster auf eine Diebestour.

Mittlerweile hat Garry Disher über 50 Bücher veröffentlicht. Er erzählt schnell und mit Humor. Foto: Darren James

Mittlerweile hat Garry Disher über 50 Bücher veröffentlicht. Er erzählt schnell und mit Humor. Foto: Darren James

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Der erste Satz
Es lief jetzt schon nicht rund.

Das Buch
Wyatt braucht wieder einmal einen Job. Doch den Überfall auf einen Geldtransporter, für den er angefragt wurde, lässt er sausen. Zu blöd sind die jungen Beteiligten: «Sie benahmen sich immer wie Hauptdarsteller in einem Film», so Wyatts Eindruck, «oder wie in einem Musikvideo. Waffen, schnelle Autos, Kokain und halb nackte Frauen. Tauchten in ihren Armani-Kopien auf, als erwarteten sie versammelte Paparazzi.» Da zieht er den Solo-Job vor, der ihm angeboten wird: Er soll ein altes Gemälde klauen, das die Nazis einst der jüdischen Besitzerfamilie abgenommen hatten und nun in einer Villa in Australien hängt.

So beginnt «Hitze» von Garry Disher, der achte Roman um den Profiräuber Wyatt. Schon 1991 hat der australische Altmeister, der bis heute über 50 Bücher veröffentlicht hat, die Wyatt-Reihe gestartet; er hat sie zwischendurch mal mehr als ein Jahrzehnt ruhen lassen. Inzwischen ist in Australien der neunte «Wyatt» erschienen, wir dürfen uns also schon auf Nachschub freuen. Denn obwohl auch die Polizeiromane von Disher zum Besten in der aktuellen Kriminalliteratur zählen – erst vor neun Wochen habe ich den ebenfalls neu erschienenen Roman «Kaltes Licht» hier empfohlen –, sind die Wyatt-Romane ganz besondere Leckerbissen für Crime-Fiction-Connaisseurs.

Auch wenn er nach landläufigen Begriffen zu den Bösen zählt, hat Wyatt eine Moral.

Wyatt ist kein netter Mensch. «In ihm regierte nur ein schlichter Antrieb: ein Objekt von Wert ausmachen und es stehlen.» Wenn es für den Job nötig ist, geht er auch über Leichen, und dies nicht nur im übertragenen Sinn. Dennoch schafft es Disher leichthändig, diesen harten Helden für die Leser zur Identifikationsfigur zu machen. Der Plot hat alles, was ein höchst unterhaltsamer Krimi braucht: Spannung, Action, Sex, Gefahr, Situationskomik, hinterhältige Figuren und Verräter. Disher hat aber noch viel mehr zu bieten. Raubkunst ist ein zentrales Thema, auch um Pädophilie geht es. Und das alles ist nicht nur rasant und ohne Geschwätzigkeit erzählt, sondern auch mit viel trockenem Humor.

Auch wenn er nach landläufigen Begriffen zu den Bösen zählt, hat Wyatt eine Moral. Prinzipien. Etwa, dass er hält, was er verspricht. In seiner Welt ist er so etwas wie ein Ehrenmann. Allerdings ist er nicht nur deswegen auch ein Auslaufmodell in der sich stetig verändernden Welt: «Sein Konzept von Diebstahl war immer schwieriger umzusetzen. Nur die selbstgefälligsten Banken und Sicherheitsfirmen vertrauten auf ältere Technologien, und die Alarmanlagen in Privathäusern wurden immer ausgeklügelter.» Was Wyatts Arbeit ebenso erschwert wie die vielen Idioten in seinem Gewerbe.

Die Wertung

Der Autor
Garry Disher, geboren 1949 in Burra, South Australia, wuchs auf einer Farm auf und wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Er studierte zunächst Geschichte an der Adelaide University und bereiste dann Europa und Afrika. Nach der Rückkehr schrieb er eine Masterarbeit an der Monash University. Gleichzeitig begann er Kurzgeschichten zu verfassen, und er erhielt ein Stipendium für ein Creative-Writing-Fellowship an der Stanford University. Während vieler Jahre lehrte er in Melbourne neben seiner schriftstellerischen Arbeit kreatives Schreiben.

Inzwischen ist er längst einer der bekanntesten australischen Schriftsteller. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht. Neben Kriminalromanen sind das andere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher zur Geschichte Australiens und über das Schreiben. 1996 wurde sein Roman «The Sunken Road» für den Booker Prize nominiert. Mehrere seiner Krimis waren auf der Shortlist für den Ned Kelly Award, den wichtigsten Krimipreis Australiens, den er zweimal auch gewann. Seine Bücher erscheinen auch in den USA und in Grossbritannien sowie in mehreren anderen Sprachen. Disher lebt auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.


Garry Disher: «Hitze» (Original: «The Heat», The Text Publishing Company, Melbourne 2015). Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2019. 278 S., ca. 22 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 18.09.2019, 13:08 Uhr

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