Erzählen macht selig

«Der Mann, der das Glück bringt»: Catalin Dorian Florescu führt in seinem neuen Roman zurück ins alte Rumänien und ins aufbrechende New York.

Der Autor Dorian Florescu glaubt an die Kraft des Erzählens. Foto: Sabina Bobst

Der Autor Dorian Florescu glaubt an die Kraft des Erzählens. Foto: Sabina Bobst

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Catalin Dorian Florescu hat in der Schweizer Literatur die Planstelle für ungehemmten Erzählfluss und osteuropäische Exotik inne. Er ist gewissermassen der Anti-Chandos: Anders als Hofmannsthals berühmte Figur, die vor über hundert Jahren das Ende der Literatur gekommen sah, zerfallen Florescu nicht die Wörter im Mund wie modrige Pilze, nein, munter und ganz unbeschädigt purzeln sie heraus, ordnen sich zu anmutigen Satzketten an und zu ereignisreichen, stoffseligen Romanen.

Der gebürtige Rumäne, der mit 15 Jahren in die Schweiz kam und seit mehr als doppelt so langer Zeit in Zürich lebt, zweifelt weder daran, dass Erzählen die Welt besser macht, noch gar daran, dass man überhaupt sinnvoll erzählen kann. Das Stahlbad der Sprachskepsis, das mancher Autor durchschwommen und gestärkt verlassen hat, dürfte er nur vom Hörensagen kennen – oder wohlweislich einen grossen Bogen darum gemacht haben.

Man begreift die Begeisterung des Autors für diese Musik; lesen kann man sie nicht.

Erzählen – das ist im neuen Roman Stoff und Form, Mittel und Zweck, Medium und Ziel, es bringt zwei Menschen zusammen, indem sie ihre Geschichten austauschen. Oder vielmehr die Vorgeschichten. Ray und Elena stellen sich und einander über ihre Grosseltern vor, und mit diesen entwirft Florescu ein Panorama zweier Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Hier das vor Nervosität vibrierende New York des gerade beginnenden 20. Jahrhunderts, dort der ewig gleiche Kreislauf der Natur im rumänischen Donaudelta.

Hart ist das Leben hier wie dort, es wird gehungert und gefroren. «Streichholz», Rays Grossvater – er kennt nicht mal seinen richtigen Namen –, schlägt sich als Zeitungsausrufer, Botenjunge, später Musikalienverkäufer und «singender Kellner» durch; sein Traum von einer Künstlerkarriere bleibt unerfüllt. Elenas Grossmutter wächst auf inmitten einer mächtigen, überaus launischen Natur, die gibt und nimmt, in einer amphibischen «Gegend, die nur einen Fingerbreit von Gott, aber auch vom Teufel entfernt war».

So mischt sich ein leicht raunender Tonfall in das, was eine erwachsene Frau im Jahr 2001 in einem New Yorker Kellertheater einer Zufallsbekanntschaft mitteilen will: wo sie herkommt, warum sie hier ist, was sie mit der Asche ihrer Mutter vorhatte. Sie wollte sie vom Dach eines der Zwillingstürme streuen, aber die Türme sind nicht mehr, Elena ist Zeugin, wie sie einstürzen.

So bekommt ihre Begegnung mit Ray einen Schicksalshintergrund durch die Katastrophe von Nine-Eleven – so wie das grösste Unglück, das Rays Grossvater ereilte, der Flammentod seiner grossen Liebe Giuseppina in einer Textilfabrik, im Jahr Nineteen-Eleven stattfindet. Florescu, der Herold des Erzählens, ist auch ein Arrangeur (oder Herbei-zwinger) von Zufällen und Korrespondenzen zwischen der kleinen und der grossen Geschichte.

Sein Vertrauen ins Narrative ist dabei grenzenlos. Er lässt Ray und Elena einander Ereignisse schildern, die zwei Generationen zurückliegen, mit einer Bildhaftigkeit, einer Intensität, einem Reichtum an Details (und Adjektiven), als wären sie dabei gewesen. Berufen können sie sich auf mündliche Überlieferung, und selber nutzen sie immer wieder jenen uralten Trick, der das Publikum an die Stühle fesseln soll: die Ankündigung von Unglaublichem.

Dass dabei immer wieder die höchsten Instanzen herbeizitiert werden müssen («Berl ahnte nicht, was Gott noch mit ihm vorhatte»; «Der Teufel hatte einiges mit ihr vor»), passt indes nicht zum 21. Jahrhundert, in dem nun einmal erzählt wird. Dasselbe gilt für den altväterlichen Ton, der manchmal aufkommt: «Es war das reinste Sündenbabel», sagt Ray ganz wohlgemut über die einstige Unterhaltungslandschaft von Coney Island, und geradezu schnulzig heisst es, wenn draussen der Eissturm wütet: «In Grossvaters Herz jedoch war es warm.»

«Der Mann, der das Glück bringt» – das ist Rays Grossvater für schwangere Frauen, die in einer Absteige auf die Niederkunft warten (und denen die Babys gleich nach der Geburt weggenommen werden), weil seine Stimme ihre Tränen fliessen lässt, weil seine Lieder sie daran erinnern, «dass sie am Leben sind». Sein Enkel adoptiert den schö-nen Titel und versucht, mit Grossvaters Vaudeville-Liedern eine Existenz als Sänger aufzubauen – die Nostalgietour funktioniert aber nicht.

Die letzte Leprakolonie

Leider auch nicht wirklich in Florescus Roman, der zwar viele Songtexte aus seligen Zeiten zitiert, aber die Verzauberung, die sie beim Publikum auslösten, nicht nachzaubern kann. Selten hat man in einem Buch so sehr den Link zu Tonbeispielen vermisst. Klickt man das eine oder andere bei Youtube an, begreift man die Begeisterung des Autors für diese Musik; lesen kann man sie nicht.

Es ist ein menschenfreundliches Buch, das die Leser für seine Figuren einnimmt und sie in ferne, fremde Milieus führt: in die letzte Leprakolonie Europas, vor allem aber in die Einwanderermetropole New York, die ihren neuen Einwohnern nichts schenkte, ihnen das Letzte an Überlebenskraft, an Findigkeit und Kreativität abforderte.

Florescus Schreibweise – viel Stoff, gut recherchiert und mit grosser Kelle angerichtet, weite Räume, eine solide Architektur – ist erfolgreich, sein Buch ist der Spitzentitel im Frühjahrsprogramm des Beck-Verlages. Auch ist seine etwas naive Erzählfreude nicht unsympathisch – überreflektierte, anämische Bücher gibt es ja genug. Aber den Roman, der das Leseglück bringt, hat man hier dann doch nicht gelesen.

Buchpremiere am 10. 3. (19.30 Uhr) im Literaturhaus Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2016, 18:25 Uhr

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt. Roman. C. H. Beck, München 2016. 324 S., ca. 28 Fr.
Für eine Leseprobe klicken sie hier.

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