«Es braucht ein Kopftuchverbot, bis die Mädchen 16 sind»

Julia Wöllenstein ist Lehrerin an einer deutschen Schule mit vielen muslimischen Kindern. Ihr Buch über den Alltag dort sorgt für Aufruhr.

«In der Schule gilt nicht, was vielleicht bei dir zu Hause gilt»: Julia Wöllenstein hat eine klare Meinung bezüglich Kopftüchern an Schulen. Foto: Getty Images

«In der Schule gilt nicht, was vielleicht bei dir zu Hause gilt»: Julia Wöllenstein hat eine klare Meinung bezüglich Kopftüchern an Schulen. Foto: Getty Images

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Ihr Buch «Von Kartoffeln und Kanaken» gab zu reden: Die deutsche Lehrerin und Autorin Julia Wöllenstein spricht darin über die Integration von Schülern aus muslimischen Familien. Die deutsche Boulevard-Zeitung «Bild» berichtete über die Lehrerin, der Titel des Artikels («Einige Eltern bitten mich, ihr Kind zu schlagen») sorgte an der Schule für Aufruhr.

Frau Wöllenstein, wie war Ihr letzter Schultag vor den Frühlingsferien?
Der war wegen des Artikels sehr gemischt. Meiner Klasse hatte ich schon aus dem Buch vorgelesen, wir hatten gute Gespräche darüber. Aber in der Parallelklasse war die Aufregung gross. Die haben nur «Lehrerin über ihren Alltag mit muslimischen Schülern» und darunter die Zeile «Manche Eltern bitten mich, ihr Kind zu schlagen» gelesen. Von der Klassenlehrerin weiss ich, dass von muslimischen Schülern mein Foto in der Bild mit Hakenkreuzen verziert wurde.

Wie haben Sie reagiert?
Wir sind alle in den Theaterraum gegangen, ich habe ein paar Seiten vorgelesen und versucht, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Das war schwierig, letztlich wollten sie nichts weiter hören. Dabei ist mein Buch natürlich viel differenzierter als diese Schlagzeile.

Im April ist ihr Buch «Von Kartoffeln und Kanaken» erschienen: Julia Wöllenstein (43) unterrichtet seit sechs Jahren Englisch und Darstellendes Spiel an einer deutschen Gesamtschule in Kassel. Vor ihrem Lehramtsstudium war sie Theater- und Sozialpädagogin. Foto: Dennis Blechner

Stimmt es denn, dass einige Eltern Sie gebeten haben, ihr Kind zu schlagen?
Ich persönlich habe das nur einmal erlebt und auch nichts anderes behauptet. Allerdings hören Kollegen so etwas auch ab und zu. Wenn zum Beispiel die Lehrerin sagt, Ihre Tochter kommt immer zu spät, dass es dann heisst, ja, dann muss sie bestraft werden, schlagen Sie sie doch.

Was antwortet man da als Lehrer?
Dass man das weder darf noch möchte.

Was sagen Ihre Schüler zu Gewalt in der Erziehung?
Was heisst Gewalt? Das heisst Respektschelle, haben mir meine Schüler erklärt, und nur da, wo man es nicht sieht, das ist doch nicht schlimm, Frau Wöllenstein.

Sie schreiben diese Haltung den patriarchalen Strukturen in muslimischen Familien zu. Patriarchale Strukturen funktionieren aber auch ohne Religion sehr gut.
Sicher, das schreibe ich ja auch mehrfach. Das Wichtige, das man verstehen muss: Wir haben keine Probleme bei der Integration muslimischer Schüler, weil sie muslimisch sind, sondern wegen der patriarchalen Struktur, die in vielen muslimischen Elternhäusern noch herrscht, besonders in Familien aus arabischen Ländern, weil da die Gesellschaft so strukturiert ist. Das war bei uns vor 100 Jahren nicht viel anders. Aber heute lebt unsere säkularisierte Individualgesellschaft weder das Patriarchat noch die Religion so stark wie früher.

Was sind das für Integrationsprobleme?
Wir stellen zum Beispiel in der Schule vermehrt heftige Auseinandersetzungen zu den Themen Land, Kultur und Ehre fest.

«Die Trennung zwischen Staat und Religion ist in der Schule nicht klar genug.»

Das Wort «Hurensohn» sei «geradezu eine Garantie», dass der so betitelte Schüler losprügelt, steht in Ihrem Buch.
Bei Fünft- und Sechstklässlern beobachte ich das fast täglich, meist auf dem Schulhof. Das Wort lässt kein Schüler auf sich sitzen. Als männliche Familienmitglieder fühlen sie sich verpflichtet, die Ehre der Mutter zu verteidigen.

Was tun Sie, wenn sich zwei so angehen?
Wir nehmen sie zur Seite, dann darf der eine erzählen, was los war. Der andere hört zu und gibt danach wieder, was der erste gesagt hat. Dann darf er seine Sicht schildern. In der Regel klärt sich so schnell auf, was die beiden so aufgebracht hat. Ausserdem besprechen wir Konflikte auf Klassenratssitzungen und arbeiten sehr eng mit unseren Schulsozialarbeitern zusammen.

Um welche Probleme geht es noch?
Unter anderem um Schüler, die ihre Religion vor sich hertragen. Die einer nichtmuslimischen Schülerin einreden, kein Schweinefleisch mehr zu essen. Oder die andere nicht essen sehen wollen, wenn sie selbst im Ramadan fasten. Es hat gedauert, bis ich mich getraut habe zu sagen, nein, die anderen dürfen ihre Wasserflaschen auf dem Tisch haben und in ihr Schinkenbrot beissen, das musst du aushalten können. Wenn du fasten willst, ist das deine Sache. Das heisst aber nicht, dass ich den Glauben der Kinder nicht respektiere.

«Was wir brauchen, ist ein gemeinsamer Unterricht, in dem alle Schüler über Glauben, Normen und Werte sprechen.»

Aber Sie würden die Religion gern aus der Schule heraushalten?
Die Trennung zwischen Staat und Religion ist in der Schule nicht klar genug. Die Schüler müssen akzeptieren, dass sie auf unseren Schulen einen Abschluss nach staatlichen Regeln machen. Sie können nicht einfach sagen, bei den Bundesjugendspielen mache ich nicht mit, weil ich da faste.

Was ist mit dem Religionsunterricht?
Auf den christlichen Religionsunterricht würde ich in der Schule verzichten, und den islamischen dort gar nicht erst einführen. Was wir brauchen, ist ein gemeinsamer Unterricht, in dem alle Schüler über Glauben, Normen und Werte sprechen. Einen Unterricht, der verbindet statt zu trennen.

Sie nennen die Probleme bei der Integration «hausgemacht». Wie ist das gemeint?
Ich meine, wir müssten uns viel klarer positionieren. Nehmen Sie uns Lehrer, wir sind in erster Linie dem Grundgesetz verpflichtet und nicht falsch verstandener Toleranz. Aber dafür brauchen wir mehr politischen Rückhalt. Beispiel Gleichberechtigung: Würde der Staat Zuwanderern von Anfang an deutlich machen, dass in unserem Schulsystem alle Kinder an Ausflügen und Klassenfahrten teilnehmen, dann müsste ich nicht permanent mit Eltern diskutieren, ob ihre Töchter mitdürfen.

Sie geben also nicht den Eltern Schuld?
Ich würde nie sagen, die Eltern sind «schuld». Sie kennen es nicht anders, wir können unmöglich erwarten, dass sie mit Betreten des deutschen Bodens unsere emanzipatorische Entwicklung vieler Jahrzehnte vollziehen. Das ist ein langwieriger Prozess. Aber er braucht klare Ansagen. Etwa, dass Eltern ihre Töchter ohne Kopftuch in die Schule gehen lassen müssen.

«Für uns ist das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung und Sexualisierung.»

Sie fordern ein Kopftuchverbot?
Ja, bis die Mädchen 16 sind. Das wäre ein klares Zeichen dafür, dass wir hier Staat und Religion trennen. Bei der Herkulesaufgabe, sich in einem fremden Land zu integrieren, braucht man Orientierung. Ich frage mich manchmal, wie es wäre, wenn ich mit meinen drei Kindern nach Iran ziehen würde. Welchen Rahmen bräuchte ich, um reinzukommen in die Kultur?

Was versprechen Sie sich von einem Kopftuchverbot?
Zum Beispiel, dass die Eltern, die dagegen sind, zu uns in die Schule kommen. In den Gesprächen könnten wir dann sagen, Entschuldigung, aber das ist hier nun mal so. Für uns ist das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung und Sexualisierung.

Was hätten die Mädchen davon?
Mädchen bekommen mit dem Kopftuch die Verantwortung für Sexualität aufgelastet. Das empfinden sie auch so, sie sagen zum Beispiel: Wenn ich ohne Kopftuch rausgehe und mir dann etwas passiert, bin ich selber schuld. Dabei sind manche erst acht oder zehn, wenn ihre Eltern ihnen das Kopftuch antragen. Mädchen sollten aber nicht durch Verhüllen signalisieren müssen, dass sie sexuell nicht zur Verfügung steht, schon gar nicht in dem Alter. Und die weitreichende Entscheidung, ob sie als Ausdruck ihrer Kultur Kopftuch tragen wollen, sollten sie nicht als Kinder treffen.

Tragen in Ihrer Schule viele Kopftuch?
Ein, zwei Mädchen pro Klasse, meistens Schülerinnen aus arabischen Ländern.

Und das Verbot soll signalisieren, hier gilt nicht, was bei dir zu Hause gilt?
Ja, das wäre dann wohl so. In der Schule gilt nicht, was vielleicht bei dir zu Hause gilt, weil du in einem Land lebst, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind.

«Wenn wir Probleme totschweigen, aus Angst, in der Zeitung als Nazi zu enden, dann kriegen wir sie nicht gelöst.»

Kommen Sie Ihren Schülern auch mit dem Grundgesetz?
Sicher, wir nehmen das Grundgesetz in einfacher Sprache durch. Und sie erfahren, dass Kinder hier das Recht haben, gewaltfrei aufzuwachsen, weil es Eltern im Jahr 2000 verboten wurde, ihre Kinder zu schlagen oder seelisch zu verletzen.

Wie reagieren die Schüler darauf?
Sehr interessiert, manchmal überrascht, wir haben tolle Diskussionen. Manchmal wünsche ich mir, dass mehr davon hängen bleibt. Es braucht Zeit und viele Anläufe. Umso wichtiger sind klare Positionen.

Sind Lehrer nicht klar genug?
Wie soll ich klar sein, was das Kopftuch angeht? Sie dürfen es ja anziehen.

Manches in Ihrem Buch, etwa im Kapitel «Dauerschleife Hurensohn», könnte Menschen bestätigen, die Muslime ablehnen.
Weil ich Probleme benenne? Wenn wir sie totschweigen, aus Angst, in der Zeitung als Nazi zu enden, dann kriegen wir sie nicht gelöst. Jenen mit Ressentiments kann ich nur sagen: Mein Herz schlägt für meine Schule, und ich liebe meine Schüler aufrichtig. Es wäre schön, wenn wir ihnen Manches leichter machen könnten.

Erstellt: 06.05.2019, 17:04 Uhr

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