«Es gab Besseres als Joël Dicker»

Reina Gehrig, Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage, wehrt sich gegen den Vorwurf, am Festival zähle nur Masse statt Klasse.

«Diese Plattform ist wichtig, um die heterogene Literaturszene Schweiz sichtbar zu machen», sagt Reina Gehrig. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

«Diese Plattform ist wichtig, um die heterogene Literaturszene Schweiz sichtbar zu machen», sagt Reina Gehrig. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Die diesjährige Ausgabe der Literaturtage ist Ihre erste als alleinige Geschäftsführerin. Haben Sie mehr Einfluss aufs Programm?
Es ist die Programmkommission, welche die Auswahl der Autoren vornimmt. Alle Mitglieder sind gleichberechtigt. Ich bin eines von zehn Mitgliedern.

Im vergangenen Jahr war das Thema «Literatur in der Krise», jetzt geht es um die verwischten Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion. Warum dieses Thema?
Uns ist aufgefallen, dass viele Texte ­zwischen den Genres spielen und an Schnittstellen angesiedelt sind, zum Beispiel zwischen literarischer Autobio­grafie und dokumentarischem Roman. Als roten Faden möchten wir diese ­Beobachtung gerne weitervermitteln.

Ist für Sie der Werkschaucharakter der Literaturtage mit rund 80 Autoren und Übersetzern aus allen vier Landessprachen unbestritten?
Ja, das ist der Grundpfeiler der Solothurner Literaturtage. Diese Plattform ist wichtig, um die heterogene Literaturszene Schweiz sichtbar zu machen. Das hören wir immer wieder von Autorinnen und Autoren aus allen Landes­teilen, aber auch aus dem Publikum.

Regelmässig wird der Vorwurf laut, in Solothurn dominiere Masse statt Klasse. Sollte die Kommission strenger sein bei der Auswahl?
Nein, das finde ich nicht. Wir haben in der Programmkommission rund 300 Bücher gelesen und diese diskutiert und ­juriert. Die Kommission lässt sich nicht von grossen Namen und Bestsellerautoren leiten, die Qualität der Texte ist entscheidend. Der neue Roman des Genfers Joël Dicker etwa fand keine Aufnahme unter die 8 bis 10 Plätze für die Romandie, da andere Texte als dringlicher und qualitativ besser beurteilt wurden. Ich fände es bedenklich, wenn wir in Solothurn allein aufgrund ihres Namens gewisse Quotenautoren einladen würden.

Warum kann man nicht auch Leute einladen, die gerade kein aktuelles Buch haben, aber mit Unfertigem Impulse liefern könnten?
Die Einzellesungen basieren auf dem veröffentlichten Text. Das ist im Interesse von Autoren, Verlagen und Publikum. Diverse Formate und Veranstaltungen gehen jedoch darüber hinaus. Etwa Gespräche zwischen Autoren, Übersetzungsateliers und Podien. Dieses Jahr haben wir das neue Format Skriptor, bei dem in zwei Runden unveröffentlichte Texte von 20 Autoren diskutiert werden.

«Es ist völlig legitim, dieses Konzept zu kriti­sieren, aber bitte nicht auf der Basis von Äpfeln gegen Birnen.»

Wie stehen Sie zum Literaturfestival Leukerbad, mit dem Sie zuweilen zu Ihren Ungunsten verglichen werden?
Selbstverständlich müssen wir uns als Literaturtage immer wieder kritisch hinterfragen, wer wir sind und was für Stärken wir haben. Und da steht an erster Stelle: die Präsentation der viersprachigen Schweizer Literaturlandschaft. Es ist völlig legitim, dieses Konzept zu kriti­sieren, aber bitte nicht auf der Basis von Äpfeln gegen Birnen. Die Solothurner Literaturtage und das Festival Leukerbad haben zwei ganz unterschiedliche Profile. Ich persönlich schätze das Literaturfestival Leukerbad sehr.

Ist es eine Budgetfrage, ob grosse ausländische Namen nach Solothurn kommen?
Nein, das ist keine Budgetfrage, da alle Eingeladenen die gleiche Gage erhalten. Zu Beginn waren die Solothurner Literaturtage ja eine reine Schweizer Werkschau. In den 90er-Jahren machte sich Unbehagen breit, dass man sich zu sehr auf sich selber konzentriere und der Blick von aussen fehle. Die Folge war eine Öffnung. Heute haben alle zehn Mitglieder der Programmkommission ein Vorschlagsrecht. Bei Sasa Stanisic ist das Timing jetzt perfekt, sein neues Buch erscheint Anfang Mai.

Wenn Solothurn ruft . . .
. . . dann kommen sie in der Regel sehr gerne. Manchmal ist es aus Termin­gründen schwierig, weil unsere Anfragen relativ spät erfolgen. Wir merken das Bedauern, wenn Leute wegen an­derer Verpflichtungen verhindert sind, wie etwa dieses Jahr Monique Schwitter, Rolf Lappert oder Peter Stamm.

Das Budget der Literaturtage ­beträgt 650 000 Franken. Vor zwei Jahren sprang der Hauptsponsor ab, eine Bank. Wie sieht es jetzt aus?
Wir konnten den Verlust zum Glück durch Beiträge von Stiftungen kompensieren. Stadt und Kanton Solothurn haben ihre Beiträge ebenfalls schrittweise erhöht. Wichtig ist für uns, dass wir die Strukturen der Literaturtage professionalisieren konnten – und dafür haben wir mehr Geld erhalten.

Sie traten an, nachdem Bettina Spoerri 2013 nach nur einer Aus­gabe das Handtuch geworfen hatte. Was hat sich seitdem geändert?
Es war eine Ausnahmesituation, bei der man vor allem die nächste Ausgabe stemmen musste. Da wurde schnell klar, dass bei den Strukturen Handlungs­bedarf herrschte. Veronika Jaeggi hat als Geschäftsleiterin noch von zu Hause aus gearbeitet, die Mitarbeiter waren mehrheitlich ehrenamtlich tätig. Wir sind jetzt eine Geschäftsstelle mit drei Festangestellten. Das funktioniert sehr gut.

Ein Dauerthema in Solothurn sind die Moderationen der Lesungen.
Unsere Haltung ist klar: Die Autoren entscheiden. Wenn sie eine aktive Moderation und ein Gespräch wünschen, bekommen sie das. Wenn sie vor allem lesen wollen, richten wir uns danach. Ich finde, das ist eine ziemlich gute Richtschnur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2016, 17:28 Uhr

38. Solothurner Literaturtage

Vom 6. bis zum 8. Mai stellen sich die Autoren der Schweiz mit ihren Neuerscheinungen vor, fast 100 Schriftsteller und Übersetzer verzeichnet das Programm in Solothurn. Neben der klassischen Lesung mit Moderation gibt es auch Podien, etwa zur Frage «Wie radikal ist der Liberalismus heute noch?». Wie immer bekommen die Kinder eigene Veranstaltungen, lesen Autoren «outdoor» (am Klosterplatz) oder im Dunkeln (im Palais Besenval; nichts für klaustrophobisch veranlagte Besucher!). Auch der «gläserne Übersetzer» gehört längst zur Tradition. Einen thematischen oder Länderschwerpunkt gibt es diesmal nicht, dafür soll das Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität ausgelotet werden.


  • Zwei Attraktionen aus dem nicht deutschen Ausland: die Auftritte des Nor­wegers Tomas Espedal und des Algeriers Boualem Sansal, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011.

  • Aus Deutschland kommen Nora Bos­song, Judith Kuckart, Feridun Zaimoglu und der Lyriker Jan Wagner.

  • Unter den zahlreichen Schweizern sind mit Adolf Muschg und Alberto Nessi die beiden ersten Träger des neuen Grand Prix Literatur vor Ort. Weiter lesen und/oder diskutieren Lukas Bärfuss, Catalin Dorian Florescu, Nora Gomringer, Dana Grigorcea, Jürg Halter, Franz Hohler, Charles Lewinsky, Perikles Monioudis oder Hansjörg Schertenleib.




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