«Es ist Selbstbetrug»

Harmlose Grippe? Für Autorin Eula Biss unterschätzen wir die Epidemiegefahr massiv.

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Was ist asozialer: eine Impfung erzwingen oder eine Impfung verweigern?
Wir müssen uns nicht für eine dieser gleichermassen asozialen und unnötigen Handlungen entscheiden. Eine vernünftige Lösung kommt ohne sie aus.

Auch Ärztinnen und Pfleger sollen also nicht verpflichtet werden?
Medizinisches Personal sollte aus dem einfachen Grund geimpft werden, weil es überdurchschnittlich oft Kontakt mit Menschen hat, denen eine Infektionsübertragung gefährlich werden kann. Deshalb hat es eine besondere Verantwortung. Wenn ein Arzt zu einer Impfung gezwungen werden muss, sollte er sich überlegen, ob er den richtigen Job gewählt hat.

Impfgegner führen gern das Argument «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker» an.
Ein Argument, das wissenschaftlich nicht erhärtet ist. Und es ist letztlich ein bösartiger Gedanke: All jene, die eine Krankheit nicht stärker macht, werden letztlich als minderwertig, als sterbenswürdig erachtet. Dabei erkranken gerade diesen Winter und gerade in Europa viele junge, gesunde Menschen schwer an der Grippe und leiden an der falschen Reaktion ihres Immunsystems. Beim H1N1-Virus, bekannt geworden als Schweinegrippe, sind Junge besonders betroffen, einige sterben daran. Die Sensibilität ist deswegen aber nicht gestiegen.

Weshalb nicht?
Es ist Selbstbetrug. Wir wollen glauben, dass unser Körper gewappnet ist, wenn wir ihm Sorge tragen. Doch je nach Virusvariante spielt es überhaupt keine Rolle, ob man jung und kräftig ist oder nicht. Ausserdem können Medikamente gegen die Grippe schlimm versagen. Bestärkt wird diese Illusion auch dadurch, dass Krankheit heute unsichtbar geworden ist. Die Kämpfe und das Sterben finden nicht vor unseren Augen statt, sondern sorgsam abgeschirmt in den Spitälern.

Wie veränderte die Mutterschaft Ihre Einstellung zum Impfen?
Bei der Geburt meines Kindes trat eine seltene Komplikation auf, ein chirurgischer Eingriff und eine Bluttransfusion wurden nötig. Plötzlich war ich von der Hilfe eines Fremden abhängig. Da ist mir ein grundlegender Zusammenhang klar geworden: Mein Spender profitierte nicht davon, mir zu spenden. Er hatte nichts mit mir zu tun. Vorher dachte ich, mein Körper gehöre mir allein. Mit der Schwangerschaft und der Bluttransfusion realisierte ich aber, dass die Grenzen durchlässig sind. So veränderte sich auch meine Einstellung zum Impfen, das ich seither viel stärker als Beitrag ans Gemeinwohl verstehe. Ich lasse meinen Sohn und mich jetzt gegen die Grippe impfen. Das habe ich vorher nie getan. Ich rette damit womöglich Menschen, deren eigenes Immunsystem nicht stark genug ist, um gegen eine Krankheit zu bestehen.

Wogegen sollen Babys geimpft werden?
Auf diese Frage masse ich mir keine Antwort an. Impfen ist weit komplexer, als ich zu Beginn meiner Arbeit am Buch gedacht habe. Wie so viele dachte ich während meiner Schwangerschaft, eine kleine abendliche Internetrecherche würde mich ausreichend über diese Frage informieren. Ich stellte dann aber sehr rasch fest, dass das nicht genügt.

Wie merkten Sie das?
Zum Beispiel dachte ich lange, ich könnte als Schwangere auf eine Hepatitis-B-Impfung verzichten. Ich gehörte schliesslich nicht zur Risikogruppe. Als ich dann allerdings die Bluttransfusion erhielt, trat ich sehr wohl in diese Risikogruppe ein. Danach machte ich mir grosse Vorwürfe und ich gestand mir ein, dass ich schlechterdings nicht in der Lage bin, darüber zu entscheiden, welche Impfungen für meinen Sohn und mich sinnvoll sind.

Wie beurteilen Sie die Kommunikation der Weltgesundheitsorganisation WHO? Ihr werden regelmässig übertriebene Epidemiewarnungen vorgeworfen.
Die WHO ist in einer sehr undankbaren Lage. Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist klein, ebenso unser Erinnerungsvermögen. Wenn eine Epidemie tödliche Ausmasse annimmt, wird der WHO jedes Mal vorgeworfen, sie tue zu wenig. Ansonsten wird ihr Überreaktion und Hysterie vorgeworfen. Meines Erachtens macht sie das Bestmögliche, und ich hege grosse Sympathie für ihre Mitarbeiter. Spektakuläre Ausbrüche wie Ebola sind dabei nicht mal die grösste Herausforderung. Die Arbeit der WHO wird vielmehr dann besonders schwierig, wenn es sich um die Reaktivierung alter, vermeintlich bekannter Krankheiten und Epidemien handelt.

Als hinderlich erachten Sie ganz grundsätzlich die Sprache, mit der die Diskussion übers Impfen geführt wird, respektive geführt werden muss.
Das Vokabular, mit dem wir übers Impfen und seine Fragen reden, ist ein ausserordentlich kriegerisches. Routiniert wird von einer «Invasion» geredet, vom «Feind», den es «abzuwehren», und eigenen «Armeen», die es mit «Nachschub» zu versorgen gilt. Das Impfen selber wird dadurch zum kriegerischen Akt. Und das ist zumal in den USA ein Problem, wo es eine grosse Skepsis gibt gegenüber den Kriegen, die unser Land in den letzten Jahren begonnen hat. Die Weigerung, sich impfen zu lassen, kann so sehr rasch als Widerstand gegenüber einem kriegerischen Staat interpretiert werden.

Hat sich durch die Beschäftigung mit dem Impfen Ihre Sicht aufs Leben grundsätzlich verändert?
Ja. Ich lernte die Unberechenbarkeit von Krankheiten kennen, was meine Einstellung zu Kranken und meinen eigenen Krankheiten veränderte. Ich neige nun nicht mehr dazu, irgendjemandem für seine Krankheiten Vorwürfe zu machen. Ich merkte, dass viele noch dem alten Konzept anhängen, dass Krankheiten irgendwie eine Strafe sein müssten für Fehlverhalten oder Sünden. Ich versuche solches Denken jetzt bewusst zu vermeiden.

Erstellt: 26.02.2016, 11:14 Uhr

Eula Biss (*1977) gewann für ihre Sachbücher zahlreiche Preise, so etwa den Pushcart Prize oder den Carl Sandburg Literary Award. Ihr jüngst ins Deutsche übersetzte Buch «On Immunity: An Inoculation» wurde von der «New York Times» zu den zehn besten Büchern 2014 gezählt. Biss doziert Schreiben an der Northwestern University in Chicago, Illinois.

Eula Biss: Immun. Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung. München 2016. 237 Seiten, 28 Franken.

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