Es wird getrunken, geprügelt und gemordet

Krimi der Woche: Spannend, witzig und auch tiefsinnig ist das rabenschwarze Krimidebüt «Eight Ball Boogie» des Iren Declan Burke.

Unerwartete Wendungen, Pointen und Betrachtungen halten Declan Burkes Krimi bis zum Schluss spannend und tiefsinnig. Bild: Kathy Burke

Unerwartete Wendungen, Pointen und Betrachtungen halten Declan Burkes Krimi bis zum Schluss spannend und tiefsinnig. Bild: Kathy Burke

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Der erste Satz
Wenn es um fünf Uhr morgens an der Tür klingelt, bedeutet das schlechte Nachrichten: Jemand ist tot oder stirbt gerade.

Das Buch
Irland ist klein, und ich staune immer wieder, wie viele grossartige Krimiautoren dieses Land hervorbringt. Declan Burke ist einer davon. Ein halbes Dutzend Romane hat der 49-jährige Journalist bisher veröffentlicht. Nach den zwei hochkomischen Werken «Absolute Zero Cool» und «The Big O» legt die Hamburger Edition Nautilus jetzt Burkes Debüt «Eight Ball Boogie» von 2003 nach.

Harry Rigby, der Icherzähler, ist ein ziemlich heruntergekommener Privatdetektiv, der nebenbei als Zeitungsschreiber etwas dazuverdient. Er hat sein Büro in einer namenlosen Stadt in der irischen Provinz in einem Quartier, das «ein angenehmer Ort zum Leben» war, «wenn man eine blinde Freundin hatte und die Klienten noch verzweifelter waren als man selbst». Harrys Freundin ist nicht blind, und da sie ihn wieder mal hinausgeworfen hat, dient ihm sein Büro auch als Nachtlager.

Harry will den Mord an einer Politikergattin für die Zeitung verbraten. Doch dann sieht er genau diesen Politiker mit der attraktiven Gattin eines ziemlich zweifelhaften Geschäftsmannes, der ihn angeheuert hatte, weil seine Frau möglicherweise fremdgehe. Die ganze Geschichte eskaliert rasch zu einem ziemlich wüsten Tohuwabohu mit reichlich Gewalt. Und, wie in den meisten irischen Romanen, wird viel getrunken. Dazu passt die zwischen Melancholie und Fatalismus pendelnde Philosophie des gebrochenen Helden: «Wenn man im Old Quarter eine Münze mit zwei Köpfen warf, blieb sie in zwei von drei Fällen auf dem Rand stehen. Beim letzten Mal war sie gar nicht mehr heruntergekommen.»

«Eight Ball Boogie» ist eine moderne Version der klassischen Hardboiled-Privatdetektivromane. Den legendären sprachlichen Vergleichen eines Raymond Chandler hat Burke ein zeitgemässes Update verpasst. So sieht etwa eine Coiffeuse aus «wie eine wandelnde Reklame, pariert und poliert, gebleicht und gebräunt, mit einer Haut wie alter Karamell. Kantige Gesichtszüge wie aus Plastik geformt, eine Kreditkarte auf zwei Beinen». Oder zur Grösse einer edlen Bleibe heisst es: «Im Wohnzimmer hätte ein Hafenschlepper einparken können, und es wäre noch Platz genug gewesen, eine Katze am Schwanz herumzuschwenken, falls man keine Angst vor Tierschutz-Aktivisten hatte.»

Die bitterböse und rabenschwarze Geschichte liest sich also ganz munter, auch wenn Declan Burke hier noch nicht ganz seinen virtuosen Stil gefunden hatte, der später als «Irish Screwball Noir» gepriesen wurde. Eine Reihe unerwarteter Wendungen und allerlei Pointen und Betrachtungen halten die Story über die ganze Strecke nicht nur spannend, sondern auch tiefsinnig.

Die Wertung

Der Autor
Declan Burke, geboren 1969 in Sligo, Irland, ist Journalist und Schriftsteller. Er rezensiert Krimis und Filme für verschiedene Medien in Irland und Grossbritannien; in der «Irish Times» hat er eine Krimi-Kolumne, und er betreibt den Blog «Crime Always Pays» über Kriminalliteratur. Bisher hat er sechs Kriminalromane veröffentlicht. «Eight Ball Boogie» war 2003 sein erster Roman, es folgten die beiden bereits auf Deutsch erschienenen Titel «The Big O» (Original 2007; Deutsch 2016) und «Absolute Cool Zero» (2011/2014). Letzterer wurde 2012 mit dem Goldsboro Award als «Best Comic Crime Fiction» ausgezeichnet. Die Figur des Harry Rigby aus seinem Debüt nahm Burke 2012 in «Slaughter’s Hound» wieder auf. Declan Burke lebt mit seiner Frau und einer kleinen Tochter in Wicklow, einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands südlich der Hauptstadt Dublin.

Declan Burke: «Eight Ball Boogie» (Original: «Eightball Boogie», Sitric Books, Dublin, 2003). Aus dem Englischen von Robert Brack. Edition Nautilus, Hamburg, 2018. 272 S., ca. 27 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 16:30 Uhr

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