Fa kiu (2)

Watskys neunmalkluge Sprüche führen ihn direkt ins Büro der Schuldirektorin: Folge 2 der Storys von US-Autor George Watsky – vorab bei uns.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fortsetzung von Folge 1

Die Stärken der Alamo waren gleichzeitig schuld an ihren finanziellen Problemen, ein Teufelskreis. Die Schule hatte zu wenig Geld, weil sie überfüllt war. Sie war überfüllt, weil sie so beliebt war. Sie war so beliebt, weil die Schüler dort so gute Leistungen erbrachten. Und weil die Schüler dort so gute Leistungen erbrachten, hatte die Schule ständig Geldprobleme. In San Francisco werden öffentliche Schulen nämlich entsprechend ihrer Bedürftigkeit gefördert: Die Schulen mit den höchsten Ergebnissen bei den standardisierten Kontrollprüfungen bekommen am wenigsten Geld. Am besten schneiden dabei regelmässig die Schulen mit einem hohen Prozentsatz asiatischer Kinder ab.

Die Alamo, wo knapp fünfzehn Drittklässler auf den Nachnamen Wong hörten, war da keine Ausnahme. Die Kinder assen hier mittags Frühstücksfleisch-Musubi und ungekochte Instantnudeln, streuten das Würzpulver über die Nudeln und knabberten sie wie Chips. Montagmorgens war die sonntägliche Predigt in der Chinese Presbyterian Church eines der Hauptgesprächsthemen. Zum chinesischen Neujahrsfest wünschten wir einander kung hai fat choi, und während die anderen Kinder in der Mittagspause die roten und goldenen Umschläge, die sie von ihren Verwandten bekommen hatten, aufeinanderstapelten und ihre kleinen Bargeldwolkenkratzer verglichen, sass ich daneben und verging vor Neid.

Kurz darauf hatten meine Eltern noch einmal grossartige Neuigkeiten für meinen Bruder und mich: Wir bekamen Zahnspangen. Man könnte jetzt einwenden, dass eine feste Spange in der Grundschule nicht gleich ein gesellschaftliches Todesurteil ist. Jeder hat eine, jeder gibt mit seinen farblich auf den jeweils anstehenden Feiertag abgestimmten Gummis an – orange und schwarz zum Beispiel (Halloween), oder auch grün (St. Patrick’s Day, natürlich) –, und jeder schwärmt, wenn er seine Spange wieder los ist, davon, wie glatt sich die Zähne anfühlen.

Ich bekam aber keine normale. Ich bekam eine mit Headgear, einem mittelalterlich anmutenden Metallgestell, das sich aussen um meinen Überbiss spannte, mit Gummibändern an den hinteren Backenzähnen befestigt war und hinten am Hals mit einem ge­polsterten Gurt fixiert wurde, der den Nackenschweiss aufsaugte und bald nach vergammeltem Käse roch. Meine Eltern und mein Kieferorthopäde verschworen sich gegen mich, und ich musste das Ding mehrere Monate lang sogar in der Schule tragen. Mein damaliger Standardlook bestand aus diesem Gestell, meinem schwarzen Lieblings­basecap mit dem extrem nach innen ­gebogenen roten Schirm und einem Rollkragenpulli.

Unsicherheit hat verschiedene Gesichter – manche Menschen ziehen sich zurück, andere gehen zum Angriff über. Ich wurde laut. Ich versuchte, den Spott zu neutralisieren, indem ich mich exponierte, ich drängte mich in jede Stille, aus Angst, dass jemand anders sie mit einer Beleidigung füllen könnte.

Mein Reservoir an neunmalklugen Sprüchen war schier unerschöpflich, und ich verbrachte meine Grundschulzeit damit, hilflos dabei zuzusehen, wie sie einer nach dem anderen meinem Mund entschlüpften, diesem Kerker mit seinen kieferorthopädischen Fesseln und dem erdrückenden Schulessen-Mundgeruch.

«Übrigens heisst es Oktopoden, nicht Oktopusse

In der dritten Klasse renkte ich mir beim Melden regelmässig fast den Arm aus, bis Mrs. Luchesi mich endlich entnervt drannahm. In der vierten Klasse konnte mich Mr. Gomez irgendwann einfach nicht mehr ertragen und stellte meinen Tisch raus auf den Flur. In der fünften Klasse rebellierte ich gegen Mrs. Averys Regel, dass nur Mädchen im Unterricht eine Mütze tragen durften, weil sie nun mal ab und zu einen Bad-Hair-Day hätten.

«Das gibt’s auch bei Jungs, gucken Sie mal!», rief ich.

Da ich mein Basecap fast nie absetzte und mir auch nicht allzu regelmässig die Haare wusch, hatte ich schlimme Schuppen. Mrs. Avery und ich folgten bald schon einem hübsch eingespielten Skript: Ich nahm mein Lieblingscap ab, um ihr meinen fettigen, verfilzten Mopp zu zeigen, kratzte mir kurz den juckenden Kopf, so dass ein dichtes Schneetreiben auf meinen Tisch niederging, und setzte mein Cap wieder auf. Sie bestand darauf, dass ich es wieder absetzte, ich sagte irgendwas Freches zu ihr, und schon war ich auf dem Weg in Direktorin Darcys Büro.

Ich habe es alles noch genau vor Augen: Darcy Bustamantes Schreibtisch vor mir, das Fenster mit Aussicht auf den Schulhof über ihrer rechten Schulter, durch das an schönen Tagen die Sonne hereinschien, ihre blonden, zu einem Bienenkorb hochtoupierten Haare, ihre besorgte, tief gerunzelte Stirn, ihre Warnungen vor der Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten. Ich nickte unterdessen brav, träumte dabei vor mich hin oder betrachtete das gerahmte Poster über ihrer linken Schulter, auf dem ein leuchtend roter Apfel auf weissem Grund zu sehen war und darunter der Slogan: ­ALLES, WAS ICH WISSEN MUSS, HABE ICH IM KINDERGARTEN GELERNT.

Ja, klar, dachte ich bei mir. Das könnt ihr vielleicht dem kleinen Jorge erzählen.

Im Gegensatz zur Alamo gab sich die Estacada Middle School keinerlei Mühe, es dem Übeltäter gemütlich zu machen. Es gab im Büro des Direktors keine Aussicht und auch keine putzigen Motivationsposter. Milchglasfenster mit eingesetztem Drahtgitter liessen ein winziges bisschen Licht herein, das den unzuverlässigen Neonröhren an der Decke jedoch kaum eine Hilfe war.

Abgesehen von den grauen Styropordeckenplatten, dem Linoleumfussboden und Direktor Lim selbst, einem kleinen Chinesen mit dünnem Schnurrbart, bestand alles in diesem Raum aus dem schweren Walnussholz, mit dem das Gebäude 1929 ausgestattet worden war: die Tür, die Wandverkleidung, die Stühle und der imposante Schreibtisch. Alles voller Kerben und Kratzer, unzählige Male abgeschliffen und neu lackiert. Der Schreibtisch des Direktors erinnerte mich an unseren Esstisch zu Hause. Wenn ich mit der Hand über seine Kratzer strich, stellte ich mir vor, sie stammten von den Fingernägeln von Kindern, die in den dreissiger Jahren an diesem Tisch gezüchtigt worden waren.

An städtischen Schulen ist das Leben kein Ponyhof. Es ist sicher kein Zufall, dass die Alamo nach dem berühmten Fort Alamo in Texas benannt wurde und estacada auf Spanisch «Gatter, Palisade» oder auch «Militärgefängnis» bedeutet.

Fortsetzung folgt


So verpassen Sie keine Folge mehr: Für Watsky haben wir eine neue Push-Kategorie eingerichtet. Sie können sie in ihrer TA- oder Bund-App unter Einstellungen/Push aktivieren. Die App können Sie im App Store (Apple) oder im Play Store (Android) auf Ihr Smartphone laden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 11:49 Uhr

Buch

George Watsky: Wie man es vermasselt. Diogenes, Zürich 2017. Aus dem Englischen von Jenny Merling. 336 S., ca. 30 Fr. Erscheint am 23. August 2017.

Artikel zum Thema

Fa kiu (1)

Exklusiv Watsky fällt schon im Kindergarten unangenehm auf: Folge 1 der Storys von US-Autor George Watsky – exklusiv vorab bei uns. Mehr...

Geltungsdrang und Selbstzweifel

Der US-Rapper George Watsky hat ein Buch mit Geschichten über das Erwachsenwerden geschrieben. Am Montag beginnt Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit dem Vorabdruck einiger Storys. Mehr...

Er vermasselts immer wieder

Ab 17. Juli gibt es Storys des US-Autors und Hip-Hop-Musikers George Watsky bei uns exklusiv vorab – online und in der Zeitung. Mehr...

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Neues Wundermittel für die Hautverjüngung?

Sweet Home Die schönste Scheune steht in London

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...