Fa kiu (1)

Watsky fällt schon im Kindergarten unangenehm auf: Folge 1 der Storys von US-Autor George Watsky – exklusiv vorab bei uns.

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«Ich mach mir einfach Sorgen um dich«, sagte Mom am Abendbrottisch unter Tränen zu mir. Ich war vierzehn. «Nicht, dass du irgendwann noch … Häuser klaust!»

Ich hielt den Blick auf die Zedernholztischplatte gesenkt, die nach jahrelanger begeisterter Benutzung als Zeichenunterlage ganz pockennarbig und eingedellt war, und dachte darüber nach, wie man das überhaupt bewerkstelligen würde. Das Haus einfach so vom Fundament hochheben? Es Stein für Stein abtragen und woanders wieder aufbauen? Einziehen, während die Besitzer im Urlaub waren, und sich dann darin verbarrikadieren? Ergab alles wenig Sinn. Aber nach dem heutigen Gespräch mit den zwei Polizisten im Büro des Schuldirektors sah meine Mutter meinen künftigen, betrüblichen Lebensweg schon deutlich vor sich: Hier ein Schulverweis, da eine Suspendierung, und ehe man’s sich versah … Hausdiebstahl.

Ich musste bereits im Kindergarten das erste Mal zum Direktor, da hiess ich noch Jorge Watsky. Es ging um ein absolut dämliches, bizarres und vor allem völlig vermeidbares Vergehen, auf das noch viele weitere folgen sollten. Die Buena Vista Elementary School im Potrero Hill District in San Francisco, die Kindergarten und Grundschule umfasste, war eine sogenannte Sprachimmersionsschule, was bedeutete, dass von dem Augenblick, in dem uns Mom und Dad am Eingang absetzten, bis zum Augenblick, in dem sie uns abholten, ausschliesslich Spanisch gesprochen wurde. Die Klassen waren klein und die Lehrer sehr engagiert. Die einzige Möglichkeit, unbeachtet zu bleiben, bestand darin, Englisch zu sprechen.

Eines Tages – ich war erst wenige Monate im Kindergarten und mein Verständnis der spanischen Sprache noch lückenhaft – sass ich während der Märchenstunde im Schneidersitz auf dem Fussboden und lauschte Catarina, zunehmend abgelenkt. Catarina, wie die meisten Lehrerinnen an der Buena Vista eine optimistische, junge (in meinen damaligen Augen aber natürlich uralte) Frau, trug ein buntes, lockeres mexikanisches Kleid, aus dessen Ärmelausschnitt ihre Achselbehaarung hervorschaute. Ihr Kleid faszinierte mich, vor allem die Dunkelheit darunter, so riesig und geheimnisvoll. Als Kind kommt einem ja alles grösser vor. Und dann schickte mich Catarina auch schon aus dem Zimmer. Auf dem Schulflur herrschte bis auf den Klang meiner Schritte und meines klopfenden Herzens absolute Stille.

Der Direktor wollte verständlicherweise von mir wissen, wieso ich meiner Lehrerin denn bloss unter das Kleid gekrochen war.
«¿Por qué, Jorge? ¿Por qué?»
«Weil ich –»
«No, Jorge», unterbrach mich der Direktor. «En español.»
«Quería ver lo que hay ahí abajo.»
Es war tatsächlich so simpel: Ich hatte nur sehen wollen, was darunter war.

In den Weihnachtsferien meines zweiten Grundschuljahrs an der Buena Vista baten meine Eltern mich und meinen Bruder zu einem Gespräch an ebenjenen Esstisch, der damals erst wenige Schmisse aufwies und an dem ich sechs Jahre später übers Häuserklauen nachgrübeln würde. Die angespannte Stille und die Sitzordnung – wir auf der einen, meine Eltern auf der anderen Seite des Tisches – sorgten bei mir sofort für ein flaues Gefühl im Magen. Geheimnisse lagen in der Luft, Konsequenzen warteten darauf, auf uns herniederzufahren. Das kannte ich nur zu gut: Genau so fühlte es sich an, wenn man ins Büro des Direktors geschickt wurde.

Wir hätten nichts angestellt, versicherten uns unsere Eltern, im Gegenteil: Es gäbe grossartige Neuigkeiten. Sie hätten eine ganz tolle neue Schule für uns gefunden, die viel näher bei unserem Haus im Richmond District lag.

Ich hatte mir gar nichts dabei gedacht, als ich ihnen von der Pausenregelung an der Buena Vista erzählte: Ein Ton aus der Trillerpfeife des Aufsichtslehrers war das Signal, sich ordentlich aufzustellen, um in die Klassenzimmer zurückzugehen. Zwei Pfiffe bedeuteten bedeuteten: Erdbebenübung. Und bei drei Pfiffen musste man sich blitzschnell auf den Bauch legen, um keinen Querschläger aus dem Park nebenan abzubekommen, einem beliebten Drogenumschlagplatz, den nur ein Maschendrahtzaun von unserer Schule trennte. Es war zwar noch nie einem Kind etwas passiert, aber wenn wieder einmal Schüsse aus dem Park ertönten, wurden unsere Lehrer doch immer etwas nervös.

An der neuen Schule wird es euch bestimmt gefallen, sagten unsere Eltern. Wie denn auch nicht, das Schulmotto lautet «Seid Freunde!», und als Maskottchen gibt es das lustige, lachende Alamo-Krokodil. Ausserdem gehen von der Alamo viele Schüler später an die Estacada, die beste Middle School der Stadt. Und das Schönste: Es ist alles schon organisiert. Nach den Winterferien gehts los.

«Frohes neues Jahr» heisst auf Kantonesisch kung hai fat choi, «Furz» heisst fang pi, und «Blumenbrücke» fa kiu – eine phantastische Möglichkeit, auf dem Pausenplatz zu fluchen, ohne dafür Ärger zu bekommen. Das ist alles, woran ich mich aus dem Chinesischunterricht erinnere – die Chinesisch-Klasse war die einzige, in der noch Platz war und in die mein Bruder und ich mitten im Schuljahr wechseln konnten. Wir hatten zweimal pro Woche Kantonesisch und Kalligraphie, doch bei mir blieb so gut wie nichts hängen.

An der Buena Vista hatte es eine bunte Mischung verschiedenster Ethnien gegeben, Latinokinder aus dem Mission District, schwarze Kinder, weisse Kinder mit Batik-T-Shirts und Hippie-Eltern. Vielleicht hatten wir die Unterschiede zwischen uns nie wirklich wahrgenommen, weil wir alle zusammen angefangen hatten, oder wir waren einfach zu jung dafür gewesen. An der Alamo hingegen war ich sofort ein Fremdling. Ich bekam einen neuen Spitznamen, aus Jorge wurde Weissbrot. Und das war nicht als Kompliment gemeint. An der Alamo gab es so viele Schulzuwanderer wie mich, dass die Schule aus allen Nähten platzte und neben dem Hauptgebäude provisorische Fertigbau-Bungalows aufgestellt worden waren, in denen wir Unterricht hatten.

Fortsetzung folgt


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Erstellt: 17.07.2017, 08:08 Uhr

Buch

George Watsky: Wie man es vermasselt. Diogenes, Zürich 2017. Aus dem Englischen von Jenny Merling. 336 S., ca. 30 Fr. Erscheint am 23. August 2017.

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