Fertig herumgeschubst

Hernán Ronsino aus Argentinien ist der diesjährige Writer-in-Residence des Literaturhauses Zürich. Noch nie hat er so schnell ein Buch geschrieben wie in dieser Stadt.

Für literarische Nähe braucht er Distanz: Autor Hernán Ronsino an der Limmat in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Für literarische Nähe braucht er Distanz: Autor Hernán Ronsino an der Limmat in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

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Zürich hat ihn inspiriert. Der Typ mit dem wilden, grau durchzogenen Bart, der noch im April mit Skijacke durch die Stadt schlendert und aussieht wie ein weit gereister Rucksacktourist, hat sich von der Ruhe und Kleinheit Zürichs fesseln lassen – und vom hiesigen Frühlingserwachen. «Einerseits kann man sich hier gut konzentrieren, andererseits wartet in jeder Ecke eine Überraschung» schwärmt der argentinische Autor Hernán Ronsino.

Und darum hat er, als fünfzehnter Writer-in-Residence des Literaturhauses, in der Limmatstadt so schnell ein Buch heraushauen können wie noch nie: Im Sommer soll die hundertseitige Novelle «Cameron» erscheinen. Diese sei zudem völlig anders gelagert als seine anderen Romane, die auf Deutsch vorliegen: «Lumbre» (2016), «Letzter Zug nach Buenos Aires» (2012) und «In Auflösung», das in Zürich am 9. Mai Buchpremiere hat, tatsächlich aber den Beginn der Romantrilogie bildet.

All diese Romane erzählen vom stillen Niedergang auf dem Land, im sacht fiktionalisierten Pampa-Städtchen Chivilcoy, in dem Ronsino 1975 geboren wurde. Das Kaff ist geprägt von «Melancholie, von den Ruinen der aufgegebenen Firmen und Farmen, von der Auflösung», beschreibt Ronsino die Stimmung: Das seien Folgeschäden der Diktatur (1976–1983). Auch der alte Machismo habe sich auf dem Land länger gehalten. «Ich begann in den letzten Jahren der Diktatur mit der Schule. Sogar als Kind spürte ich die unterschwellige Dauerangst. Man kritisierte nichts offen, hielt den Mund. Die Gesellschaft war sehr militarisiert und patriarchal. Schon auf dem Schulhof bildeten Mädchen und Jungs strikt getrennte Gruppen.» Inzwischen habe sich eine Menge getan, besonders in Buenos Aires, wo Ronsino mit seiner Familie als Soziologieprofessor lebt; seine Frau arbeitet bei einem Literaturfestival. «Meine heute knapp zweijährige Tochter wächst in einer komplett veränderten Welt auf.»

Aufarbeitung der Vergangenheit

Kurz vor unserem Treffen etwa hatte es in Buenos Aires Massendemonstrationen von Frauen für die umfassende Legalisierung der Abtreibung gegeben; bisher ist sie nur in Sonderfällen erlaubt. Der Soziologe vermutet, dass die Siege der Frauenbewegung in Argentinien unumkehrbar sind, trotz Backlash. Der Feminismus sei mit effektiven Strategien in die Gesellschaft hineingetragen worden.

Überhaupt lasse sich die Bevölkerung, vor allem seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2001, nicht mehr so leicht herumschubsen und mache sich für soziale Gerechtigkeit stark. So demonstrierten Hunderttausende im Februar gegen die Kürzungen durch die neoliberal-konservative Regierung von Mauricio Macri. Bereits 2017 hatte es heftige Proteste gegeben: gegen die Rentenreform und die Einschnitte bei Universitäten und Forschungsinstituten – die manche an diktatorische Zeiten gemahnten. Auch Ronsino hält die Beschneidung der Forschung eher für politisch als für ökonomisch motiviert. Und seine neue Prosa verlässt das postdiktatorische Dorf. Sie geht – wo ihr Schöpfer nun aus der Ferne frisch auf die Kapitale schauen kann – in eine Grossstadt und Ära, in der die Diktatur wiederkehrt. Sie fühlt sich ein wenig an wie Ronsinos Kindheit. Fiktion und Realität mischen sich wie in den früheren Romanen. Es ist eine andere, kreative Art von Vergangenheitsaufarbeitung – die in Argentinien noch zu wünschen übrig lässt; so wurden etwa von den 500 vom Regime geraubten Babys erst 100 identifiziert.

Gegen das Etikett, das Literatur aus Lateinamerika gern aufgeklebt wird: «magischer Realismus», wehrt sich Ronsino vehement, der sonst geradezu tiefenentspannt daherkommt. Nein, Magie sei es nicht, was in seinen ­Romanen – die hochpoetisch gewirkt sind – geschehe. Auch wenn sich etwa in «Letzter Zug ...» verschiedene Perspektiven und Zeiten so vertrackt verschlingen, dass man erst am Ende den Anfang richtig versteht. Eigentlich habe er an einen sich verästelnden Baum gedacht, erläutert Ronsino: an eine Wirklichkeit, deren Stränge derart genau betrachtet werden, dass sie surreal wirken. Und auch Jorge Luis Borges – der als Schatten über jedem argentinischen Schriftsteller zu lasten scheint – war es nicht, den er im Nacken spürte. Wobei man diesen lang als Unpolitischen verkannt habe. «Er war ein wütender Anti-Peronist und hat einige sehr politische Erzählungen voller Gewalt geschrieben.»

Analyse der Wirklichkeit

In Ronsinos stillen Romanen lauert sie ebenfalls. Wenn der Erzähler von «In Auflösung» etwa auf den toten Stamm einer Kasuarine blickt, ist das wie ein Schock. Kurz zuvor noch hatte diese Kasuarine zwei leidenschaftliche nackte Menschen gehütet. Jetzt zieht eine Karawane roter Ameisen vorbei, die an der «Karkasse dessen arbeiten, was einmal eine Kakerlake war. Sie sind eine brodelnde Masse, ein Weben und Auflösen auf dem Aas.» Dann fällt der Regen. «Binnen kurzem wird das Wasser den toten See überfluten, die Zufahrtswege zu Bustos’ Ziegelei überschwemmen; wird die roten Ameisen fortreissen.» Nichts bleibt.

Doch bei aller Härte, allem Realismus ist es der Klang der Sprache, der für Ronsino den Zauber von Literatur ausmacht: Sie zu modellieren, bis es stimmt, ist eine seiner grössten Freuden. «Egal, ob sie untergründig in Zürich oder Chivilcoy wurzelt, Literatur lässt sich nicht festnageln.» Sie löse sich – und erlöse – von der Erdenschwere. Dabei las der Sohn einer Lehrerin und eines Automechanikers bis zum Alter von 20 Jahren praktisch nicht. Er rannte im Viertel mit den zwei Brüdern und den anderen Buben herum. Viele steckten bis heute im «barrio» fest. Aber seine Familie, die nie viel besass, habe ihm das entscheidende Gefühl der Möglichkeit, der Chance vermitteln können. Das war sein Kick.

Das Soziologiestudium wiederum führte Ronsino zur Literatur. Die Wirklichkeit zu analysieren und ihre Analyse zu lehren, fasziniert ihn bis heute – aber bei einem Max Weber singe die Sprache nicht. Literatur bedeute Musik und Freiheit für ihn, der mit Samuel Beckett und Gabriel García Márquez schliesslich vom Lesen angefixt wurde. Heute ist es ein Karl Ove Knausgård, der ihn begeistert, gerade weil der von einem anderen Punkt aus schreibt. Hernán Ronsino braucht Distanz für literarische Nähe. Und es darf ruhig Zürich sein.

Hernán Ronsino: In Auflösung. Roman. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Bilger, Zürich 2018. 125S., ca. 28Fr. Buchpremiere: Galerie Bildhalle, 9.Mai. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2018, 19:16 Uhr

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