Frauen, die gern Pflanzen wären

Junge aussereuropäische Autorinnen schreiben neuerdings über versponnene weibliche Sonderlinge – und werden damit weltberühmt.

In Han Kangs «Die Vegetarierin» zieht sich die Heldin schrittweise aus der Normalexistenz zurück und will sich schliesslich nur noch via Fotosynthese ernähren. Bild: Keystone

In Han Kangs «Die Vegetarierin» zieht sich die Heldin schrittweise aus der Normalexistenz zurück und will sich schliesslich nur noch via Fotosynthese ernähren. Bild: Keystone

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Romane, die von weiblicher Existenz als strukturellem Nachteil erzählen, haben ein gemeinsames Problem: Häufig werden sie schon allein deshalb gut gefunden, weil sie von Frauen handeln und sie der dominanten Männerliteratur durch ihre blosse Existenz dreizehn weitere Zentimenter im Bibliotheksregal abnehmen, als handele es sich bei literarischem Schreiben um einen Stellungskampf.

Dabei kann aus diesem Ansatz glänzende Literatur entstehen wie etwa Margaret Atwoods «Der Report der Magd», Doris Lessings «Das goldene Notizbuch» oder Chris Kraus' «I love Dick». Was dabei im Zweifel auf der Strecke bleibt, hat der Literaturwissenschaftler Hans Mayer einmal am Beispiel von Ernst Blochs «Das Prinzip Hoffnung» diskutiert: «Kraftvoll spricht Bloch von den Erniedrigten und Beleidigten, meint aber nur die Gemeinsamkeit im Schicksal, nicht den erniedrigten und beleidigten Einzelnen, dessen Tun wie Leiden keiner allgemeinen Gesetzlichkeit subsumiert werden kann.» 1981 war das, und Mayer verübelte Bloch, dass er viel über Platon, Rousseau und Hegel schrieb, aber wenig über Montaigne, den einzigen Philosophen in dieser Liste, der das Individuum als das eigentliche Rätsel begreift und nicht die Geschichte: «Das Licht der Hoffnung scheint zwar den Vielen in der Finsternis, kaum aber demjenigen, der selbst das Dunkle aufsuchte.»

Selin hat die Hoffnung, dass sich in Harvard endlich sämtliche Fragen beantworten

In diesem Zusammenhang ist es durchaus bemerkenswert, dass in der Romanliteratur neuerdings die Ankunft einer neuen weiblichen Heldin zu beobachten ist: die sonderbare Aussenseiterin. Ihren ersten grossen Auftritt hatte dieser Typus in Elif Batumans Roman «Die Idiotin», in dem es um die junge Studentin Selin geht, die gerade an der Harvard University aufgenommen wurde und nun darauf zählt, dass sich dort, im Herzen der kritischen Vernunft, endlich alle offenen Fragen klären werden. Dass dies auf den folgenden 500 Seiten nicht geschieht, liegt vor allem daran, dass auch in Harvard Wissen anhand von Sprache vermittelt wird. Der Abstand zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist immer noch sehr viel grösser als der Gender Pay Gap.

Als sie ganz am Anfang ihr erstes Bewerbungsgespräch für ein Seminar führt, entdeckt sie auf dem Schreibtisch des Dozenten eine Packung Taschentücher: «Dabei dachte ich über die strukturellen Äquivalenzen zwischen einer Schachtel Taschentücher und einem weissen Buch nach: In beiden Fällen wurden Lagen von weissem Papier von Karton umhüllt. Nur bestand ironischerweise so gut wie keine funktionelle Äquivalenz, besonders, wenn das Buch jemand anderem gehörte. Über solche Dinge dachte ich ständig nach, obwohl sie weder angenehm noch nützlich waren. Ich hatte keine Ahnung, worüber man nachdenken sollte.» Und Harvard ist ihr bei diesem Problem nicht eben behilflich. Die Uni reicht ihr nur immer neue Bücher, die jeweils neue Enttäuschungen bergen: «Ich dachte, Gegen den Strich, sei vielleicht ein Buch über jemanden, der die Dinge so wie ich betrachtete – der versuchte, sein Leben frei von Faulheit, Feigheit und Angepasstheit zu führen. Ich lag falsch; in dem Buch ging es um Inneneinrichtung.»

Elif Batuman: Die Idiotin. Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Kemper. S. Fischer, Frankfurt 2017. 477 Seiten, 35 Franken. Bild: S. Fischer Verlag

Bei Elif Batuman durchlaufen Protagonistinnen Erkenntnisprozesse, die wenig mit dem Geschlecht zu tun haben und viel mit dem menschlichen Dasein. Bislang hat sie zwei Bücher veröffentlicht, beide trugen Dostojewski-Titel. Diese Poetik knüpft an die literarischen Grossentwürfe des 19. Jahrhunderts an, sie überspringt de Beauvoir, Donna Haraway, Foucault und die anderen Stichwortgeber der engagierten Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Roman «Die Vegetarierin», dem Weltbestseller der koreanischen Schriftstellerin Han Kang. Darin geht es um eine verheiratete Frau, die sich schrittweise aus der Normalexistenz zurückzieht. Erst hört sie auf, Fleisch zu essen, dann lehnt sie es ab, Kleidung zu tragen, schliesslich isst sie gar nichts mehr, um sich fortan via Fotosynthese ausschliesslich von Sonnenlicht zu ernähren. Als ihre Schwester sie in der geschlossenen Psychiatrie aufsucht, verbringt sie ihre Tage überwiegend im Handstand, ihre Haare hängen «wie Seetang» herab und wenn man sie anstösst, fällt sie einfach um. Die Verwandlung der Protagonistin in eine Pflanze ist fast abgeschlossen.

Han Kang hat den ersten weiblichen «Byronic Hero» aus der Taufe gehoben

Der Roman, der mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde und seine Autorin weltberühmt machte, wurde mit Kafkas «Verwandlung» und Ovids «Metamorphosen» verglichen. Die grössere Leistung liegt vielleicht darin, dass Han Kang den ersten weiblichen «Byronic Hero» aus der Taufe gehoben hat, eine archetypische Figur, die auf den englischen Dichter Lord Byron zurückgeht und in der Literaturgeschichte bislang ausschliesslich in ihrer männlichen Version gesichtet wurde. Der Byronic Hero erscheint als überheblicher, narzisstischer Zyniker, ist in Wahrheit aber lediglich weltabgewandt. Sein Innenleben ist so reichhaltig und verwundbar, dass er der zudringlichen Welt nur in Abwehr begegnen kann, die genau wie jener Starrsinn aussieht, den sich Han Kangs Protagonistin von ihrer Familie vorwerfen lassen muss. Han Kangs Heldin weist nicht ihren Platz in der Gesellschaft zurück, sondern menschliches Dasein an sich.

Han Kang: Die Vegetarierin. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 190 Seiten, 28 Franken. Bild: Aufbau Verlag

Vor Kurzem ist der Roman «Die Ladenhüterin» der japanischen Autorin Sayaka Murata erschienen, auch dieses Buch war schon ein Weltbestseller, als es in Deutschland ankam. Darin findet die Protagonistin noch im Grundschulalter einen toten Vogel, woraufhin ihre Freundin fragt, ob sie das arme Geschöpf begraben wollen. «Lieber essen», antwortet sie und versteht die Bestürzung ihrer Mitschüler nicht. Ihr Vater möge Hähnchenspiesse sehr gern. Wieso eigentlich esse man den einen Vogel und vermenschliche den anderen? Das leuchtet ihr, wie alle anderen menschlichen Konventionen, nicht ein.

Sie befinden sich ausserhalb der Gesellschaft, weil sie Individuen sind

Anders als die Protagonistin in «Die Vegetarierin» entschliesst sich diese Figur allerdings nicht zur Fundamentalopposition, sondern zur Unsichtbarkeit durch totale Anpassung. Sie widmet ihr Leben dem Unterfangen, möglichst wenig Anstoss zu erregen und jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen, was dazu führt, dass sie zu einem exakten Bild dessen wird, was die moderne japanische Gesellschaft von ihren Mitgliedern erwartet. Sie arbeitet also erstens in einem kleinen Convenience Store und teilt sich, zweitens, die Wohnung mit einem Mann. Die bittere Nachricht für die japanische Kulturnation ist nun, dass es das auch schon gewesen ist und dass man mehr gar nicht wollen sollte, wenn man nicht unmittelbar auf gesellschaftliche Widerstände treffen möchte.

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Aufbau Verlag, Berlin, 2018. 145 Seiten, 28 Franken. Bild: Aufbau Verlag

In diesen drei aktuellen literarischen Welterfolgen geht es um Frauen, die sich nicht deshalb ausserhalb der Gesellschaft befinden, weil sie Frauen, sondern weil sie Individuen sind. Die postfeministische Wende möchten wir an dieser Stelle noch nicht ausrufen, aber dass weibliche Schriftstellerinnen neuerdings weltberühmt werden, indem sie an den europäischen Universalismus, den Individualismus und die Idee einer allgemeingültigen Menschlichkeit anknüpfen, das wollen wir dann doch zumindest vermerkt haben.

Das ist nicht zuletzt deshalb eine Nachricht, weil keine dieser Autorinnen aus Europa stammt und schon deshalb den Eurozentrismus-Vorwurf nicht befürchten muss, der immer schnell zur Hand ist, wenn aufklärerisch-universalistische Poetiken im Spiel sind. Als feminisierter Re-Import aus Japan, Südkorea und den postmigrantischen Milieus der USA aber entwickeln diese Ansätze eine völlig neue Attraktivität: Auf einmal sehen sie wieder erstaunlich frisch aus, zukunftsweisend und verheissungsvoll.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 15.05.2018, 15:35 Uhr

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