Frauen rauben anders

Krimi der Woche: In «Fast ein guter Plan» lässt US-Autor Wallace Stroby die coole Berufskriminelle Crissa auch ihre weibliche Seite ausleben. Womit sie sich in höchste Gefahr bringt.

Wallace Stroby schreibt hart, intelligent, witzig und überraschend.

Wallace Stroby schreibt hart, intelligent, witzig und überraschend. Bild: Pendragon/©Donna Washburn

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Der erste Satz
Vier Stunden nachdem sie in Detroit aus dem Flugzeug gestiegen war, sass Crissa in der Innenstadt in einem geparkten Wagen und beobachtete einen rostzerfressenen Subaru mit einer halben Million Dollar im Kofferraum.

Das Buch
Burke hält Crissa Stone für schön blöd. Der Ex-Cop will sich das Geld, das die professionelle Räuberin in Detroit einem Drogenboss geklaut hat, unter den Nagel reissen. Sie taucht dank Vorsicht und falscher Identitäten kaum je auf dem Radar möglicher Verfolger auf. Doch jetzt, wo sie mit einer Tasche voll Geld in Florida unterwegs ist, findet Burke sie. Weil Crissa die Zukunft der kleinen Tochter des alten Freunds, der den Coup in Detroit nicht überlebt hat, wichtiger ist als die eigene Sicherheit. Einem Mann wäre dies kaum passiert.

Crissa Stone, die Heldin einer Romanreihe des Amerikaners Wallace Stroby, steht in der Tradition des Berufskriminellen Parker, des Protagonisten von zwei Dutzend legendären Romanen, die Grossmeister Donald E. Westlake zwischen 1962 und 2007 unter dem Pseudonym Richard Stark schrieb. Crissa ist so cool und so professionell wie Parker. Dass sie ihr Herz am rechten Fleck hat und loyal ist gegenüber den Menschen auf ihrer Seite, zeigte sie schon in den ersten beiden Romanen. Und jetzt, in «Fast ein guter Plan», gerät die knallharte Verbrecherin, die sich bei keinem Coup scheut, zu tun, was getan werden muss, um davonzukommen, in höchste Gefahr, weil sie Gefühle zulässt. Weil sie nicht einfach ein Kind seinem Schicksal überlassen kann, um die eigene Haut zu retten.

Der gut geplante Überfall in Detroit klappt trotz Schwierigkeiten. Die Probleme beginnen beim Verteilen des Geldes: Der beteiligte Insider beginnt, auf die drei altgedienten Profis, die das Ding durchgezogen haben, zu schiessen. Nur Crissa entkommt mit einem Teil der Beute. Der beklaute Drogenboss setzt Burke auf den Fall an. Der Ex-Cop spielt dann aber auf eigene Rechnung, geht allen Spuren nach und hinterlässt überall Leichen.

«Fast ein guter Plan» ist ein Buch, das man fast nicht aus der Hand legen mag. Wallace Stroby erzählt zwar durchaus detailreich, auch stimmungsvoll und mit Humor, aber dennoch sehr ökonomisch. Getrieben durch viele Dialoge – die sich auch auf Deutsch sehr gut lesen – und trocken geschilderte Action treibt er die Handlung rasant voran. Trotzdem steckt viel mehr als der eigentliche Handlungsstrang in dem Buch. Dass im ersten Kapitel in der «Motor Town» Detroit, der Heimat der grossen, klassischen US-Automarken, nur japanische Autos unterwegs sind, kann man beispielsweise als beiläufigen Kommentar zum Zustand der Stadt und ihrer Industrie lesen.

Genau so muss Kriminalliteratur sein: hart, schnell, spannend, intelligent, witzig, überraschend, gekonnt erzählt – und ein bisschen emotional.

Die Wertung

Der Autor
Wallace Stroby, geboren 1960 im Monmouth County, New Jersey, studierte Journalismus an der Rutgers University. Er war unter anderem Polizeireporter bei der Zeitung «The Asbury Park Press» und während 13 Jahren Redaktor sowie Buch- und Filmkritiker bei «The Star-Ledger», der grössten Zeitung im US-Bundesstaat New Jersey, die er 2008 verliess. Er wurde für seine journalistischen Arbeiten mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Seinen ersten Roman, «The Barbed-Wire Kiss», veröffentlichte er 2003. Bisher sind von ihm sieben Romane erschienen. Von den vier Romanen um die Profi-Räuberin Crissa Stone sind bisher die ersten drei auf Deutsch erschienen. Strobys achter Roman, «Some Die Nameless», erscheint in den USA im kommenden Juli. Wallace Stroby lebt in New Jersey.

Wallace Stroby: «Fast ein guter Plan» (Original: «Shoot the Woman First», Minotaur Books, New York, 2013). Aus dem Englischen von Alf Mayer. Pendragon, Bielefeld, 2018. 315 S., ca. 25 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2018, 14:07 Uhr

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