Fukushima als Menetekel

Adolf Muschg schickt in seinem neuen Roman einen Architekten in die verstrahlte Zone. Dieser trifft dort auf Menschen, die sich von der Katastrophe nicht unterkriegen lassen.  

Wie schwarze Plantagen wirkt der in Plastiksäcke abgefüllte verstrahlte Müll. Foto: Franck Robichon (EPA, Keystone)

Wie schwarze Plantagen wirkt der in Plastiksäcke abgefüllte verstrahlte Müll. Foto: Franck Robichon (EPA, Keystone)

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Manch grossem Autor nimmt erst der Tod die Computermaus aus der Hand. Nur wenige setzen sich wie Philip Roth mit einem «Alles ist gesagt» selbst zur Ruhe. So produziert der 91-jährige Martin Walser Jahr für Jahr Buch um Buch, und der kaum jüngere Adolf Muschg steht ihm nur wenig nach. Muschgs Spätwerk, etwa seit «Kinderhochzeit», darf man «merkwürdig» in dem doppelten Sinn nennen, den das Adjektiv im Deutschen hat, und der neue Roman ist vielleicht der merkwürdigste von allen: bemerkenswert und sonderbar. Mit ihm kehrt Muschg zu seinen ­Anfängen zurück, nach Japan, wo «Im Sommer des Hasen» spielt; über ein halbes Jahrhundert ist das her. Und auch an das vorangehende Buch knüpft er an; war im «Weissen Freitag» Goethe der Gewährsmann, so ist es diesmal Adalbert Stifter, dessen Er­zählung «Nachkommenschaften» Muschg dem Helden in die Hand legt.

Bemerkenswert ist dies: Muschg, bekanntlich ein Gegner der Atomkraft, lässt sich intensiv auf das komplexe Verhältnis Japans zu dieser Energie ein. Das Land hat das verheerende Zerstörungspotenzial der Kernspaltung erlebt und dann voll auf die friedliche, vermeintlich sanfte Variante der Technik gesetzt. Dann kam der 11. März 2011, kamen Tsunami, Erdbeben und Kernschmelze. 18500 Tote kosteten die ersten beiden Katastrophen, die dritte machte weite Landstriche unbewohnbar.

Unbewohnbar – eine absolute Vokabel, aber der Architekt und Philosoph Paul Neuhaus, den Muschg in das Gebiet von Fukushima schickt, lernt, dass man alles relativieren kann. Er sieht schwarze Plastiksäcke, «geschart zu riesigen, regel­mässigen Herden, die ihre Schwäche in ihren Massen verbargen». Es ist verstrahlte Erde, die man in Millionen dieser ­Säcke gepackt hat, geballt zu «Sackkolonien», die wie schwarze Plantagen wirken.

Reise in «untote» Gegenden

Die Reise führt Paul durch verlassene Dörfer, teils zerstört von Beben und Flut, teils völlig unversehrt, aber durch Strahlenbelastung unbewohnbar, «untot», und Muschg beschwört die ­Paradoxien der Erscheinungen und der menschlichen Emsigkeit in Bildern und Sätzen von unwirklicher Schönheit. Etwas Verzweifeltes und Vergebliches liegt ­darin, aber weder der Besucher noch der Autor können sich einer gewissen Bewunderung für den Willen der gebliebenen oder ­zurückgekehrten Bewohner zum Aushalten und Wiederherstellen entziehen (Muschg aber auch nicht den Versuchungen des ­Kalauers, auf «Sack» folgt ­«einsacken» und «sackstarke Hässlichkeit»). Es gibt Bauern, die wegen ihres Viehs in der «Zone» ausharren; es gibt ­Pendler und Arbeiter, denen der Geigerzähler die Dauer vor Ort vorzählt. Es gibt aber auch ­finanziellen Druck von der ­Regierung, die Rückkehr zu fördern, und es gibt Enthusiasten wie den ­Bürgermeister von ­Yoneuchi, Irie Seizo, der das ­abwegige Projekt einer Künstlerkolonie im ­verstrahlten Gebiet vorantreibt und dafür Paul Neuhaus als Berater und Gutachter gewinnen will.

Muschg lässt sich intensiv auf das komplexe Verhältnis Japans zur Atomkraft ein.

Strahlenbelastung ist messbar, also auch relativierbar. Da der Mensch Grenzwerte definiert, kann er sie auch heruntersetzen. Was, fragt Irie Seizo, weiss man eigentlich wirklich über die Langzeitfolgen? Ist der Mensch nicht resilienter, als man meint? Und könnten nicht Tiere, so fabuliert und fantasiert er weiter, durch ihren Stoffwechsel die Gegend dekontaminieren?

Gegenpol Iries ist Ken-Ichi, ein alter Freund Pauls. Er hat für den Umgang seines Landes mit der Katastrophe, mit der Atomtechnik überhaupt nur schwärzesten Sarkasmus übrig. Für ihn sind die Japaner unfähig, aus dem GAU die richtigen Schlüsse zu ziehen. Fukushima steht für sie einfach in einer Reihe von Unglücken, die man mannhaft und lächelnd zu ertragen hat, statt nach staatlichem oder unternehmerischem Versagen zu fragen oder gar Verantwortliche zu suchen. Mit Ken hat Muschg eine faszinierende Figur geschaffen, der die fatale Kombination aus Technikgläubigkeit und Fatalismus – müssen wir nicht alle an irgendwas sterben? – wie in einem Brennspiegel fasst und ironisch verzerrt zurückwirft. So weit, so bemerkenswert.

Adolf Muschg: Unermüdlich kritisch. Foto: Doris Fanconi

Zum sonderbar Merkwürdigen des Romans müssen wir an den ­Anfang zurück, in den «Doppeldecker», eine zweistöckige Glaskonstruktion, die Paul für sich und seine Frau Suzanne im Südbadischen gebaut hat. Mit ihr führt er eine saturierte, aber auch etwas langweilige Ehe. Suzanne hat keine Lust auf Japan, Strahlendosen und Künstlerkolonie-Projekte. Das ist gut für den Roman, denn schon nach wenigen Seiten prätentiöser, auf Pirouette gedrehter Ehedialoge und Gourmet-Menü-Folgen ist mancher wohl geneigt, das Buch zuzuschlagen.

Es ist aber auch gut für Paul, denn in Japan wartet Mitsu, Kens Frau. Sie begleitet ihn durch die «Zone», ist Dolmetscherin, ­Führerin und Vermittlerin, bald auch mehr. Denn es bleibt nicht lange bei Höflichkeiten und ­Verbeugungen, mitten im verstrahlten Gebiet reissen beide sich die Schutzkleidung vom Leib und «impfen» (so nennt es Mitsu) ­einander, auf eine akrobatische Weise, die wie eine Umkehrung jenes antiken Ringkampfs von Herkules mit dem Riesen ­Antäus anmutet, bei der dieser den ­Boden nicht berühren durfte, um nicht neue Kräfte zu erlangen – hier gilt es, die Kontamination mit verseuchter Erde zu vermeiden.

Todeshauch und Lust

Das Paar (er 62, sie 37) hat noch öfter Sex, im Auto, am Strand; Muschg bemüht die Psychologie (Mitsus Hingabe als Akt der ­Verzweiflung, Strahlung und Todeshauch befeuern die Lust etc.) und die Bibel («Sie waren ein Fleisch») für Passagen, die, um es nett zu sagen, nicht zu den Stärken des Romans gehören. Die liegen in der Intensität, mit der «untote» Landschaften ­beschworen werden, und in der Reflexion über Mensch, Vernunft, Technik und Katastrophe vor ­japanischem Horizont.

Damit sind wir bei Stifter, dessen Spätwerk ja auch als merkwürdig, ja verschroben gilt. Sein Bild von der «heitren Blumen­kette der Ursachen und Wirkungen» greift Muschg auf und malt es weiter: An die Stelle der ­heitren Blumenkette ist die Kettenreaktion getreten, die der Mensch auslösen, aber nicht mehr beherrschen kann. Fukushima als Menetekel.

Paul reist ab, wird aber wiederkommen, ein Haus in der «Zone» kaufen und Japanisch lernen. Mitsu ist schwanger, aber, wenn die Strahlen nicht auch hier alle Naturgesetze ausser Kraft gesetzt haben, von Ken. Der hat Leukämie, wie schon sein Vater, als Spätfolge von Hiroshima. Auch das eine Kette, eine fatale.

Adolf Muschg: Heimkehr nach ­Fukushima. Roman. C. H. Beck, München 2018. 244 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 19.07.2018, 17:47 Uhr

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