Gedicht, Gesicht, was zeigst du mir?

Von Gomringer bis Gomringer: Das Literaturmuseum Strauhof zeigt Lyrik der Gegenwart – und ihre Urheber im Bild.

Teaser zur Ausstellung «Gedicht/Gesicht». Im Video: Mara Genschel, Zsuzsanna Gahse, Alexander Gumz, Christian Metz, Michael Donhauser und Rolf Hermann. Video: Strauhof 2019


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wir leben im Zeitalter der Gedichte»: Dieser Satz des Literaturwissenschaftlers Christian Metz prangt an einer Wand im Obergeschoss des Zürcher Strauhofs. Leben wir nicht eher im Zeitalter der Katzenvideos oder der Hassmails? Egal, als Behauptung macht sich der Satz gut in einer Lyrik-Ausstellung. Auch wenn im Nebenraum der Dichter Franz Hodjak skeptisch anmerkt, es gebe mehr Lyrikschreiber als Lyrikleser.

Das mag so sein, vielen reicht es, ihren Gedanken oder Gefühlen eine Form zu geben, bloss für sich. Anderen gelingt der Sprung zwischen Buchdeckel, in renommierte Häuser, die noch Lyrik drucken (es werden immer weniger), oder in einen der vielen Kleinverlage, die das Genre am Leben erhalten. Am schriftlichen Leben, muss man sagen: Denn das Gedicht und die Dichter tummeln sich heute auf der Bühne, an Festivals, an Events aller Art. Die klassische Rezitation tritt zurück, Installation und Performance lösen sie ab und finden ein neues Publikum.

All dem trägt die neue Ausstellung im Zürcher Literaturmuseum Strauhof Rechnung, die von Philip Sippel, Rémi Jaccard und Kathrin Egolf konzipiert worden ist. Eigentlich ist es die Inszenierung eines Buches. «Das Gedicht und sein Double» heisst es und ist 2018 in der Dresdner Edition Azur erschienen. Es kombiniert Porträtaufnahmen von Dichtern und Dichterinnen, die der Fotograf Dirk Skiba über Jahre gemacht hat, mit jeweils einem Gedicht des Porträtierten, das auf das Bild Bezug nimmt, manchmal eigens dafür geschrieben wurde – oder auch nicht.

Dichter als Pappkameraden

Durs Grünbein befragt Kinn und Jochbein und konstatiert: «Lohnt sich nicht zu malen, dieses Allerweltsgesicht.» Michelle Steinbeck schaut den Betrachter neugierig an, auf der Rückseite ist zu lesen: «ich bin ein unkonzentriertes undiszipliniertes flatterhirn. / und ein zwinglianisches arbeitssüchtiges moraläfflein. / und ein zufriedenes gefrässiges faultier.» Da sagt ein (schönes) Bild mal weniger als 16 Worte. Oder halt etwas anderes.

Eine der Jüngsten in der Ausstellung ist die Schweizerin Michelle Steinbeck, Jahrgang 1990. (Foto: Dirk Skiba)

«Gedicht / Gesicht» heisst konsequenterweise die Ausstellung, welche die Dichter, salopp formuliert, zu Pappkameraden macht: Vorne das Bild, hinten der Text. Man muss die Pappe drehen, beides zugleich bekommt man nicht. 99 Bild/Text-Pappen bietet die Ausstellung, nach Jahrgängen geordnet, von Anne Dorn und Eugen Gomringer (beide Jahrgang 1925) bis Sirka Elspass (1995). Von Gomringer stammt übrigens der allerkürzeste Text, so kurz, dass wir ihn hier komplett zitieren können. Er lautet «zahl5678». Und Tochter Nora ist selbstverständlich auch vertreten.

Michael Fehrs heiserer Gesang

Im Obergeschoss liegen 99 Gedichtbände aus, je einer pro Kopf. In den Nebenräumen kann man Videos betrachten, auf denen die Texte performt oder erklärt werden. Michael Fehr singt heiser zur Gitarre, Kunga Tóth bläst Plastiksäcke auf, zur «Kleinen Grammatologie» von Carolin Callies laufen Szenen aus der Stummfilmzeit.

99 Gedichte – genug, dass jeder sein Lieblingsstück finden kann (und sein Lieblingsgesicht). Meins stammt von Volker Braun, heisst «Dämon» und geht so: «Mich beherrscht ein eignes Wesen / Heiter macht es mich und trüber / Davon kann ich nicht genesen / Von kleinauf war es mir über. / Meine Freiheit, meine Engnis / Unter dem Geschirr entspringen / So vollbring ich mein Verhängnis / Und erleide mein Gelingen.»

Bis 15.9. Rahmenprogramm mit Vorträgen und Performances. www.strauhof.ch

Erstellt: 27.06.2019, 18:11 Uhr

Artikel zum Thema

Von Frankensteins Monster zum Chatbot

Der Strauhof widmet sich zum 200. Geburtstag von Mary Shelleys Roman menschenähnlichen Nachschöpfungen und künstlichen Intelligenzen. Mehr...

Fotografien wie Gedichte

Die Bilder von Teju Cole zeigen das, was wir tagtäglich sehen – und dennoch nicht wahrnehmen. Der Strauhof in Zürich zeigt über 30 seiner eindrücklichen Arbeiten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gemeinsam leben an zwei Orten

Geldblog Reisedetailhändler Dufry wächst wieder richtig

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...