Gendern? Niemand hat etwas von sprachlichen Scheusslichkeiten

Gendergerechte Sprachregeln lösen kein Problem, aber gehen auf Kosten von Grammatik und Eleganz.

«Eine typografische Scheusslichkeit»: Das Gendersternchen. Foto: PD

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Den folgenden Text hat ein Mann geschrieben. Ist es folglich ein männlicher Text? Einer, der die Welt aus Männersicht betrachtet? Weil er gar nicht anders kann, so als Mann? Die so denken, sollten vielleicht besser nicht weiterlesen.

Es geht darum, wie wir von Menschen sprechen. Im Plural, ohne besondere Berücksichtigung des Geschlechts. Wenn wir etwa sagen wollen, dass die Besucher eines Popfestivals viel Müll hinterlassen haben. Oder dass Hausbesetzer sich gegenüber der Polizei renitent verhalten. So, wie gerade formuliert – die Besucher, die Hausbesetzer – ist es grammatisch korrekt, das Substantiv im Plural – «Besucher»– identisch mit der männlichen Form. Der Fachausdruck dafür lautet «generisches Maskulinum». Eine männliche Form für eine geschlechtsneutrale (beziehungsweise beide Geschlechter umfassende) Menge. (Der Plural-Artikel «die» ist übrigens identisch mit dem weiblichen Singular, was noch niemanden gestört hat.)

Unsere Sprache kann nach Geschlechtern differenzieren, muss es aber nicht. Die immer mächtigere Genderbewegung sagt aber: Sie muss, immer und unter allen Umständen. Dass unter den Besuchern und Besetzern Männer und Frauen waren, müsse explizit erwähnt werden. Das generische Maskulinum sei nicht nur formal (Genus), sondern auch inhaltlich (Sexus) männlich. Es schliesse Frauen aus.

Nur Männer?

Diese Ansicht missversteht und missachtet zwar die geltenden Regeln der deutschen Sprache, gewinnt aber immer mehr Anhänger und eine politische Durchschlagskraft, die sich längst in allerlei Reglementen niedergeschlagen hat. Behörden, Verwaltungen, Universitäten haben teils umfangreiche Leitfäden erlassen, die unter dem Etikett «geschlechtergerecht» in ihrem Geltungsbereich die Sprache lenken und biegen.

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Das hat Folgen. Kürzlich hat das Büro des Zürcher Gemeinderats eine Interpellation zurückgewiesen, weil sie nicht «geschlechtergerecht» formuliert sei. Darin ging es um «Besetzer», ohne nach Geschlechtern zu differenzieren. Es spielte inhaltlich keine Rolle – löste aber die Zurückweisung aus. Damit erklärte eine Verwaltungsinstanz den sprachlich völlig korrekt verfassten Antrag aus einem Parlament für unzulässig – eine Anmassung, die wohl demnächst irgendein Gericht beschäftigen wird. (Neuerdings hat das Büro auch einen Antrag zurückgewiesen, der den sogenannten Gender-Gap, den Unterstrich, verwendet hat; den sieht die deutsche Rechtschreibung tatsächlich nicht vor.)

Der Zürcher Fall zeigt, wie kurz der Weg vom Gefühl zur Vorschrift ist. Denn dass Frauen vom neutralen Plural nicht mitgemeint seien, ist ja ein blosses Gefühl (das übrigens durchaus nicht alle Frauen teilen). Manche Sprachwissenschaftler versuchen, dieses Gefühl zu objektivieren mit sogenannten Assoziationstests; unter «Bäckern» stelle man sich sogleich Männer vor. Ist das bei unseren Fällen, «Besuchern» oder «Besetzern», wirklich so? Nur Männer, bei Besuchenden, Besetzenden, den gern vorgeschriebenen Ersatzformen, auch Frauen?

Niemand profitiert

Mit Sprachgefühl hat das Gefühl, nicht mitgemeint zu sein, wenig zu tun. Dahinter steht eine politisch-ideologische Motivation, die unbestritten immer noch bestehende Benachteiligung von Frauen wenigstens sprachlich zu beheben. Eine Ersatzhandlung. Auf Kosten der grammatischen Korrektheit, der Eleganz, der Freiheit des Ausdrucks. Nicht zuletzt transportiert die Genderbewegung ein Weltbild, in dem die Menschheit immer und grundsätzlich in Männer und Frauen zerfällt. Eine gespaltene Welt.

Die Umdeklarierung des generischen zum sexistischen Maskulinum und sein Quasiverbot hat die bekannten sprachlichen Folgen – zwanghafte Doppelnennung, substantiviertes Partizip Präsens, umständliche Umschreibungen, gar typografische Scheusslichkeiten wie Gendersternchen, Binnen-I oder Gender-Gap.

Davon hat niemand etwas, weder die Männer noch die Frauen, noch die Menschheit. Ein sensibler, sorgfältiger Sprachgebrauch, der die neutrale Pluralform nicht aufgibt, aber immer wieder einfliessen lässt, dass selbstverständlich beide Geschlechter gemeint sind, ist gar nicht so schwer. Wer gendern will, mag das tun. Er – und sie – sollen nur andere damit in Ruhe lassen.

Erstellt: 18.07.2019, 09:01 Uhr

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