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Geprügelte Hunde

Leonard Gardners «Fat City» ist der Klassiker unter den Boxerromanen: hart, aber klug. Das Buch wurde jetzt neu übersetzt.

Ohne Glamour, ohne Eleganz: Stacy Keach (rechts) als Billy Tully in John Hustons Verfilmung von «Fat City». Foto: The Moviestore Collection
Ohne Glamour, ohne Eleganz: Stacy Keach (rechts) als Billy Tully in John Hustons Verfilmung von «Fat City». Foto: The Moviestore Collection

Der Jab an sich ist kein bedrohlicher Schlag. Der Boxer löst die Hand vom eigenen Backenknochen, wendet den Arm so in der Luft, dass der Handrücken oben liegt, die Faust schnellt zum Gegner; eine Drehung auf der Zehenspitze gibt etwas Schwung. Der Jab kann überraschen oder einen Punch vorbereiten, ein K.-o.-Schlag ist er kaum.

Ernie Munger, die Hauptfigur im Roman «Fat City», jabbt zu viel. Munger ist nervös in seinem ersten Kampf, verbringt die erste Runde «mit Tänzeln und Jabs». Dann gehts in die nächste Runde, aus dem Nichts trifft ihn ein Schlag – Nase kaputt, Ring voll Blut, die erste ­Niederlage. Viel besser wird es nicht mehr für ihn, den kaum 20-jährigen Tankstellengehilfen.

«Fat City» ist der Klassiker unter den Boxromanen. Erschienen 1969, wurde er nun von Gregor Hens, selbst ein ausgewiesener Schriftsteller («Matta verlässt seine Kinder», «Nikotin»), neu übersetzt. Das Buch erzählt, wie sich im Kalifornien der 1960er die Wege von Munger und Billy Tully kreuzen. Tully ist ein alternder Kämpfer, der zu etwas Lokalruhm gekommen ist. Nach längerer Pause beginnt er wieder zu trainieren und trifft beim Sparring auf Munger. Tully hat grosse Mühe mit ihm. Um seine eigene Unfähigkeit zu kaschieren, überhöht er den mittelmässigen Jungen zum Talent, prophezeit ihm eine Karriere. Wobei «Karriere» selbstverständlich ein zu grosses Wort ist, für beide: Munger und Tully kämpfen in Spunten gegen Gangster und andere Loser.

Der Bodensatz des Boxsports ist die Domäne des Leonard Gardner. «Fat City» ist der einzige Roman des heute 83-Jährigen, selbst einst Amateurboxer. «Manchmal holt man halt nur einen Preis», lautet ein bekanntes Gardner-­Zitat. Auf 200 Seiten komprimiert der Autor sein tiefes Wissen über die Atmosphäre vor dem Kampf, die Bewegungen im Ring, die Spleens der Coaches. Sprachlich orientiert er sich an Hemingway, dessen lakonischer Stil von Epigonen gern überstrapaziert wird, hier aber zum Stoff passt wie der Aufwärtshaken ans Kinn.

Lakonisch wie Hemingway

«Fat City», 1972 von John Huston meisterhaft verfilmt, ist der Roman, den Boxfanatiker Hemingway nie geschrieben hat. Gardner erweist sich als feinsinniger Analytiker, kennt die Bedeutung eines Seitenblicks. Tullys Erinnerung an einen früheren Kampf: «Er hatte zu seiner Frau geschaut in der Hoffnung auf ­irgendeine Form der Bestätigung, ein ängstlich besorgtes Verständnis für die Schmerzen und das Opfer, das er doch nur ihretwegen auf sich nahm, auf ­irgendeine immer verweigerte Anerkennung dieses Männlichkeitsrituals.»

«Fat City» ist ein grosses Buch übers Boxen, aber es ist mehr noch: eine Exkursion ins Lumpenproletariat. Gardner erzählt von jenen Amerikanern, die als «White Trash» abgestempelt werden, von denen Schriftsteller gewöhnlich wenig wissen und selten erzählen. Gardner geht es nicht um Aufsteiger, die sich wie Jack Johnson oder Sonny Liston nach oben boxen. Es geht ihm auch nicht um die epochalen Duelle, auf die sich Autoren wie Norman Mailer oder Hunter S. Thompson stürzten.

Gardner schreibt über jene, die unten sind und deren Zeit nie kommen wird. Munger und Tully fühlen sich vom Leben in die Ecke gedrängt, sie haben üble Jobs und falsche Freunde. Wenn sie ausbrechen, mal einen über den Durst trinken oder in der Bar anbandeln, wird ­alles noch schlimmer. Sie haben nichts Richtiges gelernt und müssen sich nun verdingen, ihre letzten Privilegien sind die harten Körper und – wegen des Rassismus der Boxveranstalter und der Farmer – die weisse Hautfarbe.

Aber auch das nützt ihnen auf den Feldern beim Zwiebelschneiden nicht: Die Sonne brennt, der Rücken schmerzt, und Tully merkt, dass es «nirgends einen Ausweg gibt». Von fern erinnern die Figuren an Stefan Angehrn, den beherzten, aber glücklosen Schweizer ­Boxer der 1990er.

Was wunderts, lockt da der Ring. Dieser archaische Ort, wo sich Schriftstellerin Joyce Carol Oates zufolge «das älteste Drama der Menschheit» abspielt – «nämlich wie ein Mann den anderen zusammenschlägt». Oates schrieb mit «On Boxing» einen berühmten Boxessay und bezeichnete darin beiläufig «Fat City» als Lieblingsbuch. Der Boxring ist für Oates eine Schaubühne der menschlichen Existenz. Grell werden die Abgründe ausgeleuchtet: Zorn und Brutalität, aber auch Kühnheit und Zähigkeit.

Die Gesetze im Ring sind simpler als jene des Alltags – «ehrlicher», würden Munger und Tully wohl sagen. Jede Welt, die näher am Faustrecht ist, muss ihnen besser gefallen als die Gegenwart des raffinierten Kapitalismus, in der Bürolisten die Geldströme in ihre Taschen lenken und den Mungers die Brosamen übrig lassen. Und so wagen sie sich aufs Neue hinein in die «Wildnis, um mit Tieren zu kämpfen», wie Olympiasieger Sugar Ray Seales seine Boxzeit beschrieb. Sie tun das, obwohl sie weder Talent noch den Killerinstinkt haben.

Harte Lektionen im Ring

Mit einem Zerstörer wie Mike Tyson, der seinen Gegner «das Nasenbein ins Hirn treiben» wollte, haben sie nichts gemein. Und doch hoffen sie, im Ring wiedergeboren zu werden – als Sieger und Teilhaber der «Fat City», des üppigen Lebens. Also gehen sie wieder ins Training. schwingen sich durch die Seile in den Ring. An Mut fehlts nicht. Doch ihre Illusion platzt schneller als eine Augenbraue. Der Ring erteilt die härtesten Lektionen, und in diesen Kämpfen liegt kein Glamour und keine Eleganz, kein «Schweben wie ein Schmetterling», kein «Stechen wie eine Biene», wie einst Muhammad Ali seinen Stil beschrieb.

Ernie Munger, den die Strippenzieher zur «Great White Hope» aufbauen wollen, wird bald entscheidend angeknackst: «Ein fürchterlicher Schlag krachte von rechts gegen Ernies schmales Kinn. Er ging an den Seilen seitlich zu Boden, kippte unter dem Gebrüll der Menge steif nach hinten und schlug – erst mit dem Kopf und dann mit den Füssen – auf den Boden. Im ersten Moment war sein Blick wie gefroren, dann schloss er die Augen, und sein Körper wurde starr.»

Ein Anti-Box-Buch ist der Roman dennoch nicht. Denn was würde einen Billy Tully morgens aus den dreckigen Motellaken treiben, wenn nicht die leise Hoffnung auf ein Comeback, auf den überraschenden Triumph? Zu Ende des Buchs verschafft ihm sein alter Trainer einen weiteren Kampf und zieht dabei das Preisgeld im Voraus ein. Tullys Gegner ist ein müder, alter Mestize, der wegen Magenproblemen kaum noch stehen kann. Tully haut auf ihn ein, ist selber mit den Kräften am Ende. «Fat City» ist ein Denkmal für jene, die solche Siege feiern müssen.

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