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Gesamtkunstwerk der Perversion

Dian Hanson ist die erfolgreichste Verlegerin erotischer Magazine. Mit ihrer Reihe «Sexy-Books» beim deutschen Taschen-Verlag hat sie das Genre gewissermassen zur Kunst erhoben.

«Doktor Sex», so lautet der Titel eines Romans von T.C. Boyle. Er würde auch auf Dian Hanson zutreffen. Hanson ist studierte Psychologin und bekannt als Herausgeberin der erfolgreichsten amerikanischen Fetisch-Magazine «Juggs», «Tight», and «Leg Show». Das «New York Magazine» nannte sie deswegen die Tina Brown der Pornographie – nach der äusserst erfolgreichen früheren Verlegerin des amerikanischen Glamour-Magazins «Vanity Fair».

Seit fast 30 Jahren mischt Hanson mit im Geschäft gedruckter männlicher Phantasien. Und was in den eher schmuddeligen Ecken begann, führte sie 2001 zum deutschen Kunstbuch Verlag, der ihr Knowhow und ihr Gespür für alle Arten männlicher Libido gewissermassen zur Kunst adelte – was angesichts gewisser Strömungen in der Gegenwartskunst nicht weiter erstaunlich ist.

Albert Schweitzer der Fetischisten

Doch anders als bekannte erotische Künstler wie Terry Richardson oder Ellen von Unwerth, funktioniert Hansons Blick gewissermassen als Weitwinkel. In ihrer Karriere sah sie die erotischen Moden verschiedener Dekaden an sich vorbeiziehen: Die Ära der kurvigen und künstlich aufgeblasenen Blondinen, die der durchtrainierten Hard-Bodys, und heute die der natürlichen Mädchen. Für Hanson ist Pornographie nicht in erster Linie ein Geschäft, sondern eine Wissenschaft. «Ich war mit diesen Magazinen erfolgreich, weil ich Männern zugehört habe», sagt sie. Der Cartoonist Robert Crumb, zu dem sie freundschaftliche Beziehungen pflegt, kann das bestätigen: «Es ist verheerend, wie gut Hanson die männliche Sexualität versteht. Sie ist wie ein Albert Schweitzer für Fetischisten – und geht mit ihren Bedürfnissen ziemlich gutherzig um.»

Im Verlaufe der Jahre hat sich Hanson ihre eigenen Theorien über die menschliche, oder vornehmlich männliche Sexualität aufgebaut, die sie als «mentales Gesamtkunstwerk der Perversion» bezeichnet. Dieses nimmt sich erschreckend simpel aus: «In unserer Kultur dreht sich die ganze Sexualität um Wölbungen», so Hanson, Pornographie sei nichts weiteres als eine Funktion jenes Fleisches, das sich vom Körper weg wölbt. Fetischismus hingegen bezeichnet sie hingegen als die männliche Suche nach Liebe. «Fixierungen auf einen Fetisch beginnen meistens in Momenten von Angst und Stimulation. Z.B. wenn einem Jungen das Gefühl vermittelt wird, dass er nicht mehr geliebt werden wird, wenn er seine Sexualität ausdrückt und die ihm vorgegebenen Regeln bricht. Das hätte ich niemals geglaubt, als ich angefangen habe, aber heute weiss ich: Beim Fetischismus geht es immer um die Suche nach Liebe.»

One-Night-Stand Internet

Allerdings geht es ihr nicht nur um den Dienst an der männlichen Phantasie – sie versteht ihre verlegerische Tätigkeit auch als Kunst und distanziert sich von der Internet-Pornographie. Ihre Magazine seien Verführung, heimliche Liebesaffären, die immer weiter geführt würden. Im Internet fehle dieser Glamour-Aspekt, es gebe keine Beziehung zu einem Produkt. Das Internet sei im Gegensatz zum Magazin ein One-Night-Stand. Ihre Tätigkeit für den Taschen-Verlag, für den Sie eine Reihe erotischer Coffee Table Books über Beine, Brüste und jetzt Hintern herausgegeben hat, wäre in diesem Gleichnis dann wohl die Glamour-Beziehung – zumal der Taschen-Verlag ihre verlegerische Tätigkeit aus der Schmuddelecke herausgeholt hat und den sexuellen Fantasien, denen sie sich verschrieben hat, ihren Platz im bürgerlichen Heim sichern – auf dem Coffee-Table.

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