«Mays psychische ­Gesundheit halte ich für schwer angeschlagen»

Die britische Schriftstellerin A. L. Kennedy glaubt an ein Europa, das sich für die Schwachen starkmacht. Der Brexit sei ein weiterer Versuch der Raubtierkapitalisten, sich zu bereichern.

A. L. Kennedy will ihre Leserinnen und Leser «aus ihrem Gedankenkerker befreien». Foto: Sabina Bobst

A. L. Kennedy will ihre Leserinnen und Leser «aus ihrem Gedankenkerker befreien». Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Kennedy, am geplanten Brexit-Tag, dem 29. März, waren Sie in der EU.
Ja, in Deutschland. Mein Rest­risiko war, mich nach einem ­harten Brexit nur noch begrenzt bewegen zu können. Aber einen «No Deal», einen Austritt ohne Abkommen, will kaum einer. Die Brexiteers fürchten die politische Vernichtung, wenn erst die Diabetiker und Krebspatienten reihenweise sterben, weil die Medikamente fehlen, wenn es Gemüserationierung und Lastwagenschlangen mit ver­rottenden Früchten gibt. Die Tory-Partei ist am Ende. Und die psychische ­Gesundheit von Theresa May halte ich für schwer angeschlagen: Die Frau braucht Hilfe.

Wer profitiert vom Brexit?
Rund um den Globus herrscht ein Katastrophenkapitalismus: Ein Land nach dem anderen wird ausgeplündert im Krieg der Superreichen gegen die Armen. Unsere Regierung wird quasi von Kleptokraten gesteuert, setzt sich nicht fürs Volk ein, sondern verhält sich wie eine fremde Besatzungsmacht. 300 Leute machen einen Reibach: Die meisten von ihnen zahlen nicht mal Steuern bei uns, weil sie Expats sind wie etwa Rupert Murdoch. Was diese Leute nicht wollen, sind Geldwäschegesetze, verschärfte Kontrollen, mehr Steuern, Arbeiterrechte, EU-Standards und eine gute Bildung für mündige Bürger. Da wird dereguliert und Infrastruktur abgewickelt; die faktenorientierten Verwaltungsapparate wurden geschwächt.

Sie beklagten lang vor der Brexit-Abstimmung 2016 die Verdummung in den Medien, den Sozialabbau, die Spaltung und Verrohung der Gesellschaft.
Der Niedergang war bereits 2012 unübersehbar, als ich den Roman «Süsser Ernst» begann, mit dem ich nun nach Basel und Zürich fuhr. Mein Protagonist arbeitet im britischen Ministerium für «Work and Pensions», das mit einer echten Wohlfahrtsbehörde nichts mehr gemein hat. Eher organisiert es eine Art Euthanasieprogramm, eine Aktion T4, nur weniger peinlich: Man braucht die Leute nicht zu vergasen, sie bleiben daheim, sterben an Stress. Wir haben in Grossbritannien Behinderte und Rentner, die verhungern! Millionen sind auf ­ Lebensmittelhilfe angewiesen. Zahllose Bibliotheken sind geschlossen, das Studium wurde unerschwinglich, die Jungen werden nicht ausgebildet und sind perspektivlos – die Suizid­rate unter Teenagern ist massiv gestiegen. Aber die Gift schleudernden Medien machen Panik vor Einwanderern.

Wieso tun sie das?
Anders als in den USA, wo die «New York Times», die «Washington Post» und andere der Trump-Administration auf die Finger schauen, gibts bei uns nur eine linke Zeitung, die halbwegs gegensteuert: den «Guardian». Murdoch dagegen gehört ein Medienimperium, manche Zeitungen sind auch in der Hand eines russischen Oligarchen. Die haben kein Interesse an der EU, an sauber geführten Ländern, die schwache Bürger schützen. Und für die Medien ist ohnehin aufgeregtes Geschrei besser verkäuflich als sachliches Abwägen. So wurde ein fast faktenfreier öffentlicher Raum geschaffen.

Jetzt übertreiben Sie aber!
Wegen Glasnost meinten wir, uns zurücklehnen zu können: Die werden zu so gierigen Kapitalisten, wie wir es sind; alles ­paletti. Aber schon Stalin hatte kapiert: Ein Dritter Weltkrieg wäre unklug, besser funktioniert ­psychologische Kriegsführung – Desinformation, Spionage, Sabotage. Moral wird da als unklar und optional dargestellt; Fakten werden unendlich flexibel, indem man sie ständig und unverfroren leugnet. Ansonsten setzt man auf Nebelpetarden und «Whataboutism». Diese postsowjetischen Taktiken sind extrem effektiv, und wir sind nicht gewappnet. So hat Boris Johnson erst jetzt eine Anzeige am Hals für die Täuschung der Öffentlichkeit – bewusstes Lügen im Amt während der Brexit-Kampagne.

Wo bleibt die viel beschworene Vaterlandsliebe der Brexiteers?
Ha! Die einen sind zynisch, geldversessen, benutzen den Nationalismus nur als Verblendungswerkzeug. Geschäftsleute wie Arron Banks spendeten Unsummen für die «Leave EU»-Kampagne. Die Herkunft seiner Gelder wird derzeit untersucht, er hat viele Russland-Connections. Überhaupt taucht der Name Putin im Umfeld der Brexit-Kampagne häufig auf. Auch US-Milliardär und Trump-Unterstützer Robert Mercer hat Ukip dick alimentiert. ­Andere wie der erzkonservative Jacob Rees-Mogg glauben ernsthaft, dass ein Engländer 27 Europäer wert ist. Irre! Da brodelt ein «English Exceptionalism»: die Idee, man könne hemmungslos mit der extremen Rechten flirten, weil ein Hitler nur im Ausland möglich sei; man könne den Diskurs mit Hass und Angst vergiften, denn rassistische Gewalt wüte nur anderswo. Das ist Arroganz, Dummheit und Berechtigungsdenken.

Aber die Arbeitslosigkeit ist seit 2016 zurückgegangen.
Das täuscht. Viele haben Minipensen, sind Working Poor und leben unter dem Existenzminimum. Ihre Kinder hungern. Sozialleistungen wurden oft gestrichen, das hübscht die Statistik auf. Aber die Leute durchschauen das. Es gab in der Bevölkerung nie mehr als 35 Prozent Brexiteers.

Aber sie haben gewonnen!
Viele dachten, diese Verrücktheit werde sowieso versenkt, und gingen nicht wählen. Und eben: Politiker und Murdoch-Medien belogen das Volk. Dabei hängen wir vom EU-Handel ab, produzieren ja selbst nichts mehr und brauchen Fachkräfte aus dem Ausland, weil wir nicht in die Bildung investieren. Unser EU-Nutzen kam leider nie gross aufs ­Tapet. Stattdessen pflegte man den Mythos vom Jobdiebstahl, obwohl Immigranten Wirtschaftswachstum bedeuten. Das beweist jede Statistik. Ich vermute, dass für die Schweiz auch das Rahmenabkommen sehr von Vorteil wäre – und eine Stärkung der EU-Regeln durch die Schweiz wäre gut für die ganze Welt.

«Findet die eigene Stimme mehr Gehör als die anderer, muss man sie nutzen, um zu helfen.»

Wieso sind die Schotten ­EU-freundlich?
Wir haben ein besseres Bildungs- und Sozialsystem als England. Bildung hatte stets einen hohen Stellenwert und ist auch armen Kindern zugänglich, so wissen Schotten besser Bescheid. Das Empire rekrutierte einst Schotten als faktenorientierte Beamte. Nach einem harten Brexit wird Schottland sofort alles tun, um in der EU zu bleiben. Schade, dass ich mir keinen Zweitwohnsitz in meiner Heimat leisten kann und mein Partner beruflich an London, diesen Moloch, gebunden ist. Immerhin: Die Demonstrationen dort machen riesig Spass!

Gehen Sie oft hin?
Aber klar! 2018 etwa zur Anti-Trump-Demo mit dem aufblasbaren Trump-Baby und jüngst zum Anti-Brexit-Marsch. Wir schlagen sie mit Musik, Witz und unserer starken Gemeinschaft. Man erlebt, dass man gar nicht so einsam dasteht, wie es die Medien suggerieren, die gern Storys von Machtlosigkeit und Verzweiflung erzählen. Ich werde für die Schwachen kämpfen, immer!

Das tun Sie auch in Zeitungs­artikeln und Kabarettauftritten.
Findet die eigene Stimme mehr Gehör als die anderer, dann muss man sie nutzen, um anderen zu helfen.

Haben Literaten einen ­politischen Auftrag?
Es gibt gar keine unpolitische Kunst, nur unreflektierte Standpunkte. In Schreibkursen lehre ich daher, zuerst die eigene Moralität unter die Lupe zu nehmen. Den Wunsch, nützlich zu sein, spüre ich besonders, wenn ich für Kinder schreibe, wie die «Onkel Stan und Dan»-Bücher – die ich nun mit Schweizer Kindern anschaute. Ursprünglich sollten diese Bücher meine Patenkinder darin unterstützen, sich weniger zu sorgen, unterschiedlichste Freundschaften zu pflegen, stets offen zu bleiben; Albernheit zuzulassen, nett zu Tieren zu sein. Am vierten «Onkel Stan»-Band arbeite ich gerade. Meine Erwachsenenbücher vermitteln hoffentlich das Gefühl, dass man nicht allein ist mit seinem Kram, und befreien die Leser temporär aus ihrem Gedankenkerker. Ich selbst begann fünfjährig mit obsessivem Lesen.

Sie engagieren sich. Heute jedoch wehren sich beispielsweise schwarze ­Autorinnen gegen weisse, die über Schwarze schreiben – und sei es aus Solidarität.
Das viel diskutierte Thema ist «Appropriation». «Aneignung» heisst, sich etwas von jemandem zu krallen, ohne zu zahlen – aber richtige Literatur tut das nicht.

Was ist denn richtige Literatur?
Sie darf keine Personen aus dem echten Leben leicht variiert abkupfern: Das wäre stehlen. Oder schlechter Journalismus. Ich selbst recherchiere für jeden ­Roman drei Jahre, bevor ich mit dem Schreiben starte. Während der Zeit schaffe ich völlig fiktionale Personen, die organisch ins Buch passen und nicht geklaut und zurechtgebügelt wurden. Interessiert mich etwa eine Beamtenfigur, sammle ich Daten dazu, vom Jargon übers Einkommen bis zur typischen Wohnsituation, und entwickle die Person. Schreiben und Lesen heisst, die Einbildungskraft zu nutzen: ein Training auch für produktive Politik. In Fiktionen schreibst du über jemanden, der nicht du ist: Das ist nicht per se Diebstahl. In der Literatur wird man so spezifisch, sie ist so individuell geartet, dass sie dadurch universell wird. Genau das ist ja ihre Qualität.

Ist Universalismus nicht ein eurozentrisches Konzept?
Wer das glaubt, hat ein Problem. Es stimmt, dass etwa weisse Frauenrechtlerinnen sich einst von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung lösten. Auch innerhalb des Feminismus werden verschiedene benachteiligte Gruppen teilweise gegeneinander ausgespielt. Dabei fussen doch alle Bürgerrechte darauf, dass menschliche Wesen menschliche Wesen sind, ob Mann, Frau, farbig, weiss oder LGBT. Es gilt: «Ich bin was auch immer – und ein Mensch!» Klar: Man muss sorgfältigst recherchieren und so schreiben, dass das fiktionale ­Individuum – Literatur erzählt prinzipiell nur von Einzelfällen! – lebt. Dass man in dessen Sicht hineinschlüpfen kann. Kurz: Man muss gut schreiben. Schreibst du aus einer Position, die besagt, Weisse und Schwarze seien so radikal verschieden, dass sie nicht Figuren anderer Hautfarbe erfinden dürfen, dann bist du ein fucking Rassist!

Erstellt: 09.04.2019, 11:16 Uhr

Vielgleisig unterwegs

Die in Schottland aufgewachsene 53-jährige Romancière, Kinderbuchautorin, Comedian und Publizistin A. L. Kennedy, die einst auch in Sozialprojekten tätig war, lebt in der Nähe von London. Zuletzt erschienen von ihr auf Deutsch das Kinderbuch «Onkel Stan und Dan und das ungeheuerlich ungewöhnliche Abenteuer» (Orell Füssli 2019) sowie der Roman «Süsser Ernst» (Hanser 2018). (ked)

Artikel zum Thema

Nun verlagert sich das Brexit-Drama nach Brüssel

Am Mittwoch fällt die Entscheidung, ob die Briten noch in dieser Woche die EU verlassen werden. Die Franzosen haben keine Geduld mehr. Mehr...

May bittet um weiteren Brexit-Aufschub

Die britische Premierministerin will einen EU-Austritt ohne Deal vermeiden. Gleichzeitig streckt sie die Hand in Richtung Opposition aus, um einen Kompromiss zu finden. Mehr...

Ein Brexit ohne Deal ist erschreckend realistisch

Analyse Premierministerin Theresa May hat sich ihren Jägern selbst als Opfer angeboten. Doch die haben eine fettere Beute vor Augen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...