Gewalt, Korruption und Menschenverachtung

Krimi der Woche: Nachtschwarz und gnadenlos brutal: Benjamin Whitmers «Im Westen nichts» setzt Massstäbe für moderne Noir-Romane.

Gewalt, Korruption und Menschenverachtung: Der frühere Drogenhändler Pike macht sich in Benjamin Whitmers «Im Westen nichts» auf die Suche nach der Todesursache seiner Tochter.

Gewalt, Korruption und Menschenverachtung: Der frühere Drogenhändler Pike macht sich in Benjamin Whitmers «Im Westen nichts» auf die Suche nach der Todesursache seiner Tochter. Bild: Joshua Mork/Simon & Schuster

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Der erste Satz:
«Der linke Arm des Kindes ragt aus dem schmutzigen Schnee wie ein abgebrochenes schwarzes Streichholz.»

Das Buch:
«Im Westen nichts» – der Titel ist frech. Oft sind deutsche Titel fremdsprachiger Krimis ja eher peinlich in ihrem Bemühen, aufregend zu klingen. Weit weg vom Originaltitel ist zwar auch dieser, aber er ist genial. «Pike» heisst der Debütroman des Amerikaners Benjamin Whitmer im Original, das ist der Name der Hauptfigur. Schon zuvor ist der zweite Roman von Whitmer, «Cry Father», auf Deutsch erschienen («Nach mir die Nacht», 2016): Country noir der gnadenlos harten Art. Fast noch einen Zacken brutaler kommt der nun nachgereichte Vorgänger daher. Angesiedelt ist er zeitlich Mitte der 1980er-Jahre und geografisch im Grenzgebiet von Kentucky und Ohio, wo die Ausläufer der Appalachian Mountains auf die Industriestadt Cincinnati treffen.

Pike ist ein in die Jahre gekommener früherer Drogenhändler, Räuber und wohl auch Mörder, der sich bemüht, seine Dämonen, so gut es geht, im Griff zu haben. Zusammen mit seinem jungen Kumpel Rory, der Profiboxer werden will, hält er sich in einer Kleinstadt in Kentucky mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Bis er eines Tages die 12-jährige Wendy aufnehmen muss, seine Enkelin. Mit seiner Tochter Sarah, Wendys Mutter, hatte er schon lange keinen Kontakt mehr; sie prostituierte sich auf dem Drogenstrich in Cincinnati und ist jetzt tot. Überdosis, erklärt die Überbringerin von Nachricht und Enkelin. In der gleichen Zeit taucht Derrick in der Stadt auf, ein übel beleumdeter Cop aus Cincinnati, der eben suspendiert wurde, weil er einen schwarzen Jungen in den Rücken geschossen und damit Krawalle ausgelöst hatte. Er interessiert sich sehr für Wendy, und Pike nimmt an, dass er ihre Mutter gekannt hat. Er fragt sich, ob die Geschichte mit der Überdosis stimmt, vermutet, dass da mehr dahintersteckt. Zusammen mit Rory geht er darum den Spuren seiner Tochter nach. Dabei werden nicht freundlich Fragen gestellt; Pike und Rory machen keine Gefangenen, sondern gehen mit nackter Brutalität zur Sache.

Benjamin Whitmer nimmt uns in kalten Winternächten mit auf eine Reise durch die Finsternis der Stadt, wo er seine Protagonisten auf den Bodensatz der Gesellschaft prallen lässt. Er erzählt mit kraftvollen Bildern, welche der Geschichte mehr Schwärze als Farben verleihen: «Der Himmel über ihren Köpfen sieht aus, als hätte jemand über die Stadt gekotzt.» Es gibt dazwischen auch Lichtblicke, nur winzig kleine zwar, wenn man im gespannten Verhältnis zwischen dem abgebrühten Pike und der raubeinigen Wendy einen zarten Hauch von Zuneigung spürt.

«Im Westen nichts» ist Hardcore noir. Gewalt, Korruption und Menschenverachtung sind alltägliche Auswüchse einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Auch wer hier lebend rauskommt, bleibt nicht unversehrt. Benjamin Whitmer setzt mit seinem Debüt Massstäbe für das moderne Noir-Genre, die er inzwischen auch mit seinem zweiten Roman unterstrichen hat. Er ist auf dem besten Weg, ein moderner Nachfolger des grossen amerikanischen Noir-Meisters Jim Thompson (1906–1977) zu werden.

Die Wertung:

Der Autor:
Benjamin Whitmer, geboren 1972, wuchs in Zurück-zur-Natur-Kommunen und Gegenkultur-Enklaven zwischen Süd-Ohio und Uptstate New York auf. Als Kind war er viel mit seiner Mutter per Autostopp unterwegs. Er brach die Highschool ab, war Hausbesetzer und arbeitete unter anderem als Fabrikarbeiter, Staubsaugervertreter, Tellerwäscher, College-Lehrer und technischer Redaktor. Er veröffentlichte Sachbücher sowie Geschichten in Zeitschriften und Anthologien. Sein erster Roman «Pike» («Im Westen nichts») erschien 2010, sein zweiter Roman «Cry Father» (2014) ist bereits vorher auf Deutsch erschienen («Nach mir die Nacht», Polar, 2016). Whitmer lebt mit seinen zwei Kindern in Colorado.

Benjamin Whitmer: «Im Westen nichts» (Original: «Pike», PM Press, Oakland, 2010). Aus dem Amerikanischen von Len Wanner. Polar-Verlag, Hamburg 2017. 242 S., ca. 21 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 09:58 Uhr

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