Gewalt und Leidenschaft am Wüsten-Highway

Krimi der Woche: In seinem Erstling «Desert Moon» erzählt James Anderson virtuos eine packende Geschichte über Liebe und Verlust in der Wüste von Utah.

James Anderson hat bereits einen Verlag gegründet und geleitet, Dokumentarfilme koproduziert und als Holzfäller gearbeitet. Nun hat er sein erstes Buch geschrieben.

James Anderson hat bereits einen Verlag gegründet und geleitet, Dokumentarfilme koproduziert und als Holzfäller gearbeitet. Nun hat er sein erstes Buch geschrieben. Bild: zVg

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Der erste Satz

Eine rote Sonne balancierte auf dem Horizont, als ich beim Well-Known Desert Diner ankam.

Das Buch
Ben Jones, Ende 30, ist als «abgebrannter jüdisch-indianischer Trucker» Tag für Tag auf der State Road 117 in Utah unterwegs. Als Inhaber von Ben’s Desert Moon Delivery Service versorgt er die Bewohner dieser Wüstengegend mit allem, was sie brauchen. Es sind «lange, stinknormale Tage, an denen dir nur ein alltägliches Wunder die Langeweile aus dem Gesicht gewischt hätte».

Jones ist der Icherzähler im Noir-Roman «Desert Moon», in dem der US-Autor James Anderson den scheinbar langweiligen Trucker-Alltag in der Wüste derart packend beschreibt, dass er einen von der ersten Seite an fesselt. Die Wüstenbewohner sind nicht gesellig, aus irgendeinem Grund wohnen sie ja abseits anderer Menschen. Ben Jones gibt sich zwar nicht neugierig, aber er weiss einiges über seine Kunden. Der fast 80-jährige Walt Butterfield hält sein Well-Known Desert Diner, obwohl seit Jahrzehnten geschlossen, ebenso in Schuss wie seine Sammlung alter Motorräder. In den 1970ern ist hier ein Verbrechen geschehen, dessen Folgen sich bis in die jetzige Zeit auswirken. In alten Eisenbahnwagen hausen zurückgezogen zwei seltsame Brüder. Und John, der vom Sünder zum Prediger wurde, schleppt ein drei Meter hohes Holzkreuz die Strasse entlang durch die Wüste.

Als Ben am Highway seiner drückenden Blase Erleichterung verschaffen will, wird er von einer Frau überrascht, die sich offenbar in einem verlassenen Haus hinter einem Hügel versteckt. Der Trucker beobachtet sie durchs Fenster, wie sie auf einem Cello ohne Saiten «spielt». Bei seinem ersten Versuch, sie kennen zu lernen, empfängt sie ihn mit einer Waffe. «Natürlich hatte ich nicht vor, mich erschiessen zu lassen. Aber wenn ich mir einen Schützen hätte aussuchen dürfen, wäre sie meine erst Wahl gewesen.» So beginnt eine Liebesgeschichte. Claire, die Cellistin, versteckt sich vor ihrem Mann, mit dem sie in einem Scheidungskrieg steckt, erfährt Ben. Aber irgendwas scheint sie auch mit Walt Butterfield zu tun zu haben. Und plötzlich tauchen dubiose Fremde auf der State Road 117 auf. Ben findet sich unversehens inmitten eines Konflikts, der tödliche Folgen hat.

«Desert Moon» ist eine grossartige Geschichte über Liebe und Verlust, über Gewalt und Leidenschaft. James Anderson, der diesen Erstling mit rund 60 Jahren veröffentlichte, ist ein virtuoser Erzähler, der leise Töne, Humor und Gewalt in eine perfekte Harmonie bringt. Man wundert sich, wenn man in seiner Dankesnotiz am Ende des Buches liest, dass er dafür viele Absagen erhalten habe, und fragt sich, wie jemand zu einem so starken Manuskript Nein sagen kann.

Im Januar 2018 ist in den USA die Fortsetzung «Lullaby Road» erschienen. Man freut sich auf mehr vom schweigsamen Einzelgänger, der auf die Bemerkung des Predigers, er verbringe zu viel Zeit allein, antwortet: «Glaubst du, daran würde sich etwas ändern, wenn ich mehr Zeit mit anderen verbringen würde?»

Die Wertung

Der Autor
James Anderson, geboren etwa Anfang/Mitte der 1950er (genauer Jahrgang unbekannt) in Seattle, Washington, ist in Oregon und im pazifischen Nordwesten der USA aufgewachsen. Er machte seinen Bachelor in Amerikanistik am Reed College in Portland, Oregon, und den Master in Creative Writing am Pine Manor College in Boston, Massachusetts. Mit 19 veröffentlichte er zum ersten Mal ein Gedicht in einer Literaturzeitschrift; in der Folge publizierte er weitere Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, Rezensionen und Interviews in verschiedenen Zeitschriften. 1974, noch während des Studiums, gründete er den Verlag Breitenbush Books, den er bis 1991 als Verleger und Cheflektor leitete. Von 1995 bis 2002 war er Co-Produzent von Dokumentarfilmen, darunter der preisgekrönte Film «Tara’s Daughters» mit Susan Sarandon als Erzählerin über tibetische Flüchtlingsfrauen. Er arbeitete unter anderem auch als Holzfäller, professioneller Fischer und kurz als Trucker. «The Never-Open Desert Diner» (Deutsch: «Desert Moon») ist James Andersons erster Roman; er erschien 2015 im Kleinverlag Caravel Mystery Books und wurde 2016 vom Grossverlag Crown Publishers übernommen. Im Januar 2018 erschien in den USA «Lullaby Road», der zweite Band der geplanten Trilogie. Anderson lebt in Ashland, Oregon, und in der «Four Corners»-Region im Südwesten der USA, wo die Bundesstaaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aufeinandertreffen – das einzige Vierländereck in den USA.

James Anderson: «Desert Moon» (Original: «The Never-Open Desert Diner», Caravel Mistery Books, New York 2015). Aus dem Englischen von Harriet Fricke. Polar, Stuttgart 2018. 344 S., ca. 25 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2018, 13:36 Uhr

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