Gibt es ein Leben nach dem Terror?

Philippe Lançon wurde beim Attentat auf «Charlie Hebdo» der Unterkiefer weggeschossen. Über die Zeit der Heilung hat er ein Buch geschrieben.

«Ich durfte dem erfahrenen Grauen nicht die Ehre einer Wut oder Schwermut erweisen»: Philippe Lançon, Autor von «Der Fetzen». Foto: Annette Hauschild

«Ich durfte dem erfahrenen Grauen nicht die Ehre einer Wut oder Schwermut erweisen»: Philippe Lançon, Autor von «Der Fetzen». Foto: Annette Hauschild

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Unglaublich, was Chirurgie alles kann. Ein kleiner Spalt in der Unterlippe, ansonsten wirken Mund- und Kinnpartie fast ebenmässig. Gut, Philippe Lançon hat sich einen grau melierten Bart wachsen lassen, der die transplantierte Hautpartie verdeckt, die seinem Buch den Titel gab: «Der Fetzen». Trotzdem ist kaum vorstellbar, wie dasselbe Gesicht am 7. Januar 2015 aussah: «Anstelle des Kinns und der rechten Seite meiner Unterlippe klaffte nicht etwa ein Loch, sondern ein Krater aus zerstörtem, herabhängendem Fleisch.»

Philippe Lançon sass inmitten von Blut und Leichen, entdeckte sein Gesicht im spiegelnden Display seines Handys und wunderte sich, warum ihn die weinende Sigolène nicht verstand, eine Kollegin, «die erste lebendige und unversehrte Person, die vor mir auftauchte, die erste, die mich spüren liess, wie sehr alle, die sich mir künftig näherten, von einem anderen Stern kamen – dem Stern, auf dem das Leben einfach weitergeht».

Mittlerweile musste Philippe Lançon selbst wieder heimisch werden auf diesem Stern. Er ist vor einem Jahr Vater geworden, er arbeitet wieder und hat dieses Buch veröffentlicht. Lançon sitzt hoch über Berlin, nippt an seinem Tee und sagt: «Man gewöhnt sich an alles – aber das bedeutet im Grunde: Man gewöhnt sich daran, sich an nichts gewöhnen zu können.» Nach dem Satz klackt Lançon hart die Kiefer aufeinander. Dann sagt er ganz nüchtern: «Mein Leben von vorher gibt es nicht mehr.» Und wieder die klackenden Kiefer, es klingt wie ein Holzbein, jeder Satz ein Schritt mit der neuen Prothese, den elf künstlichen Zähnen.

Kritisches Selbstbild

Philippe Lançon arbeitet als Autor seit vielen Jahren für «Libération» und «Charlie Hebdo», und er hat in seinem früheren Leben drei Romane veröffentlicht. Seinen Bericht durchzieht ein ganz elementares Gefühl: Seine kubanische Ex-Frau fragte eines Abends vor einer der 17 Operationen, wie es ihm gehe: «Cómo estás?» Seine Antwort: «Estoy.» Ich bin. Im Sinne von: Ich bin gerade da, in diesem Zimmer. Jetzt. Mehr nicht.

Genau aus dieser freiwilligen Perspektivreduktion heraus erwächst die Schönheit dieses Buches, das in Frankreich wochenlang die Bestsellerliste anführte. Es berichtet zunächst von den letzten Stunden vor dem Attentat: von einem Theaterbesuch am Abend, von den Morgenritualen (Gymnastik, während im Radio Michel Houellebecq über seinen gerade erschienenen Roman «Unterwerfung» spricht) und von dem spontanen Entschluss, kurz in der Redaktionskonferenz vorbeizuschauen. Lançon zeichnet hier kein sympathisches Bild von sich selbst, er erscheint auf diesen Seiten als unduldsam, arrogant, prätentiös. «So war ich eben», sagt Philippe Lançon jetzt, «leider.»

Wie Kugeln im Wachs

Das Attentat wird dann auf 40 Seiten mit einer Genauigkeit beschrieben, allein schon derentwegen sich die Lektüre lohnt. Lançon war die gesamte Zeit bei Bewusstsein, zugleich dissoziiert und mit schockgeweiteter Wahrnehmung. Alle Bilder und Empfindungen dringen in sein Gedächtnis ein wie eine Salve Schrotkugeln in eine Wachsplatte: die Hosenbeine der Attentäter. Der «Allahu akbar»-Schrei nach jeder Salve. Die Zähne, die plötzlich in seinem Mund herumschwimmen.

Und doch, so wird er später feststellen, stimmen seine Erinnerungen nicht überein mit den Berichten anderer Überlebender. Sigolène, die weinende Kollegin, wird die erwähnte Handyszene ganz anders zu Protokoll geben. «Ich ertrage diese Verwirrung noch immer nicht», schreibt er drei Jahre später. «Die Tatsachen sind das einzige Gepäck, das ich auf die folgende Reise gern mitgenommen hätte; doch wie alles Übrige verformen sie sich unter dem Druck.»

Deshalb wird er, während seine Chirurgin sich daranmacht, sein Gesicht zu rekonstruieren, parallel dazu versuchen, schreibend seine Identität zurückzugewinnen.

Weinen kann Philippe Lançon immer nur, wenn er die Namen der ermordeten Kollegen sagt.

Die folgenden 400 Seiten spielen denn auch ausschliesslich in den Spitalräumen, erst in der Gesichtschirurgie des Hôpital de la Pitié-Salpêtrière, dann im Hôpital des Invalides. Das, was er jeweils erlebt, Tag für Tag, aus der Perspektive des Schwerverletzten. Kein Radio und kein Fernsehen. Nichts über die Attentäter oder über das Land da draussen, kaum Zeitung oder Internet, nur das Zimmer und die Pfeiler seines neuen Alltags: die Operationen und die sorgsame Arbeit der Schwestern, Pfleger und seiner Chirurgin Chloé, einer in ihrem humanen Stoizismus zutiefst beeindruckenden Frau.

Die Besuche und Mails der Freunde, der Geliebten, der 81-jährigen Eltern. Und die Literatur. Lançon widerspricht: «Es war nicht ‹die Literatur›», sagt er, «es waren Stellen aus einzelnen Werken, Kafkas Briefe an Milena, die Seite aus Prousts ‹Recherche›, in der die Grossmutter stirbt, eine ‹Zauberberg›-Passage.» Diese Texte liest er wieder und wieder, wie Mantras, Sprachmedizin, eine eiserne Ration.

Beten mit Bach

Dann Musik: Bill Evans. Und immer wieder Bach. Goldberg-Variationen. Kunst der Fuge. Lindernd, ruhig, klar wie Wasser. Als ein Priester kommt und den Atheisten Lançon fragt, ob er nicht beten wolle, erklärt der ihm, «dass ich derzeit mit Bach und Kafkas Hilfe bete: Der eine schenke mir Frieden, der andere eine Form der Bescheidenheit und ironischen Unterwerfung unter die Angst.»

Seine Strahlkraft gewinnt «Der Fetzen» ebenfalls aus der fundamentalen Einwilligung des Patienten Lançon in alles, was ihm widerfahren sollte. «Ich durfte dem erfahrenen Grauen nicht die Ehre einer Wut oder Schwermut erweisen, die ich in leichteren, künftig vergangenen Tagen so gern an den Tag gelegt hatte.» Weinen muss er, der seine eigenen Schmerzen, Operationen, Rückschläge geduldig erträgt, nur jedes Mal dann, wenn er die Namen seiner ermordeten Kollegen sagt oder schreibt.

Zwischen zwei Attentaten

Fünf Monate nach dem Attentat spielte der Pianist Alexandre Tharaud einen Nachmittag lang für Lançon. Es kommt im Buch nicht vor. «Es war ein so aussergewöhnlich schöner Tag, dass ich damit hätte enden müssen», sagt er und reibt sich über den Kiefer, der früher Teil seines Wadenbeinknochens war. «Aber das hätte alles verfälscht. Es gab kein Happy End.»

Und so endet dieses Buch am 13. November 2015 in New York, er spaziert gerade mit seiner Freundin in der Nähe des 9/11-Memorial durch den Spätnachmittag, als sie die ersten Grauensnachrichten erreichen: Stade de France, Bataclan. «Ich zwischen diesen beiden Attentaten», sagt er jetzt ruhig, wie jemand, der GPS-Daten abliest. «Ich im Schatten der nicht mehr vorhandenen Türme, mit deren Zerstörung der Wahnsinn anfing. Das ist nun mal die Welt, in der ich lebe.»

Philippe Lançon: Der Fetzen. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Tropen, Stuttgart 2019. 551 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 27.03.2019, 14:03 Uhr

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