Goethes Pfad führt nach innen

Adolf Muschg blickt in «Der weisse Freitag» auf die zweite Schweizreise des Dichters – und fragt sich, inwiefern das Leben gelingen kann.

Historischer Stätte: Im Spätherbst 1779 wagte der 30-jährige Goethe die Überquerung des Furkapasses. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Historischer Stätte: Im Spätherbst 1779 wagte der 30-jährige Goethe die Überquerung des Furkapasses. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Den Dichter Goethe begreifen und bewundern wir als Gestalter eines besonderen Kunstwerks: des eigenen Lebens. Und das nicht erst seit Rüdiger Safranskis Biografie. Genau hier setzt auch Adolf Muschgs erneute Auseinandersetzung mit dem grossen Kollegen an – den er schon als «Fluchthelfer», «Emigranten» und «Grünen» porträtiert hat und in einem früheren Büchlein über Goethes drei Schweizreisen als einen, «der auszog, das Leben zu lernen». Die neue «Erzählung vom Entgegenkommen» nimmt sich noch einmal der zweiten Reise an, unternommen 1779 in Begleitung seines Herzogs, dem er zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren diente.

1779 war Goethe 30, ein noch junger Mann (der Herzog noch jünger: 22) – Adolf Muschg ist 82, sein Lebenshorizont, das weiss er spätestens seit einer Krebsdiagnose, begrenzt. Hat er zu leben gelernt? Und sollte sich das Gelernte nicht gerade am Ende, den Tod vor Augen, als tauglich erweisen? Diese Frage durchzieht die «Erzählung». Formal ist sie eher ein Hybrid von literarischer Fantasie, autobiografischem Innehalten und germanistischer Deutung – Muschg war nicht umsonst jahrzehntelang ­Professor an der ETH.

Anstrengend für Flachländer

Das Ganze ist gehalten in jenem Spätstil des Autors, der schon die Romane der vergangenen Jahre prägte. Er zeichnet sich aus durch eine Neigung zu Verdichtung und Überdetermination einerseits, zur ausgiebigen Assoziation und Abschweifung andererseits. Kein Bezug, kein Zitat, das in Muschgs imponierendem Gedächtnis auf Verwendung wartet, wird links liegen gelassen (leider auch kein Kalauer). Es ist ein manieristischer Stil, der Romanen wie «Kinderhochzeit», «Sax» und «Die japanische Tasche» nicht immer guttat, dem hybriden «Weissen Freitag» aber weitaus ­besser bekommt.

Der titelgebende Freitag ist der 12. November 1779, als Goethe mit Carl August, dem Diener Hermann und zwei einheimischen Führern, deren Namen nicht überliefert sind, den Furkapass überquerte, auf immerhin 2429 Meter Höhe. Im Spätherbst ein anstrengendes Unternehmen, zumal für Flachländer; der Schnee lag kniehoch; es gab keine präparierten Winterwanderwege und schon gar nicht die heute in den Schweizer Alpen allgegenwärtigen Wegweiser und Markierungen. Andrerseits kannten die Führer, die zwecks Ziegenfellhandel regelmässig über den Pass gingen, die Passage gut, und sie hatten ihre Gäste im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit genau gemustert.

Gar so dramatisch war die Sache also nicht, und dass Goethe mit der Winterüberquerung «als Versucher seines Fürsten und seiner selbst in Gottes Namen den Teufel herausgefordert» habe, scheint, um Muschg zu überkalauern, an des Teufels drei goldenen Haaren herbeigezogen zu sein. Die Gewalttour als Probe seines Dienstherrn auf Verlässlichkeit? Als Grundlage für die Entscheidung, sein Leben ganz in Weimar zu verbringen, sich tätig dem Gemeinwesen zu widmen, immer in Gefahr, sich selbst verloren zu gehen? Kann sein, kann man so sehen. Zwingend ist das nicht, aber eine Spekulation, die einer literarischen Form erlaubt ist. An die Geschmacksgrenze und darüber hinaus gehen dagegen die Spekulationen in eroticis, deren Wiedergabe wir uns hier ersparen.

Muschgs neue Goethe-Schrift beeindruckt weniger durch Thesen und Beweise als durch etwas, was man Beschwörung nennen möchte: Beschwörung des grossen Vorgängers als Retter. Als Retter wovon, wovor? Die Antwort ist anspruchsvoll: «Er hat das Zeug zum Lebensretter für die menschliche Zivilisation, ohne es darauf angelegt zu haben.» Denn diese Zivilisation tut alles, «die Tatsachen zu schaffen, die seine (Goethes) Ahnungen bestätigen», als da beispielsweise sind Naturzerstörung, spekulative Geldwirtschaft, technologischer Gigantismus.

Heilsame Reflexionen

Dass die Menschheit durch Goethe-Lektüre nicht zu Einsicht und Einkehr kommt, ist zu befürchten. Dem Einzelnen, hier dem Autor, kann sie hingegen zu heilsamer Reflexion verhelfen. Ein Vorbild ist Goethe für Adolf Muschg auch in der Art, wie er gegen «den Fluch der schwindenden Zeit» die Mittel der Kunst setzt. Eines dieser Mittel ist «die Befassung mit der Einzelheit, als wäre sie das Ganze». Und so befasst sich Muschg – und befasst uns – mit den Details seines Alltags, der nächsten Umgebung: des verkleinerten Wohnsitzes in Männedorf, des (nicht ganz) japanischen Gartens, der dort aufgestellten Spiegel, einer Amsel, die in einen dieser Spiegel hineinpickt.

Dazu gehören auch unerquickliche medizinische Details – Diagnostik in der Röhre mit kaum zu bändigendem Harndrang, Bestrahlung durch ein Gerät, das er «Vogel Rock» nennt. Vor allem aber schweift der Blick des alten Mannes, inspiriert und provoziert durch Goethes Lebenskunst, zurück auf sein eigenes Leben, das sich so gar nicht zum Kunstwerk runden will.

Der Blick trifft auf Versäumnisse anderer an ihm, eigene Versäumnisse an anderen, auch den Nächsten. Die seelischen Entbehrungen eines Jungen tauchen auf – sie werden nur angetippt, Muschg ist nicht wehleidig –, dessen Vater früh starb, dessen Mutter depressiv war und der sich unter den viel älteren Stiefgeschwistern als störender «Rest von Familiengeschichte» fühlte.

«Ich habe nicht gelernt, mein Leben zu geniessen, eher es zu rechtfertigen», schreibt Muschg und erinnert an die Beschädigungen durch eine Religion, mit der die Mutter dem Kind «die Hölle heiss» gemacht hatte. «Das meiste, was ich an empfohlener Lebens-Form vorfand, war nicht tragfähig», konstatiert er. Stattdessen eine eigene gefunden zu haben: das ist Hoffnung, nie Gewissheit. Immerhin gibt es Momente, an denen «ihm die Welt grundlos auf- und eingeleuchtet hat»; das kann auch einmal eine Passantin mit einem Mops sein.

Diese Passagen der Rückschau und des Blicks auf das unweigerlich Bevorstehende – «Den Weg, den du jetzt gehst, gehen alle, aber du zum ersten Mal» – liest man beeindruckt und bewegt. Aus der x-ten Annäherung an Goethe ist tatsächlich, wie der Verlag verkündet, «Muschgs persönlichstes Buch» geworden. Nicht sein schlechtestes.

Adolf Muschg: Der weisse Freitag. Erzählung vom Entgegenkommen. C. H. Beck, München 2017. 252 S., ca. 32 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2017, 19:11 Uhr

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