Grand Prix für Zsuzsanna Gahse

Das Bundesamt für Kultur übergibt morgen Abend in Bern seine literarischen Auszeichnungen an Autorinnen und Vermittler.

Sie gilt als Vertreterin der «Literatur mit Migrationshintergrund»: Zsuzsanna Gahse. Die Autorin wurde in Budapest geboren, floh nach Wien und lebt heute im Thurgau.

Sie gilt als Vertreterin der «Literatur mit Migrationshintergrund»: Zsuzsanna Gahse. Die Autorin wurde in Budapest geboren, floh nach Wien und lebt heute im Thurgau. Bild: Keystone

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Unter den vielen Preisen, die das Bundesamt für Kultur (BAK) an Schweizer Autoren verteilt, ragen seit einigen Jahren zwei als «Grand Prix» bezeichnete heraus, auch durch die höhere Dotierung (40'000 Franken): der für Literatur und der Spezialpreis für Vermittlung / Übersetzung. Letzterer geht dieses Mal an zwei Institutionen, die sich unstreitig höchste Verdienste im innerschweizerischen Literaturtransfer (aber nicht nur diesem) erworben haben: das Übersetzerhaus Looren und das Centre de Traduction Littéraire in Lausanne.

Der Grand Prix Literatur geht laut Satzung an eine «Persönlichkeit, die sich auf einzigartige Weise für die Schweizer Literatur einsetzt». Es erhielten ihn bisher Adolf Muschg, Alberto Nessi, Pascale Kramer und Anna Felder. 2019 hat sich die überwiegend aus Universitätsdozenten bestehende Jury für Zsuzsanna Gahse entschieden. Das ist nicht unbedingt eine naheliegende Wahl, aber man kann darin durchaus die Würdigung eines Lebenswerks sehen, und das BAK folgt damit einigermassen konsequent seinem Kurs, erstens auf die Vielsprachigkeit der Schweiz zu achten und zweitens eher das weniger Bekannte etwas bekannter zu machen, als das Herausragende zu belohnen (Muschg ist hier die Ausnahme, die die Regel bestätigt).

Zsuzsanna Gahse ist 1946 in Budapest geboren, ihre Familie floh 1956 nach Wien. Sie lebte viele Jahre dort, in Kassel und in Stuttgart, bevor sie 1998 nach Müllheim im Thurgau zog, wo sie heute noch wohnt. Sie übersetzt aus dem Ungarischen (Istvan Eörsi, Péter Esterhazy, Péter Nadas) und schreibt seit den 1970er-Jahren überwiegend kürzere Texte, die sich zwischen Poesie und Prosa bewegen. Rund 40 Publikationen sind seit 1983 erschienen, überwiegend in kleinen Verlagen, zuletzt 2017 «Siebenundsiebzig Geschwister» in der Wiener Edition Korrespondenzen.

Sie bemerkt, was Muttersprachlern nicht auffällt

Im weitesten Sinn gehört sie zu der «Literatur mit Migrationshintergrund», die die Schweizer Kultur in den letzten Jahrzehnten enorm bereichert hat (man denke nur an Agota Kristof, Ilma Rakusa oder Melinda Nadj Abonji). Bei einer Autorin, die seit einem halben Jahrhundert auf Deutsch schreibt, wirkt dieses Etikett allerdings ein bisschen absurd.

Spürbar ist dieser «Hintergrund» indes in einem durch unvermindertes Staunen geprägten Interesse an der Sprache selbst. Wer sich eine ursprüngliche Fremdheit erhalten hat, bemerkt, was den Muttersprachlern noch nie aufgefallen ist. Daraus entstehen dann Sätze wie: «Was heisst Abendland. Abends schliesst jeder die Augen.» Oder «Dieses Zimmer war ein Fisch», eine Metapher, die über den Umweg Zimmer – hall (englisch) – hal (ungarisch = Fisch) entstanden ist. Oder es entsteht die Assoziationskette Migros – Migration – Migräne.

Es ist viel Freude am Spiel in Zsuzsanna Gahses Literatur, die mit den Worten beginnt (so lautet der erste Satz ihres ersten Buches «Zero»): «Es ist schön, das Schreiben». Das fand auch die Jury. Morgen Donnerstag Abend erhalten Zsuzsanna Gahse und die ausgezeichneten Übersetzungs-Institutionen in der Nationalbibliothek Bern die Grands Prix. «Schweizer Literaturpreise», nämlich 25'000 Franken und Auftritte, gehen an Elisa Shua Dusapin, Alexandre Hmine, Anna Ruchat, Patrick Savolainen, José-Flore Tappy, Christina Viragh und Julia von Lucadou.

Erstellt: 13.02.2019, 11:35 Uhr

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