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Grossmutter tanzt auf Zehenspitzen

Alina Bronsky, Jungstar der russisch-deutschen Literatur, legt einen neuen Roman vor. Er schwankt zwischen Tragik und Klamauk.

Mit «Scherbenpark» wurde sie bekannt: Die deutsch-russische Autorin Alina Bronsky. Foto: Julia Zimmermann
Mit «Scherbenpark» wurde sie bekannt: Die deutsch-russische Autorin Alina Bronsky. Foto: Julia Zimmermann

Sechs Jahre alt ist Max, als die Geschichte beginnt: «Ich kann mich genau an den Tag erinnern, als mein Grossvater sich verliebte.» Am Ende des kleinen Romans, den Max zu erzählen hat, mag er zehn Jahre älter sein. Nicht nur seine Wahrnehmung, sondern auch seine Sprache aber ist dieselbe geblieben, einschliesslich der Vorliebe für überraschende Wendungen, die scheinbar lässig in einem Nebensatz vorgetragen werden: «Zurück vor der Haustür begriff ich, dass ich alles falsch gemacht hatte.»

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, um sich nicht zu verändern, vor allem für ein Kind oder einen Heranwachsenden. Aber in «Der Zopf meiner Grossmutter», dem jüngsten Roman der russisch-deutschen Schriftstellerin Alina Bronsky, spricht kein gewöhnliches Kind. Es redet vielmehr ein unerschütterliches, witzerprobtes und vor allem altersloses Wesen, ein verkürzter Erwachsener, so wie einst Oskar Matzerath, der Blechtrommler, ein solcher weiser Kümmerling gewesen war.

Max, das wachsame, aber stille Kind mit dem alten Gemüt, wächst in einem Wohnheim für Flüchtlinge auf, in einem heruntergekommenen ehemaligen Hotel, das irgendwo in der deutschen Provinz liegt. Dorthin hatte es ihn in den späten Jahren der Sowjetunion verschlagen, zusammen mit seinen Grosseltern. Die Eltern sind bei diesem Umzug abhandengekommen, aus Gründen, um die es in der Auflösung der Geschichte gehen wird. In der Umgebung leben andere Aussiedler, die meisten von ihnen Juden, was daran liegt, dass sich die Grossmutter auf jüdische Ahnen berufen hatte, als sie die Heimat verlassen wollte.

Laut, grell, übermächtig

Überhaupt ist diese Grossmutter eine fantastische Gestalt, laut, grell, übermächtig, in einen alten, verwaschenen Trainingsanzug gekleidet und von heftigen Vorurteilen beseelt, insbesondere gegenüber anderen Völkerschaften und speziell gegenüber Juden. Ausserdem ist sie offenbar von der Idee beherrscht, in Gestalt von Max die Verantwortung für einen in jeder Beziehung lebensuntauglichen «Schwachkopf» übernommen zu haben, der, kraftlos und von Bakterien bedroht, von allen Dingen des Lebens fernzuhalten und mit Reisschleim zu füttern sei.

Wäre dieses Buch ein Sketch, eine kurze Boulevardklamotte mit ebenso schrägen wie vertrauten Charakteren, wäre es womöglich ein Vergnügen.

Ein halbes Dutzend Bücher hat Alina Bronsky seit «Scherbenpark», ihrem Debüt aus dem Jahr 2008, mittlerweile ihrer deutsch-russischen Biografie abgewonnen, unter Beibehaltung der Überraschungen, die in Nebensätzen übermittelt werden. Und wäre dieses Buch ein Sketch, eine kurze Boulevardklamotte mit ebenso schrägen wie vertrauten Charakteren, wäre es womöglich ein Vergnügen, dem Schauspiel der Chargen zu folgen.

Da ist die Grossmutter in der Hauptrolle, die ganz Russland in sich zu tragen scheint und bei Gelegenheit auf Zehenspitzen tanzen kann; und da ist der schweigsame Grossvater, in dem nicht nur ein ewiger Knecht, sondern auch ein durchtriebener Herr und Bauunternehmer steckt. Eine rehäugige Pianistin kommt dazu, mit den sich daraus ergebenden polygamen Verhältnissen samt diversen Kindern, Enkeln und Abstürzen in den Vollrausch. Und dann ist da der abwesend anwesende deutsche Staat, der diesen mehrmals in sich gedrehten Krautwickel irgendwie zu alimentieren scheint, einschliesslich Urlaub in Spanien.

In der Mitte kippt die Geschichte

Doch soll es sich hier offenbar nicht nur um eine Kolportage, sondern um einen ernsthaften Roman handeln, weshalb nicht nur allerhand Realismus (ein Trauma, eine Lebenssünde, ein pathologischer Fall) in den heiter-brutalen Wahn der Grossmutter einzieht, sondern sich die Geschichte zudem als kleiner Entwicklungsroman des «Schwachkopfs» Max entpuppt. Folgerichtig kippt die kurze Geschichte in der Mitte, und unter dem Klamauk kommt lauter persönliche Tragik hervor.

Doch ändert sich die Sprache nicht, weshalb Alina Bronsky zu Grossbuchstaben greifen muss, um zu zeigen, dass es jetzt ernst werden soll. Von den skurrilen Qualitäten der Figuren ist da schon nichts mehr übrig.

Alina Bronsky: Der Zopf meiner Grossmutter. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 225 S., ca. 28 Fr.

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